Stephen Burks

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Text: Norman Kietzmann


Stephen Burks gibt dem Thema Nachhaltigkeit ein neues Gesicht. Geboren 1969 in Chicago studiert er am Illinois Institute of Technology Architektur und schließt die Graduate School of Architecture an der New Yorker Columbia Universität ab. Dennoch entscheidet er sich gegen den Beruf des Architekten und gründet 1997 das Designstudio „Readymade Projects“ in New York. Der Name seines Büros ist von Anfang an Programm: Burks bezieht stets vorgefundene Alltagsgegenstände in den Designprozess mit ein. Schon früh spielen Fragen wie Ökologie und Nachhaltigkeit bei seinen Entwürfen eine entscheidende Rolle, die er für Kunden wie Artecnica, B&B Italia, Boffi, Modus, Calvin Klein oder Missoni entwickelt. Auch beginnt er sich für Non-Profit-Organisationen wie „Aid to Artisans“ zu engagieren und vermittelt Kunsthandwerkern in Südafrika und Peru sein technisches Know-How. Ein Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist das Projekt „Cappellini Love“, bei dem kleine Handwerksfirmen in Südafrika einen Hocker sowie einen Couchtisch aus recycelten Papierstreifen für die italienische Nobelmarke produzieren – zu fairen Konditionen. Wir trafen Stephen Burks während des Future Forums in Berlin und sprachen mit ihm über seine Installation auf der Kölner Möbelmesse 2009, schwedische Verbrecher und die wachsende Verantwortung des Designs.


Herr Burks, Sie haben in Ihre Arbeiten immer wieder Elemente klassischer Handwerksarbeit mit einfließen lassen. Liegt darin die Zukunft des Designs: Weg von den Maschinen und dem Computer zu mehr Manufaktur?

Ja, in gewisser Weise. Aber für mich muss sich das eine mit dem anderen nicht ausschließen. Ich denke, dass ist sehr wichtig für diese pluralistische Zeit, in der wir leben. Ich selbst arbeite immer noch viel mit dem Computer, doch ich gleiche es aus mit immer mehr Dingen, die mit der Hand entstehen. Das bedeutet jedoch nicht, dass nun alles ohne Maschinen gemacht werden muss. Aber es gibt gewisse Dinge, die von Menschenhand einfach besser produziert werden können als von Maschinen. Andererseits gibt es Prozesse, in denen die Maschinen deutlich besser und effizienter sind als der Mensch. Die Handarbeit kann aber auch hier ein eine schöne Ergänzung sein. Für mich ist das Zusammenspiel von beidem eine ideale Kombination.

Also alles andere als eine Entweder-Oder-Entscheidung?


Es ist eher eine Art graues Feld. Wenn man sich die besten Designs der letzten zehn Jahre anschaut, ist eine viel komplexere und keinesfalls mehr geradlinige Denkweise entstanden. Die Post-Droog-Generation, zu der ich ja auch gehöre, denkt nicht mehr in nur einem bestimmten Stil oder auf eine bestimmte Weise. Ich bin kein Signature-Designer und habe einen speziellen Stephen-Burks-Stil. Ich denke, das geht vielen Gestaltern so in meiner Generation. Das ist zugleich aber auch der Anfang von einer grundlegend neuen Sichtweise auf das Design.

Wann spielte das Thema Handwerk zum ersten Mal eine Rolle für Sie?

Es begann mit einer Serie von Vasen, die ich 2004 für Missoni entworfen habe. Das war das erste Projekt, bei dem ich gezielt mit Handarbeit zu tun hatte. Seitdem habe ich Wege gefunden, immer mehr Handarbeit in meinen Designprozess zu integrieren. Meine Projekte reichen dabei aber weit über Möbel oder Wohnaccessoires hinaus. So habe ich ebenso Verpackungen entworfen, Parfümflakons oder auch gesamte Interieurs wie momentan das neue Agenturbüro von Spike Lee in New York. Gleichzeitig habe ich Anfang 2008 in Indien meine erste Textilkollektion entwickelt, bei der es fast ausschließlich um Handarbeit ging.

Für die „Cappellini Love“-Kollektion haben Sie Streifen von Altpapier zu Sitzmöbeln weiterverarbeitet. Hergestellt werden die Objekte von kleinen Handswerksbetrieben in einem Township in Südafrika. 

