Sam Hecht / Industrial Facility

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Text: Norman Kietzmann, 20.05.2015

Sam Hecht hält sich nicht auf mit unwichtigen Dingen. 2002 gründet er zusammen mit der Architektin Kim Colin das Büro Industrial Facility in London und entwirft seitdem erstaunlich einfache wie raffinierte Begleiter für den Alltag. Statt sich in der Möbelbranche zu verlieren, gestaltet das Duo auch Drucker, Telefone, Leuchten, Uhren und Küchengeräte. Ein Gespräch über Kabelsalat, Samenkörner und Überwachungskameras. 

Sam Hecht, die Entwürfe von Industrial Facility stehen vor allem für eines: Einfachheit. Für den schwedischen Hersteller Wästberg haben Sie kürzlich eine Leuchte entworfen, die mehr als nur Licht spenden soll. Erklären Sie uns, worum es bei diesem Projekt geht. 
Wir wollten bei diesem Entwurf herausfinden, was Beleuchtung heute sein kann. LEDs bestehen aus Dioden, Leiterplatten und Mikrochips. Sie sind ein Teil der elektronischen und nicht der elektrischen Welt wie noch die Glühbirne. So kamen wir auf die Idee, die Elektronik selbst zum Thema zu machen. Eine Funktion der w152-Leuchte ist, dass sich der Schalter programmieren lässt. Wenn ich nur einfach drücke, schaltet sich das Licht an und aus. Wenn ich länger drücke, dimme ich das Licht. Die Leuchte merkt sich diese Helligkeit, auch wenn sie zwischenzeitlich ausgeschaltet wurde. In den Sockel haben wir zudem drei USB-Anschlüsse integriert. Die Technologie im Inneren kann erkennen, ob ein Smartphone, Tablet oder Laptop angeschlossen wird und passt automatisch die übertragene Stromstärke an. Auf eine sehr simple Weise besitzt diese Leuchte Intelligenz. 

Leuchte w152 für Wästberg / 2015
Mit dem Zusammenschluss aus Leuchte und Ladestation reduzieren Sie den häuslichen Elektronikmüll.
Die meisten Aufladestationen sind unglücklich gelöst. Darum hängt bei den meisten Menschen noch immer ein wirrer Kabelsalat von der Tischkante herunter. Weil sich USB als internationaler Standard durchgesetzt hat, brauchen immer mehr Geräte einen solchen Anschluss. Die neue Apple Watch muss jede Nacht aufgeladen werden. Also benötigt man eine Aufladestation in Bettnähe, die einem beim Aufwachen nicht gleich den Tag verdirbt. Darum haben wir die Dimensionen der Leuchte bewusst kompakt gehalten, damit sie auch als Nachttischleuchte genutzt werden kann. Umgekehrt war es wichtig, sie nicht wie ein Gadget aussehen zu lassen. 

Zu unserem ersten Interview trafen wir uns während der Mailänder Möbelmesse 2007, wo Sie für Established&Sons die Leuchte Beam vorstellten. In den vergangenen acht Jahren hat sich die Leuchtenindustrie durch den Siegeszug der LED komplett gewandelt. Wie interpretieren Sie die neuen Herausforderungen?
Man kommt immer an den Punkt, an dem man entscheiden muss, ob man sich stärker in Richtung Ästhetik oder Funktion bewegt. Bei einer LED-Leuchte ist es nicht einfach, den richtigen Mittelweg zu finden. Weil uns die Glühbirne über so lange Zeit begleitet hat, konnte das Design um sie herum immer reifer und ausgefeilter werden. Bei LEDs fehlen diese Erfahrungen, weswegen vieles unreif wirkt. Aber das ist die Natur des Fortschritts (lacht). 

Heute muss das Licht materialisiert werden, weil die Lichtquelle selbst keine Form mehr besitzt.
Ja, LEDs sind oft kleiner als ein Samenkorn. Die Bandbreite möglicher Lösungen ist damit enorm hoch. Ebenso wie die Wahrscheinlichkeit, sich in diesen Möglichkeiten zu verlieren. Ich denke, dass man einer Leuchte vielleicht keinen Symbolwert, doch zumindest eine klare physische Präsenz geben muss. Dabei geht es nicht darum, die Leuchten-Typologie von Grund auf neu zu erfinden, sondern vielmehr Vertrautes weiterzuentwickeln. Von ihrer Form her erinnert die w152 an eine Glühbirne. Doch das Innere ist leer. Das Licht kommt aus dem Sockel, wird an der Oberseite des Gehäuses reflektiert und tritt dann nach unten aus. Ein Vorteil dieser Lösung ist, dass die Hitze der LED über den Sockel abgeleitet wird und der Schirm so kühl bleibt. Mit LEDs zu arbeiten, setzt ein Verständnis für die gesamte Mechanik voraus. Es ist ein Wissen, das wir Designer absorbieren müssen, um einer Leuchte die richtige Form zu geben.

