Steven Holl

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Text: Norman Kietzmann


Steven Holl ist derzeit Amerikas stärkste Architekturwaffe. Seine Gebäude folgen keinem Stil. Was sie verbindet, ist ihre Beziehung zur Landschaft, die über auskragende Brücken, gezielte Blickachsen oder großformatige Wasserflächen mit den Gebäuden verbunden wird. Wir trafen Steven Holl auf der Architekturbiennale 2012 in Venedig und sprachen mit ihm über Gebäude als Symphonien, fotogene Sandwiches und die Unmöglichkeit, Architektur in Bilder zu fassen.



Herr Holl, wir sitzen hier gerade auf der Terrasse des Hotel Danieli. Der zweite Preview-Tag der Biennale ist soeben zu Ende gegangen. Welche Eindrücke haben Sie bisher gesammelt?

Mir gefiel vor allem der russische Pavillon mit diesen geheimen Städten, die niemand je gesehen hat. Ich könnte dort Stunden verbringen und mir diese kleinen Fotos anschauen. Ich mochte auch die Kooperation von Paolo Mendes da Rocha und Grafton Architects. Diese großen Konstruktionen aus Beton waren fantastisch. Und dann gefiel mir die Kooperation von Martin Boyce und Thomas Demand mit diesen seltsamen Fotos von Modellen russischer Konstruktivisten aus den zwanziger Jahren. Es sind sehr kleine Aufnahmen in schwarz-weiß mit einer ungeheuren Intensität.

Wie steht es mit dem Arsenale?


Das Arsenale ist problematisch. Man betritt diese Waschmaschine [gemeint ist die Installation von Norman Foster, Anm. d. Red.], die einen mit digitalen Bildern auf eine unangenehme, bombastische Weise überwältigt, ohne etwas auf den Punkt zu bringen. Es wirkt, als würde man die Nachrichten von allen Krisen der Welt auf allen Kanälen gleichzeitig schauen. Und dann ist es tragisch, den langen Rundgang mit den wundervollen Handzeichnungen von Raffael Moneo abzuschließen. Die waren schon ganz gewellt durch die Nässe. Es war ein verregneter Tag, als ich gestern dort war.  Das hat mich sehr traurig gemacht. Zwischen diesem Raum und Fosters Waschmaschine gibt es viele andere Dinge zu sehen. Aber ich denke, dass die Länderpavillons diesmal sehr viel interessanter sind.

Wie beurteilen Sie das Thema Common Ground, das David Chipperfield dieser Biennale gegeben hat?

Das Problem am Thema Common Ground ist, dass es keine genügende konzeptionelle Substanz hergibt, um all die Projekte zusammenzukleben. Alles ist Common Ground. Dieser Tisch hier, die Straße, die Stadt. Das ist ein wenig problematisch. Ich verstehe auch nicht ganz die Fotos von Thomas Struth. Hat man ein Drittel des Rundgangs passiert, landet man plötzlich in einem Raum mit seinen Fotos. Nach zwei Dritteln gibt es wieder einen Raum und fast am Ende kommt noch ein Raum mit Thomas Struth. Ich musste dabei an ein Club-Sandwich denken. Man hat ein Weißbrot, dann kommen viele Arten von Fleisch. Dann kommt wieder ein Weißbrot und dann eine Schicht aus Tomaten und anderem Fleisch und zum Schluss kommt wieder ein Weißbrot. Den Grund für diese Räume habe ich nicht verstanden. Ich meine, ich habe nichts gegen Thomas Struth. Doch es wirkt ein wenig beliebig. Aber vielleicht habe ich auch etwas nicht mitbekommen. Ich werde morgen noch einmal zurückgehen.  

Auch Sie sind mit einem Film im Arsenale vertreten als Teil von Kenneth Framptons Ausstellung über fünf Architekturbüros aus den USA und Kanada. Haben Sie nicht einmal gesagt, dass es unmöglich ist, ihre Arbeiten auf Bildern zu reproduzieren?