Ja, das war sehr beeindruckend für mich, dass Cappellini tatsächlich daran interessiert war. Aber ich denke, dass heute alle Unternehmen ein Stück in diese Richtung gehen müssen. Die Öffentlichkeit verlangt heute, dass Produkte nachhaltiger, bewusster und nicht zuletzt auch authentischer werden. Das gilt aber auch für die Designer. Ich habe das Projekt vollkommen unabhängig mit meinem New Yorker Büro initiiert. Zuerst haben wir eine neue Technik für Pappmaschee entwickelt, anschließend in Südafrika Handwerker gefunden, die diese Technik anwenden können und schließlich einen Produzenten überzeugt, der die Produkte weltweit vertreibt. Als wir das Projekt begonnen haben, gab es weder ein Briefing noch die Unterstützung eines Unternehmens. Erst später, als das Projekt mehr und mehr Gestalt annahm, ist dann auch Cappellini mit eingestiegen. Ich denke, Designer sollten eine viel bewusster Rolle einnehmen und nicht nur ausführen, was andere von ihnen verlangen. Wir müssen eigene Vorschläge machen. Als Designer entwerfen wir ja nicht nur Formen, sondern verbinden mit unserer Arbeit vor allem Menschen. Wir arbeiten also in einem gewissen Sinne wie Geschäftsleute, die zwischen unterschiedlichen Parteien etwas aushandeln. 

Worin liegt für Sie die Herausforderung im Design?

Ich denke, es geht um das Gefühl, einen Beitrag leisten zu können. Als wir die Papierstühle angefangen haben, habe ich mir zunächst fast alles angeschaut, was es bereits historisch zu diesem Thema gab, und schließlich einen Vorschlag gemacht. Ich bin am Design nur soweit interessiert, als dass ich darin auch eine eigene Stimme finden und etwas sagen kann, das noch nicht gesagt wurde. Ansonsten bräuchte man mich ja nicht. Wir brauchen nicht noch weitere Designer, die alle dieselben Dinge von sich geben und die immer gleichen Produkte entwerfen. Vor allem die jüngeren Designer sollten dies verstehen. Wir müssen eine eigene Stimme finden, um einen Beitrag zu leisten. Einen Beitrag, der viellicht die Sichtweise auf das Design verändern kann.

Sie sprachen eben die Bedeutung der Produkte an. Sehen Sie den Formalismus als Auflaufmodell?

Ich glaube, dass die Menschen wirklich nach Produkten suchen, die eine bestimmte Bedeutung haben, eine Geschichte erzählen oder eine Verbindung zur Kultur haben. Design sollte niemals von Kultur getrennt sein. Es ist lustig, dass der Titel des Future Forums Mitte Oktober in Berlin „human design“ war. Denn im Grunde sollte jedes Design human sein. Design ist für Menschen. Es geht also nicht darum, auf abstrakte Weise die Welt zu retten. Es geht darum, Menschen zu retten. Ebenso aber auch bestimmte Arten von Arbeit und Handwerk in das 21. Jahrhundert zu überführen und so für neue Märkte und neue Identitäten zu öffnen. Das ist es, was mich interessiert.

Welche Rolle spielt heute noch die Form?

Die Form sollte immer das Ergebnis von einem gut durchdachten Prozess sein. Aber es ist natürlich unmöglich, etwas zu entwerfen, ohne eine Form zu zeichnen. Die Frage aber ist, inwieweit Form vermittelt wird und an welcher Stelle sie in diesem Prozess steht. Betrachtet man die Form von einem Objekt als wichtiger oder dessen Idee oder Bedeutung? Für mich sind die Idee und die Bedeutung wichtiger als die Form. Die Form kann alles Mögliche sein, sie hat viele Gesichter. Gleichzeitig ist es wichtig, dass sie immer aus ihrem jeweiligen Zeitgeist entsteht und nicht nostalgisch ist. Das Wiederholen von Formen, Stilen und Ideen hat für mich keinen Sinn. Die Frage lautet daher: Wie kann man etwas machen, das eine Bedeutung besitzt, Kultur vermittelt und zugleich auch zweitgemäß ist? Das sollte Design in meinen Augen sein: Es gesamtes Packet. Es geht um mehr als nur um Styling – jedenfalls hoffe ich das (lacht). Ansonsten wäre das Design nur temporär und wegwerfbar. So wie die Mode.

