Stefan Diez

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Text: Katrin Schamun

Stefan Diez gilt als einer der vielversprechenden deutschen Jungdesigner. Geboren 1971 in Freising arbeitete er nach einer Tischlerlehre für ein Jahr in einer Möbelfirma in Indien und begann nach seiner Rückkehr ein Studium an der Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste. Während seines Industriedesignstudiums arbeitete Stefan Diez bereits als Assistent für Richard Sapper und im Büro von Konstantin Grcic. 2003 eröffnete er sein eigenes Designbüro in München und arbeitete in Produkt- und Ausstellungsdesign für Hersteller wie Authentics, Flötotto, Schönbuch, Thonet, Merten, Wilkhahn und Moroso. Seine Entwürfe wurden bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, wie den Red Dot Award oder den iF design award oder sind in Ausstellungen und Museen vertreten. Wir sprachen mit ihm über seinen frühen Erfolg, einen neuen Entwurf für Thonet und warum es wichtig ist, an die eigenen Projekte zu glauben.
Köln, Mailand, Frankfurt, Sie sind der gefeierte deutsche Jungdesigner. Bleibt da noch Zeit für ernsthaftes Arbeiten?
Es ist nicht so einfach, Büro und Termine zusammenzubringen und dabei noch genügend Freiräume zu haben. Man engagiert sich hier und da, besucht Veranstaltungen etc. Das kostet viel Zeit und der Tag hat nur 24 Stunden – die müssen vernünftig eingeteilt werden. Ich habe den Vorteil, wunderbare Mitarbeiter zu haben, die mich sehr unterstützen. Im Laufe der Zeit kommt dann die Erfahrung, man lernt schneller zu arbeiten, Entscheidungen schneller und sicherer zu treffen und beginnt, mit seiner Zeit besser umzugehen.
Sie sind viel unterwegs, arbeiten stets an mehreren Projekten gleichzeitig. Haben Sie denn noch genügend Zeit, wichtige Entscheidungen selbst zu treffen?
Die Firmen, mit denen wir zusammen arbeiten, haben sich verändert. Im Moment arbeiten wir mehr mit Firmen zusammen, die uns im Entwicklungsprozess unterstützen können. Am Anfang hatten wir eher mit kleineren Firmen zu tun, wo mehr Eigeninitiative von uns gefragt war. Ein Beispiel: Früher haben wir jedes Modell aus Papier oder aus Gips gebaut und das kostete sehr viel Zeit. Heute nutzen wir für viele Modelle Stereolithografie, das ist zwar teurer, aber Geld spielt in diesem Zusammenhang dann nicht mehr die übergeordnete Rolle. Und wir sind oftmals um einiges schneller. Auf der anderen Seite benutzen wir aber nach wie vor Gips oder Papier, um intuitiv Dinge auszuprobieren. Unser Büro ist viel professioneller geworden und damit ist die Produktivität enorm gestiegen. Insofern mache ich mir jetzt keine Sorgen, dass ich keine Zeit mehr habe, wichtige Entscheidungen zu fällen.
Sehen Sie den Ruhm als Genuss oder Fluch?
Es ist eine schöne Situation für einen Designer, wenn er an interessanten Projekten arbeiten kann und das auch wahrgenommen wird. Ich will nicht anfangen zu jammern. [lacht] Das wäre ja noch schöner.
Sie haben für Unternehmen wie Flötotto, Authentics und Wilkahn gearbeitet und gerade eine Arbeit für Thonet vorgestellt. Folgt jetzt der Sprung in die internationale Liga?
Ich glaube, es liegt daran, dass ich mein Atelier in München habe, und so bisher überwiegend mit deutschen Herstellern gearbeitet habe. Allerdings würde es sicher interessant sein für ausländische Firmen zu arbeiten. Ich schaue, welche Angebote kommen und was dabei vielleicht interessant ist.
Sie haben für Thonet den Stuhl 404 entworfen. Welche Idee steckt hinter dem Stuhlprogramm und wie entwickelte sich das Modell?