Das stimmt. Es ist unmöglich, weil die unmittelbare Wahrnehmung von Gebäuden das kraftvollste Mittel ist, das uns Architekten zur Verfügung steht. Wie fühlt sich ein Raum an? Wie bewegt man sich durch einen Raum und wie fällt das Licht ein? Schon Adolf Loos war überzeugt, dass man seine Räume nicht fotografieren kann. Denn Architektur ist mehr als Raum. Sie ist beyond space. Ihre Wahrnehmung erfolgt wie Musik als eine Serie sich überlagernder Perspektiven. Dieses Gefühl von einem Raumplan lässt sich nicht ablichten, ebenso wenig wie die Oberflächen der Materialien und all die kleinen Details.

Wie sollte Architektur dann wiedergegeben werden?


Ich denke, dass Film eine interessante Lösung ist. Ich habe zwei Videos der Daeyang Gallery, die wir gerade in Südkorea eröffnet haben, auf Vimeo gestellt. Der eine ist ein Kunstfilm, den die Jungs von Spirit of Space aus Weimar gemacht haben. Sie hatten freie Hand. Im zweiten Film versuche ich das Gebäude aus meiner Sicht zu erklären. Das Interessante am Medium Film ist, dass man ein Gefühl für den Raum und das Licht bekommt. Man kann hinein zoomen, über die Materialien sprechen, ein Level an Details und gleichzeitig den ganzen Raum einfangen. Ich denke, darin liegt vielleicht die Zukunft, um über Architektur zu sprechen. Dabei sollten wir die neueste Videotechnologie nutzen, vor allem auch das Internet. Youtube komprimiert zu sehr, darum ist Vimeo besser. Aber natürlich schlägt kein Film die Erfahrung, in ein Gebäude hineinzugehen. Dadurch lebt und überlebt die Architektur – egal welch wundervolle Videos man von ihr macht.

Die Daeyang Gallery haben Sie um ein zentrales Wasserbecken angeordnet, das das Sonnenlicht an die Decke der umliegenden Räume reflektiert. Die Architektur vermag sich mit dem Sonnenstand zu verändern und wirkt lebendig.

Ja, das Leben des Gebäudes greift in die Landschaft ein. Ich bin in Seattle aufgewachsen mit einer riesigen Fläche Wasser vor meinen Fenstern. Wasser ist eine Dimension, mit der ich immer arbeiten möchte. Ich versuche Landschaft und Architektur miteinander zu verschmelzen. Ich habe in den siebziger Jahren als Landschaftsarchitekt gearbeitet und tue das bis heute bei meinen eigenen Gebäuden. Das Konzept der Daeyang Gallery basiert übrigens auf einem Musikstück. Es wurde allerdings nie gespielt, weil der Komponist Istvan Anhalt die 200 Musiker nicht zusammenbekam, um die Orchesterversion dieser Symphonie zu spielen, die er 1967 geschrieben hat.

Kommen wir zurück zur Biennale. Wie würden Sie Ihre eigene Definition von Common Ground beschreiben?

Ich glaube, das Ziel dieses Themas war die soziale Verantwortung von Architektur. Das ist gut. Aber als Architekten sollten wir das ohnehin tun, so weit wir können und mit unseren Gebäuden öffentliche Orte schaffen. Als ich anfing, in China zu arbeiten, habe ich ein kleines persönliches Manifest gemacht. Ich habe mir gesagt, dass ich keinen einzigen ikonischen Wolkenkratzer bauen werde, in dem es keinen öffentlichen Raum gibt. Auch werde ich keine monofunktionalen Gebäude entwerfen, sondern nur solche, die ein Teil der Stadt werden. In Peking haben wir mit dem Wohn- und Bürokomplex Linked Hybrid tatsächlich einen öffentlichen Raum geschaffen. Und mit dem Sliced Porosity Block, der im September in Chengdu eröffnet wird, bauen wir 300.000 Quadratmeter Geschossfläche. In dessen Mitte gibt es einen sehr großen öffentlichen Raum mit drei Wasserbecken. Als  städtebauliche Arbeit bin ich darauf sehr stolz. Selbst mit den skrupellosesten Investorenprogrammen im Nacken lässt sich sozialer Raum schaffen.

