Vom Pferderücken auf den astreinen Boden

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Text: Anne Meyer-Gatermann, 04.07.2018

Hiram ist ein Familienunternehmen, das am westlichen Rand des Schwarzwaldes zuhause ist und unter dem Namen Hiram Floors raumlange Schlossdielen herstellt. Jetzt steht die Überführung in die zweite Generation an: In den kommenden Jahren wird Fabian von Saucken die Geschäftsführung mit seinen beiden Söhnen, die bislang als Prokuristen im Unternehmen arbeiten, teilen. Mit einem der beiden, Bernhard von Saucken, haben wir über Rückepferde, astreine Oberflächen und „Made in Germany“ gesprochen.

Herr von Saucken, erzählen Sie uns etwas über den Ursprung von Hiram? 

Wir sind ein Familienunternehmen, das mein Vater 1984 hier im Schwarzwald gegründet hat. Er war erst als Ingenieur tätig und hat dann angefangen, Rundholz einzuschlagen und es mit Rückepferden aus dem Wald zu ziehen – als Dienstleistung. Nach dem Sturm Lothar im Jahr 1990 fing er an, es auch zu handeln, also zu kaufen und an Sägewerke zu verkaufen. Bis heute arbeiten wir nur mit heimischen Holzarten.



Sie sagten, dass Ihr Vater Ingenieur war – hat er sich den Beruf Holzhändler selbst beigebracht?

 Ja, er hatte zwar innerhalb seiner Familie und auch über sein Studium der Agrarwissenschaften schon Berührung damit, aber er hat sich die Grundkenntnisse der Forstwirtschaft, wie den Forstbetrieb, die Einschlagzeiten oder das Wissen über Bäume und Holzarten selbst beigebracht – durch offene Kommunikation, Zuhören und Beobachten. Seitdem sind viele Sägewerke in Deutschland und den Nachbarländern unsere Kunden geworden – allerdings sind in den vergangenen Jahrzehnten gerade im Schwarzwald etliche von ihnen insolvent gegangen oder haben den Betrieb eingestellt, weil sie keine Nachfolger gefunden haben. Wir mussten uns dann neue Kunden und neue Geschäftsfelder suchen: Also haben wir uns auf seltenere Holzarten wie die Douglasie spezialisiert und Hersteller für Parkett und Dielen mit dem Rundholz beliefert.



Wo steht das Unternehmen heute?
 
Neben dem Handel, unter anderem mit besonders hochwertigen Hölzern, der Produktion von Elektrizitätsmasten und mehreren anderen Geschäftsfeldern haben wir 2016 die Marke Hiram Floors entwickelt und produzieren seitdem raumlange Massivholzdielen.



Die neue Marke ist also auch vor dem Hintergrund der Insolvenzen und Stilllegungen der Sägewerke entstanden? 

Ja. Mittlerweile gibt es nur noch einige wenige Sägewerke, die ihren Platz am Markt gefunden haben. Einige dieser Werke kaufen nicht mehr ihr eigenes Holz, sondern schneiden Holz von Händlern und Produzenten ein. Manche davon sind heute unsere Geschäftspartner für die Dielenproduktion.



Welche Nische im Markt haben Sie sich mit den Dielen gesucht? 

Unsere Spezialität sind raumlange Massivholzdielen. Wenn die Kunden mit einem Grundriss zu uns kommen, können wir ihnen Dielen in der exakten Raumlänge anbieten. Wir verwenden ausschließlich heimische Holzarten – vorwiegend Eiche und Douglasie. Daraus fertigen wir Dielen, die mit bis zu 40 Zentimetern besonders breit und mit bis zu 15 Meter besonders lang sein können. Dielen großer Dimensionen entfalten in den Räumen, in denen sie verlegt werden, eine ganz besondere Wirkung.



Wie wappnen Sie sich für den Markt der Zukunft? 

Investitionen sind natürlich ein Baustein. Wir schaffen jetzt eine Maschine an, die unsere Dielen fertig geölt vorproduziert. Soweit ich weiß, gibt es noch keinen Hersteller, der so eine Lösung für Schlossdielen anbietet. Damit können wir die Kosten für die Bauherren verringern und es wird auch weniger Dreck auf der Baustelle produziert. Darüber hinaus sind wir ständig auf der Suche nach neuen Produkten und Inspirationen. Gerade komme ich zum Beispiel aus Japan zurück. Dort fand ich sehr inspirierend, was für Oberflächen und Holzarten verwendet werden.



Was fanden Sie da besonders spannend? 

Wir haben in einem Buchladen und Café Böden mit geriffelten Oberflächen gesehen – eine Oberfläche, die hier in Europa nicht oft vorkommt. Sie sieht ein wenig so aus als hätte man jeden Quadratzentimeter einem Brinell-Test unterzogen (ein Härtetest, bei dem eine Stahlkugel in das Material gedrückt wird, Anm. d. Red.). Besonders interessant wirkt es, weil das Muster nicht ganz symmetrisch ist. In Japan sieht man das immer wieder: als Fußböden, Wandverkleidungen, für innen und außen, auch an den Decken. Besonders angenehm war, barfuß darüber zu laufen. Es gibt hier nur wenige Produzenten, die so etwas herstellen könnten. Wir prüfen jetzt die Machbarkeit für unser Sortiment. 



In einer Zeit, in der keimfreie Apple-Ästhetik schick ist – was glauben Sie, warum wollen die Menschen Ihre Schlossdielen. Wie passt das zusammen?

