Sebastian Herkner: Meine Heroes sind die Handwerker!

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Text: Jeanette Kunsmann & Stephan Burkoff, 11.04.2017

Imperfektion sieht er als Qualität, und bevor er etwas anfängt, will er wissen, wo es herkommt. Sebastian Herkner stellt allerlei Klischees auf den Kopf, während er mit seinen Produkten den Markt erobert. Auf dem Salone del Mobile hat der Senkrechtstarter uns erzählt, wie seine letzten zehn Jahre waren und was ein zerkratzter Beistelltisch mit seiner Arbeit zu tun hat.

Sebastian Herkner trinkt zu wenig (besonders auf Messen), ist am dritten Tag des Salone del Mobile dafür überraschend frisch, entspannt und vor allem: Er hat Zeit, was während der Mailänder Möbelwoche für einen Designer seiner Liga schon außergewöhnlich ist. In Halle 6, Stand B 24, sitzen wir auf seinem neuen Sofa Highline für das niederländische Unternehmen Linteloo. Das Sofa ist so gut und gemütlich, dass 2018 direkt das zweite Herkner-Lintello-Sofa folgen wird. Die Skizzen dazu hat der 36-jährige Offenbacher Designer Jan te Lintelo gerade erst gezeigt, was verdeutlicht: Es heißt niemals „nach“ oder „vor“ der Messe – sie ist einfach immer da.

Weil wir gerade so gut sitzen: Lass uns zuerst über dein Sofa sprechen. Gerne! Ich habe Jan te Lintelo vor drei Jahren bei einem gemeinsamen Händler in New York kennengelernt. Unsere Zusammenarbeit hat mit dem Mark Chair angefangen, dann kamen der Sessel Ample und der Keramiktisch Terrace – der wird übrigens im Bayerischen Wald von einem Kachelofenhersteller produziert, für den ich zuvor auch schon Kacheln entworfen hatte.

Highline heißt Herkners Messeneuheit für die niederländische Firma Linteloo. Foto: Sigurd Kranendonk
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Und jetzt ein Sofa. Ja, weil Linteloo aber vor allem als Sofa-Marke bekannt ist, haben wir uns 2016 das Konzept für Highline überlegt: Das Sofa hat ein sehr filigranes Gestell, das leicht gebogen ist. Es gibt es mit losen Einzelkissen oder eben mit diesen fetten, umlaufenden Kissen, die über die Lehnen hängen: Sie sind abnehmbar und man kann sie waschen. Entstanden ist Highline aus der spontanen Beobachtung von einem Kopfkissen, das über einem Stuhl hängt und sich nach unten klappt. Dieses Bild habe ich fotografiert und an Jan geschickt – es folgten Zeichnungen, Modelle, Prototypen …

Wie lange dauerte dieser Prozess insgesamt? Ein Dreivierteljahr. Das ist für ein Sofa aber durchaus normal – man muss in diesem Fall auch kein extra Werkzeug anfertigen lassen.

Also ist das hier kein Prototyp mehr – man kann das Sofa jetzt schon kaufen? Ja: Es gibt den Einsitzer, Zweisitzer, Dreisitzer und das zusätzliche Element ähnlich einem Daybed. Man kann es mit losen Kissen bestücken oder mit den opulenteren, weicheren, die wie Kopfkissen aussehen. Sie sind mit Schaum und Federn gefüllt. Dass der Komfort stimmt, darauf achtet man bei Linteloo sehr.

Du bist noch jung, aber dafür schon lange dabei: Es sind jetzt über zehn Jahre, dass du dein eigenes Studio hast. Wie würdest du die Zeit seit 2006/2007 beschreiben? Diese zehn Jahre waren natürlich sehr unterschiedlich: Ich habe mich ein Jahr vor meinem Diplom an der HfG in Offenbach selbstständig gemacht. Schon früh war ich auf diversen Messen präsent: Ambiente, imm und dann 2009 das erste Mal auf dem Salone. Drei Mal habe ich beim SaloneSatellite teilgenommen, auch mal bei den Talents in Köln. 2010 kam der Bell Table zunächst bei einer spanischen Firma auf den Markt und wird nun seit 2012 von Classicon produziert. Kurz darauf habe ich Moroso kennengelernt. Ich hatte also zwei sehr gute Kontakte, es ging weiter mit Dedon, dann kam Linteloo dazu. Bereits früh habe ich mit Pulpo kooperiert: Ich arbeite gerne mit diesem jungen Label, das anfangs niemand kannte. Diese Beziehung ist über Jahre gewachsen, was wirklich schön ist, weil sich daraus ebenso eine intensive Freundschaft entwickelt hat. Die Kommunikation ist dann wesentlich einfacher. Ganz wichtig ist generell die Beziehung, auch weil man als Designer oft in Vorleistung geht, daher braucht man einen guten und vertrauenswürdigen Partner.

