Sebastian Herkner: Von der Seife zur Fliese

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Text: Adeline Seidel

Partner: Kaufmann Keramik

Mit viel Energie kommt Sebastian Herkner die Treppe seines Studios hinuntergelaufen. Der Designer aus Offenbach ist zwar gerade mit seinem Ehemann von einer zweiwöchigen Reise durch Kolumbien zurückgekommen, aber von Jetlag zeigt er keine Spur. Während draußen sonnige Nachmittagsträgheit herrscht, brummt es in seinem Studio. Es wird telefoniert, geklickt, geräumt. Gerade erst kam eine Lieferung, Kartons und Stühle aller Art stapeln sich. Die Regale offenbaren einen kleinen Einblick in den Arbeitsprozess des Designers: Jedes Fach ist einem Produkt gewidmet. Arbeitsmodelle, Materialproben und Collagen zeigen den Weg von der ersten Idee zum fertigen Produkt. Sebastian Herkner kann mit seinen noch nicht einmal 40 Jahren auf ein bemerkenswertes, vielfältiges Portfolio blicken. Im Grunde gibt es keine Produkttypologie und kein Material, das durch ihn nicht zu überraschenden Formen und Strukturen verwandelt wurde.

Auch für Kaufmann Keramik hat Sebastian Herkner drei Kacheln gestaltet: Format, Pas und Soap. Sie alle bringen eine ganz eigene Ästhetik in das Portfolio des Unternehmens. Der Familienbetrieb mit knapp 70 Mitarbeitern, den Matthias Kaufmann in zweiter Generation mit seiner Schwester Gabriele leitet, hat sich mittlerweile eine europaweite Monopolstellung geschaffen, wenn es um Keramikkacheln für Kachelöfen geht. Und wie so oft in der Design-Branche, ist auch der Kontakt zu Matthias Kaufmann das Ergebnis von glücklichen Zufällen und vorangegangenen Kooperationen: So entwarf Sebastian Herkner einst für Bullerjan den „B3“ – einen modernen Kaminofen. Für diesen Ofen entwickelte der Designer gemeinsam mit Kaufmann Keramik die gestaltprägenden und wärmespeichernden Kacheln. Von diesem Zeitpunkt an fand Sebastian Herkner in dem Familienbetrieb einen Partner, mit dem er seine Ideen umsetzen konnte. DEAR hat ihn in seinem Studio besucht und mit dem Designer über Kachelofen-Erinnerungen, den Charme von Manufakturen und seine Entwürfe gesprochen. Vor uns auf dem Tisch stehen Wasser und Espresso – und Soap, der Handschmeichler unter den Keramikfliesen, liegt in unseren Händen.

Was ist von Ihrem ersten Besuch der Kaufmann'schen Manufaktur in Erinnerung geblieben? Bei Kaufmann liegt eine zarte Schicht feinen Staubes in den Produktionshallen. Nicht ein helles Weiß wie bei Rosenthal, wo Porzellan hergestellt wird, sondern eher ein Off-White. Dieser Staub entsteht, weil jede einzelne Kachel von Hand geschliffen wird. Irgendwo plärrte Musik aus einem alten Radio und es wurde gegossen, geschliffen, gebrannt, glasiert – es herrschte eine gelöste Stimmung. Aber besonders beeindruckt hat mich, wie für den Vorbrand im elektrisch beheizten Kammerofen die Produkte platzsparend auf einen Wagen gestapelt werden, sodass das beste Brennergebnis bei maximaler Beladung entsteht. Diese Wagen sind sicher zehn Meter lang, gut zwei Meter hoch und eineinhalb Meter tief! Das so zu schichten, ist reines Wissen aus Erfahrung, auch wenn es total lässig aussieht – die Mitarbeiter sind echte Spezialisten auf ihrem Gebiet.

