Toan Nguyen

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Text: Katharina Horstmann
Foto: Laufen

Toan Nguyen hat die Leichtigkeit der Keramik entdeckt. Bei seiner in der letzten Woche auf der ISH in Frankfurt präsentierten Badkollektion für Laufen ließ er alles Unnötige weg: die Masse, das Volumen, die optische Schwere. Dabei half dem in Mailand lebenden Franzosen das neuartige Material Saphirkeramik des Schweizer Unternehmens. Es ermöglicht Formen, Radien und Wandstärken, die bisher in der Keramik undenkbar waren. Wir trafen Toan Nguyen in Frankfurt und sprachen mit ihm über laue Sommerabende, plötzliches Altaussehen und darüber, einmal der Erste zu sein.

Herr Nguyen, zur diesjährigen ISH wurde Ihre neue Kollektion Ino vorgestellt. Wie kam es zu diesem Entwurf?

Es begann mit einem Abendessen im Juni 2013 in Mailand. Es war heiß, der Wein fantastisch. Es war die richtige Ausgangsbasis für ein gutes Gespräch (lacht). Ich arbeitete schon mit Laufen zusammen, und Marc Viardot, der Marketing- und Produktdirektor des Unternehmens, wollte mit mir über die Saphirkeramik sprechen. Sie war gerade in Form eines schlichten Waschbeckens als Teil der Kartell-Kollektion vorgestellt worden, und Laufen wollte nun das Potenzial dieses neuen Werkstoffes weiter erforschen.

Was ist die Besonderheit des Materials?
Saphirkeramik ist dicht und hart, dabei überaus fein mit sehr präzisen Linien. Einerseits behält sie die Vorzüge der traditionellen Keramik insofern, als dass sie hygienisch ist und den gleichen Produktionsprozess teilt: gießen, glasieren, brennen. Andererseits ist sie modern und hochleistungsfähig. Ihre dünnen Wände ermöglichen sehr grafische, minimale Formen. Die Radien können eng sein, dennoch sind sie nicht scharf, sondern weich. Man kann Waschbecken aus Mineralguss herstellen, aber es gibt kein besseres Material als Keramik. Die meisten von uns essen auch lieber von einem Keramik- als von einem Plastikteller.

Neben Ihnen hat auch Konstantin Grcic eine Kollektion aus dem neuen Werkstoff entworfen, die in Frankfurt präsentiert wurde.
Laufen wollte von Anfang an mit zwei Designern zusammenzuarbeiten, um unterschiedliche Ansätze zu erzielen. Sie beauftragten mich, einen Waschtisch zu entwerfen und dazu einen Designer vorzuschlagen, der das gleiche tun sollte. Meine Wahl fiel auf Konstantin Grcic, der auch Laufens Favorit war.

Gab es Vorgaben bei dem Entwurf?
Laufen ließ uns relativ freie Hand. Es war wirklich interessant, als wir das Werk in Gmunden in Österreich besuchten. Es gab viele Fragen, auf die es keine klaren Antworten gab. Wir wussten nicht, was möglich war, und was nicht. Dieses Unwissen, dieses ‚vielleicht’ übt eine besondere Faszination auf mich aus. Deswegen war es wichtig, bis an die Grenzen des Materials und seines Produktionsprozesses gehen zu können. Dabei war schnell klar, dass es sich bei dem Projekt nicht um ein konzeptionelles, sondern ein praktisches Produkt handelt – aus einem Material, das Keramik neu definieren kann.

Was kennzeichnet Ihre Kollektion?
Mein Ausgangspunkt war, einen archetypischen Waschtisch zu nehmen und ihn in etwas anderes zu verwandeln. So entstand ein wandmontiertes Waschbecken mit einer einseitigen Ablage. Die Ablage nimmt den Platz ein, der um ein Becken herum normalerweise frei bleibt. Die Saphirkeramik ermöglicht es, mit Linien und Oberflächen zu arbeiten, nicht mit Volumen. Es gibt keinen Hohlraum mehr – keine doppelte Wand, nur eine. Es gab auch ein paar Referenzen, wie zum Beispiel das Keramikbecken Linda, das Achille Castiglioni für Ideal Standard entworfen hat. Es existieren viele Klone aus traditioneller Keramik, die einfach nur eine Umgestaltung des Originalentwurfs sind. Mit der Saphirkeramik konnte ich ein ikonisches Waschbecken neu entwerfen, dabei aber die Sprache und Parameter komplett verändern.

Mussten Sie Ihren Ausgangsentwurf verändern?
Eine wichtige Änderung bestand darin, die Wandstärken des ursprünglichen Waschbeckenentwurfs zu reduzieren. Seine ursprünglichen Proportionen basierten auf denen von klassischeren Keramikstücken. Ich habe jedoch schnell verstanden, dass man mithilfe der dünnen Wände einen kleineren Waschtisch machen kann, der großzügiger proportioniert ist.

War von Anfang an klar, dass daraus eine Kollektion hervorgehen würde?
Der wandmontierte Waschtisch mit Ablage, den wir auch als Prototypen auf der Mailänder Möbelmesse präsentiert haben, war der Auftakt zu der Kollektion und definierte auch deren Formensprache. Nach dem Salone kamen die einfachen Modelle ohne Ablage und Schalen sowie Badmöbel und Badewannen dazu. Wenn man genau hinsieht, nimmt man wahr, dass die Wände der Becken sehr dünn sind. Und das wird selbstverständlich werden. Mir gefällt das, denn die Idee ist, mit dem Gegenstand zu leben und durch Gewohnheit zum eigenen Standard zu erheben. Es ist die neue Normalität.

Die neue Normalität?
Es gibt eine Autowerbung, in der es heißt, alles sähe plötzlich alt aus. Und in der Tat: Wer sich auf der ISH umgesehen hat, konnte erkennen, wie sich ein neues Materials auswirkt. Spannend fand ich, zu den Ersten zu gehören, die mit Saphirkeramik arbeiten. Wir mussten uns keine Wettbewerber ansehen. Es war wie eine Carte Blanche.

Können Sie sich vorstellen, wieder mit ‚herkömmlicher’ Keramik zu arbeiten?
Das ist bestimmt nicht mehr so leicht (lacht). Letztendlich kommt es immer darauf an, woran man arbeitet. Momentan ist es zum Beispiel nicht möglich, Toiletten aus Saphirkeramik herzustellen. Auch Badewannen ergeben bislang keinen Sinn, weswegen ich für die beiden Badewannen der Kollektion Mineralguss gewählt habe. Er birgt wiederum eine andere Herausforderung, um etwas Neues zu hervorzubringen. Die Wannen haben sehr dünne Wände und lehnen sich damit ästhetisch an die Entwürfe aus Saphirkeramik an, sind aber gleichzeitig innen abgerundet und weich.

Sie sind nicht nur im Badbereich aktiv, sondern arbeiten in vielen Gestaltungsbereichen. Kommt es gelegentlich zu Schnittstellen zwischen den verschiedenen Projekten?
Ich denke nicht. Ich strebe keinen unverkennbaren Stil an, vielmehr steht immer die Funktionalität im Vordergrund. Für mich ist jeder Kunde eine neue Geschichte. Ich arbeite im Sanitärbereich, entwerfe Leuchten, Möbel und Elektronik – das ist das Gute daran, Designer zu sein. Ich arbeite in der Schweiz mit Keramik, in Italien an Möbeln, es gibt also verschiedene Orte, Menschen und Ansätze. Das ist der angenehme Teil unserer Arbeit. Wenn man die richtigen Kunden hat, ist das wirklich cool.

Vielen Dank für das Gespräch.

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