Stephanie Thatenhorst: Neuer Eklektizismus

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Text: Bettina Krause
Foto: Kerstin Weidemeyer

Stephanie Thatenhorst ist derzeit eine der gefragtesten Innenarchitektinnen. Sie kombiniert Scandi Chic mit japanischem Minimalismus und leuchtende Farben mit spannenden Mustern. Ihr eklektischer Stil trifft den Zeitgeist – und beeinflusst ihn. Mit uns sprach die Münchnerin über ihren gestalterischen Instinkt, was Projekte erfolgreich macht und über zwei Seelen, die in ihr wohnen.

Wie kamst Du zur Innenarchitektur? Nach der Schule ging ich als Au-Pair nach Sydney, mein Gastvater war Architekt. Er inspirierte mich dazu, diese Richtung einzuschlagen. Zurück in Deutschland habe ich mich in Rosenheim an der FH für Innenarchitektur beworben, aber die Aufnahmeprüfung nicht geschafft. Aus der Not heraus schrieb ich mich für Architektur in München ein, wusste aber schon nach der Hälfte des Studiums, dass ich nicht in einem klassischen Architekturjob landen würde.

Wie ging es weiter? Mein Mann ist Gastronom in München und eröffnete innerhalb von zehn Jahren fünf Restaurants. Ich habe sie designt und eingerichtet und hatte so ohne große Mühe das Glück, meine ersten Referenzprojekte zu verwirklichen und dafür relativ freie Hand zu haben. In dieser Zeit kamen auch meine beiden Kinder zu Welt. Vor fünf Jahren machte ich mich dann selbstständig.

Und seither ist einiges passiert! Ja, es ging sehr rasant. Heute arbeiten 12 Mitarbeiter in meinem Büro. Neben dem Interior Design betreibe ich einen Möbelhandel, für den ich im November einen Showroom eröffnet habe. Er ist eingerichtet wie ein Apartment mit Wohnzimmer, Schlafzimmer und Badezimmer. Unsere Projektkunden können hier die Möbel, die wir ihnen vorschlagen anschauen, aber auch Endkunden sind willkommen, sich inspirieren zu lassen oder ein Sofa zu kaufen.



Wie beschreibst Du Deine gestalterische Handschrift? Sie ist eklektisch geprägt und kann sehr unterschiedlich aussehen, denn wir arbeiten sehr facettenreich. Ich sage immer, ich fühle zwei Seelen in mir: einerseits eine laute, bunte, fröhliche, farbenfrohe – die andere Seite ist geerdet, reduziert, mit klaren Linien. Oft vereine ich beides in meinen Projekten.

Die feine Balance dieser beiden Pole macht den besonderen Stil Deiner Arbeiten aus. Das mag sein, denn die beiden Seiten können nie voneinander loslassen. Ich werde oft gefragt, wie ich sie in meinen Projekten zusammenbringe. Aber das lässt sich kaum mit Worten beschreiben, weil mein Beruf so viel mit Emotion, Instinkt und Gespür zu tun hat.

Wie gehst Du beim Entwerfen vor? Es gibt Projekte, da betrete ich den Raum und weiß sofort, wie er aussehen muss. Andere beginnen mit Recherchen oder Moodboards, um einen Zugang zu bekommen. Manchmal ist die Gestaltung auch um ein bestimmtes Objekt oder die Idee eines Bauherrn konzipiert. Es gibt kein Patentrezept, es entsteht oft aus meinem Bauchgefühl heraus.

Woran arbeitest Du momentan? Wir gestalten ein großes Hotel in Sankt Anton. Die Hotellerie gehört mit zu meinen Lieblingsaufgaben. Mir gefällt deren Komplexität und die Gestaltung eines ‚Home away from Home'. Es ist ein österreichisches Ski-Hotel, also alpin und cosy, aber wir kombinieren hier skandinavische und japanische Einflüsse.

Was sind Deine Erfahrung mit Wünschen von Bauherren? Ich appelliere immer an die Kunden, mir zu vertrauen und 100 Prozent freie Hand zu lassen. So entstehen die richtig guten und erfolgreichen Projekte.

Zum Beispiel? Das Restaurant Lilli P. in München, das mein Mann betreibt. Im November haben wir für das Projekt den German Design Award gewonnen.



Worin bestand hier die Herausforderung? Das Lilli P. befindet sich in einem modernen, sehr hochwertig ausgestatteten Gebäude, das sehr maskulin wirkt. In dem grauen Viertel wollte ich bewusst etwas Fröhliches, Helles und Feminines gestalten, das gute Laune, Leichtigkeit, California Style vermittelt – und das hat ganz gut funktioniert. Am Ende kam noch ein blauer Windfang hinzu – manchmal muss ich aus Strukturen ausbrechen und ein bisschen polarisieren. Es ist gut, wenn sich der Betrachter optisch an etwas reiben kann. Nur dann bleibt ein Ort meines Erachtens nach in Erinnerung.

Ist es schwierig, als Frau in der Branche erfolgreich zu sein und Job mit Familie zu vereinbaren? Der Beruf hat viele feminine Seiten, in meinem Team sind nur Frauen, das ist aber kein Konzept. Ich habe trotz Familie und Kindern immer viel gearbeitet. Vor drei Jahren haben wir unsere Scheune am Chiemsee als Rückzugsort fertiggestellt. Sie erregte viel Aufsehen in der Fachwelt. Dort ist am Wochenende Zeit für die Familie – unter der Woche birgt jeder Tag eine neue Herausforderung, einen neuen Spagat. Aber es ist schon zu machen, wenn man gut organisiert ist.



Gibt es eine Alternative zur Innenarchitektur für Dich? Nein. (Lacht) Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich das ganz große Privileg habe, meinen Traumberuf ausüben zu dürfen. Es gibt nichts anderes, was mich auf Dauer zufrieden und glücklich machen würde.

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