Man könnte sagen: Die verborgenen Qualitäten des Designs spielen eine ebenso wichtige Rolle wie die offensichtlichen.
Absolut. Und es wird immer mehr in diese Richtung gehen. Wenn mir jemand sein kaputtes Smartphone gibt und mich bittet, es zu reparieren, hätte ich keine Ahnung, was ich machen soll. Doch wenn man mir ein Radio oder Plattenspieler gibt, habe ich eine recht große Chance, es reparieren zu können. Mein Vater hatte einen Elektrohandel. Als Kind begann ich dann, die kaputten Haushaltsgeräte, die die Kunden zurück in den Laden gebracht hatten, wieder zu reparieren. Das war eine gute Erfahrung. Doch heute ist die Kluft zwischen meinem Gehirn und einem gewöhnlichen Telefon derart groß geworden, dass es nicht mehr funktioniert. 
Überwachungskamera des HQ Wireless Security System für Geneva / 2015 
Welche Auswirkung hat diese technische Komplexität auf das Design?
Ich denke, dass die Hemmschwelle größer geworden ist, sich mit technischen Produkten zu beschäftigen. Vor allem junge Designer lassen sich davon abschrecken. Die unglückliche Folge ist, dass viele Absolventen nur noch hölzerne Schränke entwerfen, weil das reale Gegenstände sind, die sie verstehen können. Noch vor 20 Jahren war es normal, dass sich Designer vielen unterschiedlichen Dingen zuwenden konnten. Heute haben wir eine komplett andere Welt.

Was sollte getan werden?
Ich denke, dass sich die Ausbildung verändern muss. Junge Leute sollten nicht nur das Handwerk lernen, um Möbel zu entwerfen. Sie sollten auch Technologien und Programmiersprachen erlernen. Nur so können sie verstehen, dass Technologie zugänglich ist und etwas einbringen, mit dem sie wieder vorne sein können. Heute hat man den Eindruck, dass sich viele Designer in einer Zeitschleife bewegen. Ich denke, dass es ein wenig zu einfach gedacht ist, Formen aus der Vergangenheit zu zitieren, ohne ihnen in ihrer Materialität etwas entgegenzusetzen. Es gibt keinen Grund, sich vor Technologie zu fürchten. Entscheidend ist, dass die Designer sie auf relevante Weise einbinden. Sie muss sich angenehm und zugänglich anfühlen. Es ist Aufgabe der Designer, den Menschen ihre Angst vor Technologie zu nehmen.

Sie gehören zu den wenigen Designern, die Möbel und elektronische Produkte gleichermaßen entwerfen. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gesammelt?
Eine Folge ist sicherlich, dass unsere Entwürfe recht unvorhersehbar sind. Wenn wir uns wie Bienen von einem Projekt zum nächsten bewegen, dann bestäuben sich auch die Ideen gegenseitig. So kann ein Elektronikprodukt eine Leuchte beeinflussen und die wiederum einen Möbel- oder Medizintechnik-Entwurf. Ich liebe das, weil es neue Perspektiven erzeugt. Auch habe ich mich nie als Möbel- oder klassischer Produktdesigner gesehen. Das liegt zum Teil daran, dass es viel bessere Möbeldesigner als mich gibt. Darum machen wir höchstens ein Möbelprojekt im Jahr. Wir versuchen nicht aktiv, uns zu wiederholen oder Projekte nur um ihrer selbst willen zu machen. 

Welche Produktkategorie ist für Sie im Moment am spannendsten?
Wir arbeiten häufig in der Bürowelt. Es hat uns viel Zeit gekostet, deren Funktionsweisen zu verstehen. Ich denke, dass das Büro ein seltsamer Ort ist. Viele Menschen verbringen dort mehr Zeit als in ihrer Wohnung. Dennoch wird der Großteil der Designenergie in das Zuhause geleitet. Die Bürowelt ist noch immer ärmlich gestaltet und durchdacht. Ein anderes, interessantes Thema sind Sicherheitssysteme. Wir haben gerade für eine Schweizer Firma Überwachungskameras, Rauchmelder und Haustelefone entworfen, die die Kunden bei sich zuhause selbst einbauen können. Was es dazu auf dem Markt gibt, ist hässlich und kompliziert. Da gibt es wirklich noch sehr viel zu verbessern! (lacht)

Vielen Dank für das Gespräch!

Exklusive Interviews mit Newcomern und internationalen Stars der Design- und Architekturwelt.

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