Wie hat sich dein Studio seitdem verändert? Na ja: Mein Studio ist teilweise in Bezug auf meine Buchhaltung die Pressearbeit, mein Office-Management immer noch eine One-Man-Show, dennoch habe ich natürlich ein Team, welches mich im reinen kreativen Prozess unterstützt.

Buchhaltung, Pressetexte, Office-Management: Das machst du neben deiner Arbeit als Designer alles selbst!? Ja.

Wann findest du dafür denn noch Zeit? Am Wochenende.

Wirklich? Wahnsinn! Ich schlafe nicht viel.

Brauchst du nicht viel Schlaf? Das ist eine andere Frage! (lacht)

Also erledigst du all diese Aufgaben, die man eigentlich delegieren würde, tatsächlich allein? Ja, es macht mir einfach Spaß. Ich habe Assistenten und einen Praktikanten. Wir arbeiten alle an einem großen Tisch, ohne sichtbare Hierarchie – ich sitze nicht in einem gesonderten Raum. Jeder bringt durch seine Ausbildung an verschiedenen Hochschulen in unterschiedlichen Ländern seine eigene Interpretation mit. Die erste Idee und das ausschlaggebende Konzept sind natürlich von mir. Die habe ich erst im Kopf, hier beginnen sie zu reifen, zu wachsen. Sie begleiten mich im Alltag, zum Beispiel beim Autofahren. Bei mir ist es oft so, dass meine Produkte auf der Autobahn entstehen.

Das ist eher ungewöhnlich… Ja, aber für mich sind es Zeiten, in denen ich nicht abgelenkt bin. Vieles entsteht bei mir erst im Kopf: die Leuchte Oda für Pulpo zum Beispiel. Nach diesem Denkprozess war sie ausgetüftelt und musste nur noch gezeichnet werden. Ich spüre das immer sehr gut, ob es was wird, auch ob ein Produkt erfolgreich werden kann – wobei dabei immer auch noch andere Faktoren mitspielen. Wenn ein Produkt wenig erfolgreich ist, liegt die Schuld ja nicht unbedingt am Entwurf. Vielleicht sind die Fotos schlecht oder das Marketing oder der Vertrieb ist eine Katastrophe oder die Presse zerreißt es ... Es gibt so viele Faktoren.

Ist dir dein Erfolg eigentlich manchmal unheimlich? Nur auf Messen, wenn ich erkannt werde. Oder wenn Leute, die ich noch nie gesehen habe, ein Foto von mir machen möchten. Das ist schon komisch – aber sonst habe ich ja Ruhe. Dass sich alles so schnell entwickelt, hätte ich auch nie gedacht!

Wie würdest du deine Arbeit beschreiben? Verfolgst du eine Art Philosophie oder einen besonderen Grundgedanken? Es ist schon persönlich, aber das wird euch sicher jeder Designer sagen. Meine Arbeit trägt natürlich meine Sprache. Darüber hinaus möchte ich immer wissen, wo meine Produkte entstehen und produziert werden – deshalb fliege ich auch nach Cebu auf die Philippinen, um zu sehen, wie meine Mbrace-Kollektion für Dedon entsteht. Dies ist insofern auch wichtig, da ich vor Ort sehr viel von den Arbeitern lerne. Meine Heroes sind die Handwerker. Sie setzen meine Ideen in die Wirklichkeit um. Den Bell Table zu produzieren, benötigt eine langjährige Ausbildung und Erfahrung.

Welche Rolle spielen für dich Materialität und Qualität? Beides ist in meiner Arbeit sehr wichtig: Ich hatte mir als Student mal im Sale einen Beistelltisch aus transluzentem Kunststoff gekauft, der nach wenigen Wochen zerkratzt war. Ich habe mich sehr geärgert! Es kann nicht sein, dass man Geld für etwas ausgibt, das nach einer gewissen Zeit schlecht aussieht. Ich möchte langjährige Begleiter haben. Vielleicht kosten solche Möbel mehr, aber sie altern dafür umso besser, bekommen eventuell eine Patina. Sie sollen ihre Wertigkeit behalten.

Und Perfektion? Imperfektion ist für mich ein Zeichen dafür, dass es keine Massenproduktion ist. Heute sieht ja von der Lebensmittelindustrie bis zum iPhone fast alles gleich aus: Da ist etwas Echtes manchmal ganz schön.

Erinnerst du dich noch an deinen ersten Salone? Sicher! Wir haben 2007 mit der Uni in Tortona ausgestellt. In Erinnerung blieb mir Jaime Hayon mit seinem Flugzeug für Bisazza.

