Tom Schönherr / Phoenix Design

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Text: Tanja Pabelick


Phoenix Design gehört zu den international erfolgreichsten Designstudios und ist damit ein bedeutendes Gesicht der modernen deutschen Gestaltung. Die Gesichter hinter der Marke Phoenix hingegen kennt kaum jemand – die Designer halten sich lieber im Hintergrund. Vor 30 Jahren haben Andreas Haug und Tom Schönherr ihr Studio gegründet und für ihre Arbeit bisher mehr als 700 Design-Preise erhalten. 1988 wurden sie mit dem Lucky Strike Designer Award ausgezeichnet, in 2012 wurde ihnen der German Design Award in der Kategorie Persönlichkeit verliehen. Seit zwei Jahren hat Phoenix Design ein weiteres Studio in München und eine Repräsentanz in Shanghai. Wir trafen Tom Schönherr und sprachen mit ihm über Krümelfallen, das gestalterische Potential der Hand und die Fernwirkung ihres neuen Arbeitsstuhles für bimos/interstuhl.


Nicht auf allem, wo Phoenix drin ist, steht auch Phoenix drauf. Ist Ihnen leises Design ein Anliegen?

Man könnte schon sagen, dass das unser Credo ist. Wir sehen uns nicht als Autorendesigner, sondern im Dienst der Produkte. Es gibt andere, die treten gern in die Öffentlichkeit - uns liegt das nicht so. Unser Design entsteht in einem großen Team, und wir wollen uns nicht als Einzelpersonen in den Vordergrund stellen. Deswegen nennen wir uns auch Phoenix Design und nicht Haug/Schönherr.
 
Und sie sind ja mittlerweile nicht mehr nur ein Duo, sondern vier Geschäftsführer...
 
Ja, seit einiger Zeit haben wir Vierradantrieb (lacht). Wenn ein Studio wächst, kann es passieren, dass du plötzlich Manager und Unternehmer bist und mit der Gestaltung nichts mehr zu tun hast. Deswegen haben wir mit Harald Lutz einen Kaufmann im Boot, der uns den Rücken frei hält für die Kreation. Und Bernd Eigenstetter hat als Designer und Managing Director den Schwerpunkt Interaction Design und baut die Dependance in München weiter auf.
 
... und die meisten Produktdesigner geben die Umsetzung digitaler Oberflächen an Spezialisten weiter. Warum haben Sie die Entscheidung getroffen, direkt zu integrieren?
 
Interaction Design muss mit Produktdesign zusammenwachsen. Da ist man heute noch nicht so sensibel und akzeptiert Brüche, aber das wird sich in den nächsten Jahren drastisch ändern. Vor allem Apple hat da Maßstäbe gesetzt. Der Kunde erwartet jetzt selbst bei einer Heizungsanlage eine intuitive Bedienung, die auch ästhetischen Ansprüchen genügt. Das war früher anders, da wurde das als Expertensystem verstanden. Wir sind überzeugt: Bei vielen Produkten wird das Interface & Interaction einmal wichtiger sein als das eigentliche Produktdesign.
 
Sind das nicht auch die ersten Anzeichen dafür, dass sich die Profession des Designers komplett verändern könnte? Werden eines Tages nur noch Datensätze produziert?
 
Als Ergebnis der Arbeit wohl schon. Das merken wir jetzt schon. Früher haben wir dem Kunden am Schluss des Prozesses ein Modell übergeben. Heute ist es immer ein Datensatz. Und auch die Arbeitsweise hat sich geändert, wobei wir immer noch Wert darauf legen, die Dinge mit der Hand in der Werkstatt zu produzieren. Es gibt Produkte, bei denen sich der Computer als Instrument für die Gestaltung sehr gut eignet. Aber ich denke, man spürt, wenn etwas von Hand gemacht ist. Wir arbeiten zum Beispiel sehr viel für Hansgrohe. Das sind Produkte, die man in die Hand nimmt, die man berührt, und die muss man aus meiner Sicht mit der Hand gestalten.
 
Apropos Hände: Phoenix Design gestaltet viele Produkte, die klassischerweise nur durch Ingenieurshände gehen. In ihrem Portfolio findet sich sogar ein Defibrillator. Ist jedes Produkt es wert, gestaltet zu werden?
 
Ganz klar ja. Viele denken ja, es gäbe solche Bereiche, in denen Design unwesentlich wäre, aber das sehen wir ganz anders. Jedes noch so kleine und unscheinbare Produkt bietet Potential für Verbesserungen, ästhetisch und funktional. Und bei Produkten wie dem Defibrillator geht es nicht in erster Linie um die Ästhetik, sondern um die Funktionalität und eine absolut klare Semantik in der Bedienung. Wir betrachten solche Aufgaben ganzheitlich: Wir beziehen die Sicht des Patienten, dem vielleicht die Angst genommen werden muss, genauso mit ein, wie die des Benutzers, der das Gerät richtig bedienen muss.
 