Es begann im letzten Jahr in Mailand mit einer Anfrage von Peter Thonet, der mich fragte, ob ich Lust hätte, einen Holzstuhl zu entwerfen. Es war für mich eine interessante Aufgabe, für ein Traditionsunternehmen wie Thonet einen Holzstuhl zu entwerfen. Das ist eigentlich ein Produkt, mit dem das Unternehmen vor 150, 160 Jahren richtig erfolgreich war. Mein Ansatz war, an diese Zeit und dieses Produkt anzuknüpfen, aber dabei nicht den Rohrstuhl weiterzuführen, sondern Bugholz einzusetzen, natürlich mit der Problematik, dass wir heute industriell produzieren und nicht mehr mit der Hand.
Und warum bekam er die Bezeichnung 404?
Dass er nach dem bekannten Internetfehler 404 benannt wurde, war eine Idee von Thonet. Die haben eine Systematik, nach der sie ihre Produkte benennen. Das war ein Vorschlag und ich habe es okay gefunden.
Holz ist das klassische Material im Möbelbereich. Was ist das Neue und Moderne am Stuhl 404?
Der Stuhl ist sozusagen komplett aus einem Holz gefertigt. Es gibt keine Schraube, alles ist einfach verleimt. Die technische Innovation, die im Stuhl steckt und die die gesamte Konstruktion ermöglicht, ist, dass man heute Sperrholz mit verschiedenen Dicken herstellen kann. Auf der Unterseite ist es gut sichtbar: Der Stuhl wird ja zur Mitte hin breiter, genau unter der Sitzschale, wo Beine und Arme mit einer Knotenbefestigung eingeleimt sind. Holz ist ein weiches und flexibles Material. Es macht diese Bewegung mit und ermüdet nicht wie Kunststoff, der nach einer gewissen Zeit abbricht oder so versteift werden muss, dass er sich nicht mehr bewegt. Oder es muss eine Feder eingebaut werden. Man kennt es ja, das nach 25 Jahren die glasfaserverstärkten Sachen spröde werden und reißen.
Je nach Farbe hat der Stuhl immer auch einen anderen Charakter.
In Schwarz wirkt er sehr minimalistisch und modern und im Holzton hat er etwas ganz klassisches und wirkt wie ein Wiener Kaffeehausstuhl. Bei der Farbwahl ist es ein wenig wie bei T-Shirts, die man sich in verschiedenen Farben kauft. Wenn ich ein schwarzes T-Shirt anziehe oder das gleiche Teil in Weiß habe, bekomme ich damit zwei komplett unterschiedliche Gesichter zustande. Außerdem ist es auch einfacher von der Präsentation her, es macht viel mehr Spaß, so die Wandelbarkeit des Produktes zu zeigen. Holz zu färben ist knifflige Geschichte. Beim Kunststoff sucht man einfach eine Farbe aus, während die Struktur des Materials beim Holz erhalten bleibt und durch die ganzen Farbbeizen sich ein Rot schnell zu einem Mahagoni-Ton wandeln kann.
Wie läuft bei Ihnen der Entwurfsprozess, also die Entwicklung eines Designs ab?
Es gibt natürlich kein Standard-Vorgehen. Was mir persönlich hilft, ist mit der Größe eines Produktes zu beginnen und aus Papier oder Holz etwas auszuschneiden. Das ist eigentlich ganz banal. Letztlich liegt etwas auf dem Tisch und man hat die Möglichkeit, darauf zu reagieren. Ein Designer zieht aus seinem chaotischen Prozess im Kopf Nutzen. Er provoziert Ideen und Verknüpfungen von Ideen im Kopf passieren dann von selbst. Das ist Intuition, ein sehr überstrapaziertes Wort, bei dem jeder gleich an Magie denkt. Das man eben mehrere Lösungen für ein Problem finden kann, ist eine erfreuliche Erkenntnis, die gleichzeitig auch sehr beruhigend wirkt.
Entwerfen Sie auch am Computer?
Also oft ist es so, dass es tatsächlich sehr praktikabel ist und man schnell zu einem Ergebnis kommt. Man hat den Computer, man hat die Hand und man hat den Kopf und irgendwie versucht man alles möglichst optimal miteinander zu verknüpfen. Nehmen wir den Stuhl als Beispiel: Alles, was mit seinen Proportionen zu tun hat, kann man am Computer ganz schlecht nachvollziehen. Ein Modell bietet da mehr Anhaltspunkte, aber Details lassen sich wiederum am Computer viel besser entwickeln.