Und seitdem gilt für dich: Einmal Salone, immer Salone? Ich war seit 2007 tatsächlich jedes Jahr in Mailand. Das Schöne ist, dass ich viele Leute kenne und hier wiedersehe. Es ist ein Get-together an Kreativen aus den verschiedensten Disziplinen aus der ganzen Welt. Und auch wenn es eine anstrengende Woche ist – mit viel zu vielen Events und immer zu wenig Schlaf –, bleibt es ein einmaliges Event. Nur leider schaffe ich es nie auch nur annähernd, alles zu sehen!
Senkrechtstarter Sebastian Herkner, Foto: Ingmar Kurth
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Auf der Jubiläumsausstellung vom SaloneSatellite steht auch dein Bell Table. Wie würdest du dein Verhältnis zu Marva Griffin beschreiben? Sie sagt ja immer „my little boy“ zu mir. Ich sehe Marva Griffin immer wieder, es ist immer ein herzliches Wiedersehen. Sie hat mit dem SaloneSatellite eine großartige Plattform geschaffen, auf der sich junges Design präsentieren und in Kontakt treten kann.

Bevor du auf dem SaloneSatellite in Mailand warst und auch noch vor deinem Abschluss hast du ein Praktikum in London gemacht, und zwar bei Stella McCartney. Ja, das war 2003/2004.

Das ist schon eine Weile her – was hast du in deiner Zeit in London gelernt? Ich habe Englisch gelernt. Und ich habe gelernt, anders zu denken, als man als Produktdesigner denkt.

Wie denkst du denn? In einem anderen Maßstab, einer anderen Sensibilität für Farbe, Textilien, Kombination von Materialien. Das ist auch schon das Grundwissen für meine heutige Arbeitsweise. In der Mode hat Farbe bereits im Entwurf, bei den ersten Skizzen einen anderen Stellenwert, das habe ich übernommen. Viele Designer arbeiten mit ihrem blauen oder schwarzen Stift auf weißem Papier und stellen sich erst kurz vor der Messe die Frage nach den Farben oder Stoffen. Dann greift man zum Farbfächer von Le Corbusier oder Pantone und wählt seine zehn Lieblingsfarben aus ... Bei uns ist Farbe immer von Beginn an dabei.

Hast du einen Bestseller? Die Kollektion Mbrace für Dedon ist überaus erfolgreich, auch die Oda für Pulpo oder der Bell Table für Classicon. Was übrigens hier toll ist: Ich habe den Prototyp 2009 in einer Glasmanufaktur in Bayern herstellen lassen. Mittlerweile produzieren sie den Tisch kontinuierlich seit 2012, die Nachfrage wächst, das Unternehmen wächst ebenso und bildet wieder aus. Das ist eine soziale Nachhaltigkeit, auf die ich sehr stolz bin. Deswegen arbeite ich auch so gerne mit dem Handwerk. Es gehört zur Region, jedes Land hat sein typisches Handwerk, deswegen ist Dedon auch in Cebu, weil dort Flechten zur Kultur gehört – wie bei uns in Solingen die Messer und in Böhmen Glas.

Design ist auch Psychologie. Du musst dich auf einen Kunden einlassen, Design ist immer ein Dialog – Design ist Kommunikation zwischen mir und dem Stift, mir und dem Modell, zwischen mir und dem Auftraggeber und, was letztendlich am spannendsten ist: zwischen dem Produkt und dem Nutzer. Davon bekomme ich leider viel zu wenig mit. Hier habe ich keinen Einfluss darauf, wie das Produkt letztendlich in den eigenen vier Wänden interpretiert und in den Kontext gesetzt wird.
Ich sehe mich als Dienstleister und nicht als Ego-Designer. Ich kann keiner Firma ein Produkt anbieten, wenn es nicht zu ihr passt. Deswegen unterscheiden sich auch meine Produkte in ihren Formen, ihren Persönlichkeiten und Sprachen extrem voneinander. Ein Linteloo-Sofa passt nicht zu Moroso oder Dedon oder andersherum. Ich muss mich mit dem Unternehmen auseinandersetzen, den Rest macht dann mein Instinkt.

Als Frage zum Schluss: Wie lautet dein Tipp für junge Designer? Je früher man mit seiner eigenen Sache anfängt, desto besser. Man sollte auch so früh wie möglich auf die Messen gehen, um Kontakte aufzubauen. Und niemals aufgeben, wenn man abgelehnt wird: Manche rufen ein paar Jahre später wieder an, und dann kann man sie ablehnen – oder auch nicht. Der Möbelbereich ist nicht einfach – viele wollen zu denselben Marken. Ich arbeite gerne auch mit kleineren Herstellern, mit denen ich über die Jahre zusammengewachsen bin. Man sollte die kleinen Firmen nicht unterschätzen. Sehr wichtig aber ist die Presse. Als ich das erste Mal in Berlin auf dem Designmai ausgestellt hatte, hatte ich keine Pressemappe oder Ähnliches dabei: Ich hatte einfach keine Ahnung von diesem Business auf Messen. Ich komme ja aus keiner Architekten- oder Designerfamilie, ich komme vom Land. 700 Einwohner. Wo ich noch ohne iPad aufgewachsen bin, wo man tagsüber Baumhäuser gebaut hat. Und wenn es dunkel ist, gehst du heim: Dann gibt es Essen!

Mehr zum Salone del Mobile 2017 lesen Sie in unserem Special.

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