Surreale Räume: Die Zukunft ist ein Rendering

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Text: May-Britt Frank-Grosse

Die Idee für Visual Citizens entstand, als sich Shali Moodley und Adam Kelly während eines Praktikums in einem Architekturbüro in Barcelona kennenlernten. Seit eineinhalb Jahren experimentieren die Südafrikanerin und der Schotte in ihrer Wahlheimat Rotterdam mit digitalen Visualisierungen, mit dem Ziel, die Grenzen der Raumgestaltung zu erweitern. So entstehen architektonische Konzepte, die die Art und Weise, wie Architekten Räume denken und gestalten, nachhaltig beeinflussen könnten.

Was ist Wirklichkeit, was ist ein Bild? Mit CGIs (Computer Generated Images) architektonische Räume zu visualisieren, ist nicht neu. Seit der Computer zum Handwerkszeug des Architekten wurde, entstehen Bilder, die den Entwurf anschaulich vermitteln sollen. Doch bisher folgten die räumlichen Bildwelten realen Bedingungen. Unbaubare virtuelle Welten waren den Nerds der Architekturhochschulen vorbehalten.

CGI-Künstler wie Shali Moodley und Adam Kelly von Visual Citizens bewegen sich genau im Spannungsfeld dieser Pole. Ihre hyperrealistischen Raumbilder könnten durchaus echt sein, muten aber gleichzeitig unwirklich an. Für die Mailänder Möbelmesse 2019 schufen sie eine surreale Raumlandschaft für die Möbel der Designerin Geke Lensink und auf der Dutch Design Week im Herbst werden sie das Projekt Lily Pad vorstellen, eine Mischung aus digitalen, künstlichen und realen Objekten, die den Besucher in eine dystopische Welt entführt. Wir sprachen mit den beiden Architekten über ihre Motivation, woher sie ihre Ideen nehmen und welche Bedeutung das Entwerfen am Computer hat.

Ihr arbeitet als Architekten an der Gestaltung realer Räume. In euren Renderings schafft ihr jedoch Orte, die außerhalb der Realität stehen. Was fasziniert euch an diesen selbst erschaffenen Realitäten? Adam Kelly: Natürlich sind wir ausgebildete Architekten, die immer noch „richtige“ Arbeit leisten. Aber du hast recht: Was uns an Visualisierungen so fasziniert, ist, dass es reine Erfindungen sind – völlig imaginär. Wenn man sie aber lebensecht aussehen lässt, glaubt der Betrachter eventuell für einen Moment, dass diese Räume tatsächlich existieren.

Was glaubt ihr, wie CGIs unsere Betrachtungsweise und letztlich die Gestaltung von architektonischen Räumen im Allgemeinen verändern? AK: Visualisierungen werden häufig als generisch verschrien und haben daher einen schlechten Ruf. Oft werden sie nur dazu verwendet, die Realität nachzubilden. Wir möchten versuchen, uns von dieser Definition zu lösen. Wir finden es spannend, unkonventionelle Materialien zu erkunden und zu versuchen, surreale Atmosphären zu schaffen. Auf diese Weise können wir unnatürliche Räume natürlich oder real aussehen lassen. Das wiederum fordert den Betrachter heraus und kann auch eine emotionale Reaktion auf unsere Bilder hervorrufen.

Erlaubt euch der virtuelle Raum, die Realität zu hinterfragen? AK: Ich glaube, echte und virtuelle Visionen für die Zukunft haben das Potential, die Art und Weise, wie wir arbeiten und über Raumgestaltung denken, zu verändern. Wir würden gerne die Grenzen zwischen real und virtuell durchbrechen. Dieses Medium gibt uns die Möglichkeit dazu.

Sind es vor allem technische Fähigkeiten oder viel Fantasie, die es euch erlauben, diese Welten zu erschaffen? Shali Moodley: 3D-Programme sind nur ein Medium, um Ideen zu entwickeln. Es sind Werkzeuge, ähnlich wie Skizzen oder Modelle. 3D-Programme zu bedienen, haben wir durch stundelanges Ausprobieren und durch viele YouTube-Videos gelernt. Normalerweise verbringen wir eine erhebliche Zeit damit, Konzepte und Ideen zu entwerfen, und erst hinterher versuchen wir uns an der digitalen Umsetzung der Ideen. Es kommt also eher selten vor, dass unsere technischen Fähigkeiten das Design bestimmen.

Wer oder was inspiriert euch? SM: Wir haben uns schon immer von unseren Reisen inspirieren lassen. Vor allem Städte erlauben uns, neue Perspektiven einzunehmen. Wir versuchen, so gut es geht, in neue Orte, neue Kulturen und neue Ideen einzutauchen.
AK: Ich denke, uns kann fast alles inspirieren. Manchmal ist man in einem Raum mit einer tollen Lichtsituation und plötzlich wird aus einem blauen Himmel ein violetter. Oder man stolpert über ein Objekt mit einer interessanten Form – all das kann eine Idee hervorrufen.

Ihr habt euer erstes Projekt mit Geke Lensink auf der Mailänder Möbelmesse realisiert. Wie kam diese Kooperation zustande? SM: Die Zusammenarbeit mit Geke Lensink war wirklich toll, sie ist eine etablierte Möbeldesignerin in Amsterdam, und wir haben viel von ihr gelernt. Sie kontaktierte uns und wollte ein Werk für den Launch ihrer neuen Kollektion Souvenir auf der Mailänder Designwoche. Das Bild, das wir für die Objekte entworfen haben, stellt einen imaginären Raum dar, in dem sich Reisende in einer fließenden Gesellschaft treffen und erholen. Auf diese Weise haben wir versucht, die jahrelangen Reiseerfahrungen darzustellen, die die Grundlage für die Kollektion bildete.

Gibt es spannende Projekte, an denen ihr derzeit arbeitet? SM: Wir arbeiten an einigen Ideen, um unsere digitale Arbeit in physische, greifbare Erfahrungen zu verwandeln, sodass man das Gefühl dafür verliert, was real und was virtuell ist. Wir nennen das „phygitale“ (physical + digital) Räume. Das Projekt Lily Pad - An Immersive Experience werden wir auf der Dutch Design Week 2019 zum ersten Mal vorstellen. Mit dem Projekt möchten wir daran erinnern, dass Naturräume tagtäglich durch menschliches Eingreifen zerstört werden.

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