Sam Baron: Anarchie in Keksdosen

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Text: Stephan Burkoff und Jeanette Kunsmann, 06.02.2018

Sam Baron arbeitet viel. Zwischen Paris, seiner Basis, Treviso, wo er bei Fabrica, Benettons Kreativ-Drehscheibe, als Chefdesigner lehrt, und Lissabon, seinem Heimatort, entwirft der studierte Künstler Objekte, die zwischen Design und Kunst changieren. Wir haben mit ihm in Mailand über Humor, Druck und Hasenohren gesprochen.

Für das neue Label Ars Fabricandi haben Sie mit Ihren Studenten eine Kollektion von Objekten entwickelt und beim Salone 2017 präsentiert. Was war die Idee dahinter? Die Idee war eigentlich, keine Idee zu haben (lacht). In unserem Briefing stand, nützliche Dinge zu entwerfen, die alltäglich sind, aber so, dass sie den Alltag zu etwas Besonderem machen. Die Studenten hatten nur sechs Monate Zeit für Entwurf und Prototyp – dafür aber nur wenige Auflagen. Interessant ist, wie unterschiedlich die Ergebnisse sind.

Viele Absolventen der Benetton-Schule Fabrica werden erfolgreich Kreative. Sie sind in ihrem zehnten Jahr bei Fabrica. Was ist das Geheimnis des Erfolgs? Ich glaube, es hat in erster Linie mit den strengen Aufnahmekriterien zu tun. Unsere Bewerber gehen durch ein mehrstufiges Verfahren. Sie müssen beweisen, was sie können, aber gleichzeitig auch zeigen, dass sie ebenso die sozialen Fähigkeiten besitzen, um in einem internationalen Umfeld zu lernen und zu arbeiten. Wir fordern die jungen Leute heraus und erzeugen gewissermaßen positiven Stress (lacht). Wenn sie dann bei uns ankommen, sage ich immer, dass sie alles vergessen sollen. All ihre Manierismen, die sie sich als talentierte Menschen angeeignet haben. Denn: Arbeitest du an einem Projekt mit einem Japaner und der spricht kein Englisch, brauchst du eine kreative Verbindung, die nur gemeinsam entsteht. Kreativität ist unsere Sprache.

Fabrica, Villa Pastega
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Was lernen Sie von der nächsten Generation? Was man lernt, ist, sich anzupassen. Alles verändert sich so schnell und immer schneller, jeder ist heute so flexibel – im Guten wie im Schlechten –, dass alles möglich scheint. Es gibt Studenten, die kommen als Fotografen zu uns und schließen das Jahr bei uns als Grafikdesigner ab. Alles ganz unbefangen. Ich persönlich erlebe jeden Tag als Herausforderung: Ich bin Vater, Seelsorger, Kumpel und Lehrer zugleich. Unsere Studenten bleiben ein Jahr und wechseln zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Es ist immer etwas los.

Sie sind nicht nur in der Fabrica, sondern wohnen auch noch in Portugal und in Frankreich. Wie arbeitet und lebt es sich zwischen Treviso, Porto und Paris? Alles nur eine Frage der Organisation. Ich trage zum Beispiel nur Schwarz. Auf diese Weise lässt sich alles kombinieren und leicht ersetzen (lacht).

Wie ist die Verbindung zu Petit Friture entstanden? Amélie du Passage hat mich einfach angerufen. Zuerst habe ich ihr abgesagt, beim zweiten Anlauf hat es dann geklappt. Ich hatte gerade ein Ferienhaus in Portugal fertiggestellt und zeigte ihr Bilder davon. Darauf war eine Leuchte, die ich für das Objekt angefertigt hatte. Sie war sofort begeistert, und wir hatten unser erstes Produkt. Heute sind wir wie Freunde, haben Spaß und arbeiten dabei. Es gibt nicht viele Hersteller, mit denen ich auf diesem Niveau arbeite.

Pendelleuchten So-Sage für Petite Friture, Foto: Masha Bakker

Worauf dürfen wir uns von Sam Baron freuen? Ich arbeite gerade an einem Apartment-Projekt in Porto, gestalte den neuen Messestand für Established & Sons – ihr Comeback auf den internationalen Messen. Außerdem entwickle ich Keramik für einen schwedischen Hersteller und ich entwerfe Weinflaschen.

Sie arbeiten viel. Brauchen Sie Druck? Ich finde Druck sehr gut. Ich glaube, Druck sorgt für Genauigkeit. Man muss nicht dafür sterben, aber ich finde Druck schon okay. Der Designprozess kann je nach Aufgabe eine Nacht oder ein Jahr dauern. Aber ein ambitioniertes Ziel zu haben, schadet nie.

Was ist das Ziel von Design? Es soll Probleme lösen. Keine großen Probleme – Designer sind keine Hirnchirurgen. Aber ich glaube, dass es bei Design immer weniger um die bloße Gestaltung geht. Es geht mehr darum, auf eine Aufgabe zu reagieren. Ich hasse es, wenn Designer denken, sie wären Künstler.

Welche Rolle spielt Humor für Ihre Arbeit? Das Leben ist zu kurz, um zu ernst zu sein, nicht wahr? Ich nehme meine Arbeit zwar sehr ernst und versuche, mich professionell zu verhalten. Aber wenn ich jemanden sehe, der lächelnd eine Keksdose mit Hasenohren kauft, bin ich einfach glücklich. Eigentlich ist es nur eine blöde Keksdose. Aber es ist auch Anarchie. Man riskiert ja nichts. Und wenn man kann, warum nicht?

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