Sie fassen ihr Arbeit mit „Logik, Moral, Magie“ zusammen – die Logik ist sofort zu sehen. Könnten Sie zu Moral und Magie noch was sagen?
 
Moral meint letztendlich die gesellschaftliche und ökologische Verantwortung, die wir als Designer haben. Was wir gestalten, wird teilweise millionenfach und über Jahre hinweg produziert. Da kommt es schon darauf an, dass die Dinge gut halten, und dass sie, auch wenn sie recycelt werden, keine großen Umweltschäden verursachen. Und die Magie steht dafür, dass jedes Produkt geliebt werden will. Manchmal hat man Produkte, die eigentlich schon längst „übers Datum“ sind, und trotzdem hängt man dran. Das streben wir an, was aber sicher nicht immer gelingt.
 
Das Zeitgeist-Problem...
 
Ja, ganz massiv. Dem versuchen wir entgegenzutreten. Mit eigenständigen Entwürfen und funktionsorientiertem Design. Und ich glaube, ein aus der Funktion entwickeltes Produkt wird eher geschätzt und erstaunlicherweise als schöner empfunden: Das Verständnis eines Produktes trägt auch zum ästhetischen Empfinden bei.
 
Für Bimos/Interstuhl haben Sie einen Arbeitsstuhl für die Produktion entwickelt. Welche Langlebigkeits-Lösungen haben Sie hier gefunden?
 
Ein gutes Beispiel ist das Polster. Polster sind in der Regel das Erste, was an einem solchen Stuhl kaputt geht. Bei Neon lässt es sich komplett rausnehmen, reinigen oder ersetzen. Das ist auch praktisch, wenn sich das Arbeitsgebiet ändert.

Neon hebt sich durch sein dynamisches Auftreten auffällig von der Konkurrenz ab... Erinnert fast an einen Autositz.
 
Dynamik war schon unsere Intention. Ein Arbeitsstuhl fördert eher die Bewegung und soll dafür sorgen, dass man sich darin nicht wie in einem Chefsessel ausruht. Daher kommt auch diese Autositzoptik. Von hinten schirmt er ab, von vorne sollte er aber doch einladend wirken. Und dann gibt es das umlaufende Stoßband, eine aktive und passive Schutzfunktion. Es signalisiert, dass es den Stuhl im Gebrauch schützt, aber auch, dass es die Menschen und die Umgebung vor dem Produkt schützt. Und es hat eine Fernwirkung. In einer Produktionshalle nimmt man den Stuhl durch diese farbliche Akzentuierung sofort wahr.
 
Stellt einen ein Arbeitsstuhl für das Produktionsumfeld vor besondere Herausforderungen?
 
Schwierig war zum Beispiel, den Übergang zwischen dem herausnehmbaren Sitzkissen und dem festen Teil mit Hilfe des Schutzbandes so zu gestalten, dass dort keine Krümel reinrutschen können. Das sind scheinbar nebensächliche Themen, aber am Anfang hatten wir das noch nicht berücksichtigt. Wenn man sich dann darauf gesetzt hat, dann wurde das Polster an dieser Stelle aufgedehnt. Das Schutzband ist also nicht einfach ein schicker Streifen, wie bei einem Turnschuh, sondern kommt aus der Funktion heraus.
 
Entwickelt Phoenix immer nach Auftrag oder kommt es vor, dass Sie aus eigenem Impuls gestalten?
 
Wir arbeiten immer zusammen mit dem Kunden an der Entwicklung neuer Produkte. Wir verstehen unser Design als Maßkonfektion und sind nicht diejenigen, die ein hübsches Kleid gestalten und dann sagen: Jetzt soll es dem Kunden auch passen. Aber wir haben uns auch einen kreativen Fluchtraum geschaffen. Schon zu den Anfangszeiten von Phoenix haben wir die Phoenix Academy gegründet. Hier bearbeiten wir interessante Projekte, bei denen wir uns ganz bewusst von den Restriktionen des sogenannten Lastenheftes frei machen.
 
Welche Themen sind das?
 
Ein Beispiel: Als der Mobilfunk aufkam, waren die Telefone noch riesige Kisten, mit einem eingebauten Netzteil und einem Hörer. Wie bei allen technologischen Neuentwicklungen hat die Technologie das Design noch vorgegeben. Wir aber haben uns gefragt: Was wird passieren, wenn sich die Dinge in der Größe, aber auch im Preis verändern? Und so haben wir schon 1990 ein Objekt entworfen, das wie eine Brosche funktioniert hat, sogar mit einer Art Vibrationsalarm. Damals haben wir uns als Team einmal im Jahr eine Auszeit genommen, um kreativ frei zu schwimmen. Heute ist das etwas anders. Da fördern wir Projekte, die uns Praktikanten, die noch studieren, vorschlagen. Und dann arbeiten wir zusammen an diesen Projekten.
 
Vielen Dank für das Gespräch.

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