Aber immer mehr Hersteller tendieren genau in diese Richtung. Sie entwickeln Entwürfe von bewusst sehr kurzer Lebenszeit und versuchen den Markt auf diese Weise immer wieder neu zu beleben.


Ja, seitdem es immer mehr Messen gibt und immer mehr Hersteller mit neuen Produkten auf den Markt drängen, orientiert sich das Design zunehmend nach der Mode. Das ist es auch, was ich mit meiner Installation für die „imm-2009“ kritisiere. Denn an einem gewissen Punkt darf Design nicht wegwerfbar sein. Wir können all diese Materialressourcen nicht einfach Jahr für Jahr aufs neue aufbringen. Denn es bedarf deutlich mehr Energie, Zeit und auch Investitionen, Produkte wie Möbel zu entwickeln als Bekleidung. Viele Möbel wie Stühle bestehen zumeist aus zusammengefügten Materialien und lassen sich nicht ohne Weiteres wieder recyceln. Es gibt keine Recyclingprogramm für Möbel. Daher sollten die Menschen auch mehr darauf achten, was sie kaufen. Auch wenn Unternehmen wie Ikea viel zur Demokratisierung des Designs beigetragen haben, füllen sie doch nur die Welt mit Unmengen an Müll – ausgelöst durch ihre wegwerfbaren Produkte, die nicht dafür gemacht sind, länger als ein Jahr zu halten. Das ist für mich ein wirkliches Verbrechen und im Grunde auch beschämend.

Sie sprachen gerade die von Ihnen gestaltete „Composite Lounge“ der Kölner Möbelmesse an. Was genau können wir auf der imm cologne 2009 von Ihnen erwarten?


Mit meiner Installation versuche ich genau diese Entwicklung auf die Schippe zu nehmen. Es wird eine sehr kontroverse Arbeit, die sich über die Möbelindustrie lustig macht. Ich selbst sehe in ihr nicht viel mehr als reinen Kommerz und häufig auch gestalterischen Müll. Auf all den verschiedenen Designmessen rund um den Globus werden jedes Jahr über 70.000 neue Möbel vorgestellt. Das meiste davon ist vollkommen überflüssig. Bei meiner Arbeit werde ich daher nagelneue Möbel von Laternen herabhängen lassen, als wären sie gefundener Abfall von der Straße. Auf dem Boden wird aus Müllcontainern und Schutt eine Art Lounge entstehen, in die man sich auch setzen kann.

Das klingt gewagt für eine doch eher kommerziell ausgerichtete Messe wie die „imm“. Wer kam in diesem Falle eigentlich auf wen zu: Die Kölnmesse auf Sie oder umgekehrt?

Ich bin ja schon seit drei Jahren Mitglied im Trendboard der „imm“. Wir haben in dieser Zeit immer wieder darüber diskutiert, wie man mehr Aufmerksamkeit auf die Messe lenken könnte. Anfangs war ich auch als ein Kandidat für das Ideal-House-Projekt im Gespräch, das jedoch 2007 eingestellt wurde. Als wir bei einer späteren Diskussionen zusammen saßen und ich erneut von meinen nachhaltigen Designideen erzählte, ist die Idee zur „Composite Lounge“ schließlich entstanden. Es gab in diesem Sinne auch kein gezieltes Briefing von der Messe. Nachdem der richtige Ort gefunden war und die Finanzierung stand, konnte ich im Grunde machen, was ich wollte. Und es hat Spaß gemacht, die Möbelindustrie im wahrsten Sinne des Wortes auf den Kopf zu stellen.

Als Mitglied des Trendboards der Kölnmesse haben Sie auch an einer Publikation über die Designtrends 2009 mitgearbeitet. Welche Erwartungen knüpfen Sie an dieses Jahr?

Ich hoffe, dass die Arbeit, die ich und viele befreundete Designer und Unternehmen begonnen haben, möglichst viele Nachahmer finden wird. Ich weiß nicht, ob daraus ein Trend entsteht, aber vielleicht ja doch ein Wandel in der Industrie zum Besseren. Davon würden wir schlussendlich alle profitieren. 

Vielen Dank für das Gespräch.


Die „Composite Lounge“ von Stephen Burks finden Sie während der Kölner Möbelmesse „Imm Cologne 2009“ vom 19. bis 25. Januar in Halle 11.


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