Und gibt es etwas, das Sie persönlich mit einem klassischen Kachelofen verbindet? (lächelt) Kachelöfen erinnern mich immer an meine Oma: Ihrer stand glänzend weiß-beige im Wohnzimmer. Und sie stand bei Gesprächen immer mit dem Rücken direkt vor ihm. Außerdem war der Kachelofen das beste Haustelefon: Als Kinder haben wir natürlich die Luke aufgemacht und konnten uns durch die Gitter, aus denen die Wärme in den anderen Räumen kam, von Zimmer zu Zimmer unterhalten. Oder haben gelauscht, was in den anderen Räumen gesprochen wurde.

Von allen Kacheln, die Sie für Kaufmann Keramik entwickelt haben, ist Pas in seiner Herstellung das Aufwendigste. Woher stammte eigentlich die Idee zu der Kachel? Ich wollte für die Installation Das Haus zur imm 2016 eine Fliese in der Küche haben, die etwas von meinen Reisen widerspiegelt. Aus Marrakesch hatte ich eine Rolle mitgebracht, mit der man wunderbare Muster im Teig prägt. Und genau diese Textur wünschte ich mir für die Fliesen. Das umzusetzen schafft nur eine Manufaktur wie Kaufmann, denn Pas lebt von einer gewissen Unregelmäßigkeit. Mit der Idee zu Pas bin ich zu Matthias Kaufmann gegangen. Er ist ein offener und begeisterungsfähiger Mensch. Dank seiner Unterstützung konnte ich Pas realisieren. Nun wird bei Kaufmann Keramik jede Fliese dieser Serie mit solch einer Rolle von Hand hergestellt – fünf, sechs Spuren nebeneinander pro Platte. Die Fliesen für die Wand unterscheiden sich übrigens dahingehend von Kacheln für den Ofen, dass sie dünner sind, da sie nicht mit Stegen und einer Lehmschicht versehen werden müssen, die die Wärme speichert.

Denken Sie bei der Entwicklung eines solch kleinteiligen Produktes wie einer Kachel, die vom Rapport lebt, die Architektur und den Raum mit? Wir schauen bei der Entwicklung immer, welchen Einfluss die Fliesen und ihr Zusammenspiel miteinander auf Räume haben kann – und welche Stimmungen durch sie ausgestrahlt werden. Und wir überlegen natürlich schon die Anwendungen mit: Funktioniert es im Café oder Restaurant oder zu Hause? Und welche Elemente brauche ich, damit ein interessantes Bild entsteht? Wir drucken aus, pinnen es an die Wand, probieren und experimentieren. Und wir testen auch, ob sich die Fliese gut verlegen lässt.

Die Fliese Soap war zunächst tatsächlich nur eine Seife, die Sie auch für Das Haus auf der Kölner Möbelmesse entwickelt haben. (lacht) Im Sommer, wenn die Fenster in unserem Büro geöffnet waren, roch es immer nach Seife. Der Duft kam von der Seifenfabrik Kappus in Offenbach. Und diesen Geruch, den wollten wir in die Installation bringen. Doch für viele Besucher sah die Seife aus wie eine Fliese. Und so erhielten wir nach der Messe zahlreiche Anfragen, wo man denn bitte die Fliese beziehen könne. Und so haben wir mit Matthias Kaufmann Soap entwickelt und zusätzlich noch eine Innen- und eine Außenecke dafür entworfen, damit Eckverarbeitungen möglich sind.

Das Material Keramik haben Sie in verschiedenen Projekten durchexerziert. Was ist das Reizvolle an diesem Stoff? Es ist ein echtes Material. Man muss ihm nichts hinzufügen und kann daraus eine unendliche Vielzahl an Produkten herstellen. Ich denke, das ist auch heutzutage der besondere Wert von Manufakturprodukten: die Individualität, das Besondere, der Unikat-Charakter. Gerade bei Pas wird das durch die Prägung deutlich. Die Handarbeit macht den Charme dieser Fliese aus. Das macht sie auch leicht anpassbar. So bietet sie durch unterschiedliche Formate und Prägungen schier unendliche Gestaltungsmöglichkeiten eines Raumes.

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