Sie wurden an der Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste ausgebildet. War dieses Studium die richtige Vorbereitung auf Ihre Arbeit?
Ja, die Stuttgarter Schule hat mich sehr geprägt und Richard Sapper, den ich unglaublich bewundere, hat mich dabei stark beeinflusst. Er war damals ein Vorbild. Er zeigte uns, was alles möglich ist und hat uns dazu gebracht, den dazu nötigen Mut an den Tag zu legen. Vorbilder sind wichtig, wenn Sie mutig sind in der Umsetzung ihrer Ideen. Bei Richard Sapper habe ich als Assistent gearbeitet. Er hat kein Industriedesignbüro mit Angestellten, wie man sich das vorstellt, sondern arbeitet in einem Zimmer zu Hause. Ich habe mit ihm zusammen an einem Projekt für die IBM gearbeitet. Es war interessant, weil es eine andere Dimension ist, als für eine Firma zu arbeiten. Konstantin Grcic, bei dem ich später auch beschäftigt war, ist für mich natürlich ebenfalls sehr wichtig gewesen.
Sie steigen auch in die Lehre ein?
Ja, ich habe derzeit eine Professur in Karlsruhe, die für ein Jahr läuft. Volker Albus hat ein Programm ins Leben gerufen, das im Wechsel immer neue Leute aus dem Designbereich als Lehrende für ein Jahr einsetzt. Diese Lehrenden haben ein eigenes Büro, so dass sie den Studenten mehr Dinge aus der Praxis vermitteln können. Das ist manchmal eine komische Situation, denn zwischen den Studenten und mir besteht fast kein Altersunterschied. Ich habe ihnen Projekte vorgeschlagen, die wir möglichst realistisch umsetzen wollen, indem wir für verschiedene Firmen Produkte entwickeln. Bisher haben Authentics, Rosenthal und Nanoo aus der Schweiz fest zugesagt.
An welchen Projekten arbeiten Sie aktuell?
Wir arbeiten gerade an einem Entwurf für Lichtschalter und an einigen Möbelprojekten.
Gibt es etwas, dass Sie gern entwerfen würden?
Mich interessiert das Thema Licht. In diesem Bereich habe ich noch nichts entworfen. Es gibt ein paar neue Materialien und Verfahrenstechniken, mit denen ich mich im Augenblick beschäftige, aber im Moment habe ich noch kein Projekt dazu. Andererseits ist immer das Projekt, an dem ich gerade arbeite, das spannendste. Mir ist wichtig, dass jedes Projekt dabei einen sehr speziellen Aspekt hat, der von Interesse ist. An Themen zu arbeiten, die einen gar nicht interessieren, halte ich für einen großen Fehler. Letztlich ist es so, dass man als Designer in Form seiner Entwürfe wahrgenommen wird. Es hat auch keinen Sinn, irgendwelchen Plänen nachzuweinen, die man nicht realisieren konnte aufgrund von Vorgaben. Man kennt das ja, im Gegensatz zur Mode und zur Musik leidet der Designer scheinbar immer unter dem Problem der Restriktionen. Jede Musik, die ich mir im Kopf vorstellen kann, kann ich morgen spielen. Ich kann Leute fragen, die Instrumente benutzen und dann geht das. Kein Musiker wird je auf die Idee kommen, jemanden zu erklären, was die ganzen Zwischenschritte in seiner Komposition waren. Aber die Designer haben eben dieses Bedürfnis, weil sie damit vielleicht erklären wollen, welche tollen Ideen sie noch hatten, aber nicht realisieren konnten, weil sie zu teuer oder zu unwirtschaftlich waren oder es nicht gehalten hat. Ich möchte davon am liebsten nichts wissen. Es gibt keinen Grund, Design in diesem Zusammenhang an die Glocke zu hängen. Die Schönheit liegt bei uns in ihrer Verwirklichung.
Vielen Dank für das Gespräch!
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