 Das ist aus meiner Sicht kein Gegensatz. Das Design von Apple ist ja sehr minimalistisch. Dieser Trend wirkt sich auch auf unseren Bereich aus – unsere Massivholzdielen sind ja auch sehr puristisch: Je länger und breiter und weniger astig eine Diele ist, desto homogener wirkt der ganze Boden. Und trotzdem ist es ein echtes Stück Natur. In Skandinavien ölen oder laugen außerdem viele Kunden ihren Massivholzboden weiß. Da sind wir an einer Apple-Ästhetik ganz nah dran. Viele Kunden wollen aber auch eine astreiche, rustikale Oberfläche.


Sie sagten, dass es eine der Hauptaufgaben Ihres Unternehmens ist, die besten Bäume für Ihre Produkte zu finden. Wo gibt es die und warum? 

Das ist schwer zu sagen, es kommt auf die Holzart an. Unser Schwerpunkt liegt auf der Douglasie und auf der Eiche. Die Douglasie wächst im Schwarzwald sehr langsam, weil die Böden etwas karger sind. Deshalb kommt das Holz sehr schön heraus: Die Jahresringe stehen besonders dicht beieinander. Dadurch wirkt die Oberfläche des Holzes sehr ruhig. Zusätzlich wird die Douglasie im süddeutschen Raum in jungen Jahren wertgeastet: Die Förster schneiden nach 15 Jahren Wachstum alle Äste bis auf zehn Meter Höhe ab. Wenn der Baum dann noch 80 bis 100 Jahre lang wächst, gibt es auf den ersten 15 Metern Höhe keine Äste mehr.



Das ist natürlich praktisch für Ihre Dielen… 

Richtig, weil wir eine nahezu astreine Oberfläche bekommen. Das gibt es in anderen Regionen so nicht. 



Wenn die Douglasie so langsam wächst – haben Sie Sorgen, dass Ihnen das Holz ausgehen könnte, wenn Sie mal einen großen Auftrag bekommen?

 Nein, für die kommenden Jahrzehnte sind wir gut versorgt, zumindest was die Douglasie angeht. Bei der Eiche sieht es anders aus. Alle Hersteller haben Probleme, genug Rohmaterial zu finden, weil es gerade so einen hohen Bedarf am Markt gibt. Die Preise für das Rohmaterial steigen jedes Jahr um 20 bis 25 Prozent.



Wie wird dann aus dem Baum eine Schlossdiele?

 Das Holz wird erst im Sägewerk gesägt, anschließend im Hobelwerk gelagert bis der Auftrag kommt. Es wird dann je nach Holzart eine Woche lang oder länger in der Trockenkammer getrocknet. Anschließend wird es besäumt, also in eine rechteckige Form gebracht und geleimt, das heißt, es wird Kleber mit Hochdruck durch die Äste geschossen. Es gibt sogenannte Schwarzäste, die am Rand schwarz sind und nach dem Hobeln rausfallen könnten. Damit das nicht passiert, werden sie verleimt. Dann werden die Dielen auf das gewünschte Maß gehobelt und auf der Unterseite werden drei Spannungsrillen eingehobelt, sodass das Holz nachgibt, wenn es unter Spannung gerät. Die Dielen werden dann gespachtelt, um Löcher und Risse abzudecken und anschließend geschliffen.



Sie sagten eingangs, dass Ihnen Nachhaltigkeit wichtig ist. Wieso ist Ihr Produkt nachhaltig? Wir kaufen aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern. In Deutschland ist das schon seit 200 Jahren ein Standard: Aus den Wäldern darf nicht mehr Holz herausgenommen werden als angepflanzt wird. Außerdem achten wir auf kurze Transportwege und arbeiten mit regional ansässigen Partnerunternehmen zusammen. Darüber hinaus sorgen wir dafür, dass bei der Verarbeitung möglichst wenig Material verloren geht. Unsere Dielen haben außerdem eine starke Nutzschicht. Parkett oder Mehrschichtdielen kann man ein- bis zweimal abschleifen, unsere Massivholzdielen hingegen mindestens vier- bis fünfmal. In der Regel wird höchstens alle 20 bis 25 Jahre abgeschliffen, sodass die Dielen über Generationen hinweg haltbar sein können.



Kunden aus der ganzen Welt bestellen Ihre Massivholzdielen. Wieso wollen sie ausgerechnet Holz aus dem Schwarzwald und wieso Ihre Schlossdielen? In den USA gibt es doch auch genug Bäume und Hersteller?

 Die Begriffe „Made in Germany“ und „Black Forest“ stehen weltweit nach wie vor für Qualität und Tradition. Die Kunden wissen, dass sie eine sehr hochwertig verarbeitete Diele aus dieser traditionsreichen und landschaftlich besonderen Region Deutschlands bekommen.

Ein weiterer Grund ist auch, dass wir in einer Nische unterwegs sind. Es gibt nur sehr wenige Hersteller, die solche Dimensionen verarbeiten können, wie wir es tun. Die meisten Produkte am Markt bieten nur eine Breite von maximal 20 Zentimetern und eine Länge von maximal fünf Metern. Außerdem sind die Menschen umweltbewusster geworden und investieren mit dem Kauf des Produktes Massivholzdiele in eine bessere Umwelt. Das ist eine sehr positive Entwicklung.

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