Ihre Projekte in China haben weitaus größere Dimensionen als Ihre bisherigen Arbeiten in Europa und in den USA. Welche Erfahrungen haben Sie bei ihrer Umsetzung gemacht?

Dass nachhaltigen Aspekten Priorität eingeräumt wird. Jedes Gebäude, das wir in China gebaut haben, wird geothermisch geheizt und gekühlt. Es gibt Solarpaneele auf den Dächern und das Wasser wird wiederverwertet. In Amerika ist das überhaupt nicht der Fall. Man muss stets kämpfen und argumentieren. Dabei spielen ökologische Fragen eine wichtige Rolle für die Zukunft der Architektur. 40 Prozent der globalen Erwärmung werden von Gebäuden verursacht. Darüber müssen wir wirklich nachdenken. Aber vielleicht hatten wir in China auch nur sehr gute Bauherren.

Wie gehen Sie an die Planung nachhaltiger Gebäude heran?

Ich arbeite schon seit Jahren mit Matthias Schuler von Transsolar aus Stuttgart zusammen.  Er ist eine brillante Figur in diesem Feld. Ich habe einmal auf einer Konferenz von ihm in Stuttgart gesprochen und gesagt: Wir dürfen dabei aber die Poesie nicht vergessen. Egal wie viele Solarpaneele wir verwenden und wie viel Wasser wie recyceln: In der Architektur geht es auch um die Poesie des Raums und des Lichts. Sie muss unser Leben inspirieren. Das ist für mich das Hauptziel der Architektur. Die anderen Dinge müssen gemacht werden, sicher. Aber dieses Hauptziel zu erreichen, ist sehr viel schwieriger. Aber wenn man es erreicht, ist es fantastisch. Einer meiner frühen Professoren sagte, dass ein Gebäude mehr sein, wenn man hineingeht, als wenn man es von außen betrachtet. Ein Gebäude, das Innen nichts anzubieten hat, ist nichts wert.

Von räumlichen Qualitäten als auch von Fragen der Ökologie ist die Hauptausstellung dieser Biennale weit entfernt ...


Und ist es nicht seltsam, dass kein einziger chinesischer Architekt eingeladen wurde, aber dafür gleich neun aus der Schweiz? Es gibt 1,3 Milliarden Menschen in China und 300 Millionen in den USA. Wie viele wohnen in der Schweiz? Ich weiß nicht. Es soll doch eine globale Biennale sein. Also müssen wir zuerst eine globale Vorstellung haben und dann entscheiden, was wir zeigen wollen. Common Ground ist die Erde, der Globus. Aber egal. Ich möchte David nicht kritisieren. Es ist so schwer, eine Biennale zu organisieren. Es war eine schwierige Herausforderung und er hat sie geschafft. Ich denke, es ist wichtig, dass die Dinge weitergehen und all die Energie, Argumente und Provokationen alle zwei Jahre in Venedig zusammenkommen. Die Biennale ist sehr wichtig für die Architekturkultur.

Vielen Dank für das Gespräch.

Geboren 1947 in Bremerton nahe Seattle, studierte er an der University of Washington und an der Architectural Association in London. 1976 eröffnete er sein eigenes Architekturbüro in New York und unterrichtet seit 1981 an der Columbia University. Zu seinen wichtigsten Projekten gehören das Museum für zeitgenössische Kunst in Helsinki (1993-1998), das Studentenwohnheim Simmons Hall am MIT in Cambridge (1999-2002) sowie der Apartment- und Bürokomplex Linked Hybrid in Peking (2003-2009).

Steven Holl
im O-Ton: Das Interview im Video.


Zum Thema: Weitere Berichte aus Venedig erfahren Sie in unserem Special sowie im Biennale-BauNetz-Blog: www.baunetz.de/biennale

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