Werner Aisslinger

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Text: Norman Kietzmann, 18.12.2012


Werner Aisslinger ist ein Weltenbummler in Sachen Gestaltung. Geboren 1964 im bayerischen Nörderlingen, studierte er an der Hochschule der Künste in Berlin Produktdesign. 1989 ging er nach London und arbeitete in den Büros von Jasper Morrison und Ron Arad. Anschließend wechselte er nach Mailand zu Michele De Lucchi. Mit seinem Studio Aisslinger, das er 1993 in Berlin gründete, entwirft er Möbel für Cappellini, Interlübke, Moroso, Porro, Vitra und viele andere. Mit seinem 2003 vorgestellten Loft Cube gelang ihm der bis dato meist publizierte Prototyp für nomadisches Wohnen. Ein Gespräch über hörbare Möbel, schlaue Bausätze und sein Leben zwischen Berlin und Singapur.



Herr Aisslinger, mit Ihrer Musikbox haben Sie eine längst vergessene Produktgattung wieder aufleben lassen: das gute alte Audiomöbel, das Sie zusammen mit dem schottischen Hi-Fi-Ausstatter Linn und dem Möbelhersteller Interlübke entwickelt haben. Was hat es mit dem Entwurf auf sich?

Das war eine interessante Kooperation. Linn ist ja der Bentley der Musikindustrie. Sie forschen enorm viel und entwickeln Technologien, die kein anderer Hersteller hat. Bei Linn sie sind Feinde der MP3-Technologie, weil bei diesem Format schon das Meiste an Klangqualität verloren gehe, bevor man es überhaupt abspielt. Sie versuchen, Musik in der besten Qualität wiederzugeben, wie sie nur in einem Originalkonzert übertroffen werden kann. Sie haben zwar ihre alten Plattenspieler, die sehr teuer sind und perfekt. Aber sie beschäftigen sich auch mit digitaler Musik, die im Livestream von Festplatten gehört werden kann.

Wie kam es zur Liaison aus Anlage und Möbel?

Es ging darum, dem Ganzen ein Gesicht zu geben. Meistens ist es ja so, dass die Hi-Fi-Bausteine und Lautsprecher als schwarze oder silberne Kisten irgendwo im Möbel versteckt oder in grauenhafte Glas-Stahl-Konstruktionen gestopft werden. Sie passen einfach in keine Einrichtung. Die Musikbox sollte die ganze Hi-Fi-Welt ist einem Möbel  integrieren, wie es das schon früher zu Zeiten von Dieter Rams in den sechziger und siebziger Jahren gab. Ich glaube aber auch, dass das der Anspruch einer jüngeren Generation ist. Den Freaks der älteren Generation, die einfach nur ihren Jazz hören wollen, ist es meistens egal, wie das Ganze aussieht. Denen geht es allein um den Musikgenuss. Aber auch die Leute von Linn sagen, dass gerade bei der jüngeren Generation von Musikfreaks auch das Gesamtbild stimmen muss. Den Klang mit Design zu verbinden, ist der Anspruch an die Zukunft. Eine Musikanlage darf nicht mehr aussehen wie Kraut und Rüben.

Auch an anderer Stelle sorgen Sie für Verbesserungen: Das System Cube, das Sie vor über zehn Jahren für Interlübke entwickelt haben, wurde seitdem kontinuierlich erweitert, ausgebaut und optimiert. Auch auf der Kölner Möbelmesse imm cologne 2013 werden Sie weitere Komponenten vorstellen. Ist es überhaupt sinnvoll, sich über einen so langen Zeitraum mit einem Möbel zu beschäftigen?

Dass Systemmöbel besonders lange im Programm bleiben, hat mit einem enormen Aufwand in der Produktion und Lagerlogistik zu tun. Es gibt tausende von vorlackierten Teilen, die in einem Hochregallager aufbewahrt werden. Wenn ein Kunde eine Bestellung aufgibt, werden sie aus dem Lager geholt, zugeschnitten und fertig lackiert. Für den Endkunden sehen diese Containermöbel erst einmal unspektakulär aus. Aber die Komplexität liegt in der Logistik dahinter. Das sind ja regelrechte Produktionsstraßen. Der Aufwand ist so groß, dass man ein gut funktionierendes System möglichst lange am Leben hält, bevor man es aus dem Verkehr zieht und etwas Neues macht. Zur imm werden wir einen Baukasten zeigen, den man zu Wandbildern spielerisch kombinieren kann. Er nennt sich Cube Play und ist eine ganz neue Containerlösung.

Wie ein Systemmöbel auf beinahe immaterielle Weise zu realisieren ist, haben Sie mit ihrem Regal books (2006) gezeigt. Das Möbel besteht lediglich aus einem schlanken Stahl-Kreuz, auf das Bücher als Baumaterial für die Seitenwände aufgesteckt werden.

Die Idee war, Bücher als Rohstoff zu verwenden, um andere Bücher zu lagern. Auch die mögliche Individualisierung des Produktes spielte dabei eine Rolle. Indem der Benutzer seine eigenen, alten Bücher verwendet, ist jedes Regal automatisch individuell. Darin liegt auch eine Art von Recycling, indem sich das System selbst ernährt. Umso mehr Bücher man liest, umso mehr Regal kann man bauen, umso mehr Raum hat man, um weitere Bücher abzustellen. Das Projekt war in eine konzeptionelle Richtung gedacht.


Baukästen und Module sind ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch Ihre Arbeit zieht, darunter auch das endlos in der Höhe und Breite erweiterbare Endless Shelf von Porro. Was ist der Grund dafür?


Es hat damit zu tun, den Möbeln eine Logik zu geben. Modularität ist nicht nur aus Sicht der Produktion und Logistik schlau, sondern hat auch für den Benutzer viele Vorteile. Je baukastenartiger etwas aufgebaut ist, umso eher kann ich ein Möbel umbauen, erweitern oder anbauen. Wenn man umzieht, lässt es sich an die neue Wohnung anpassen. Bei Möbeln, die wie ein alter Bauernschrank als Brikett gebaut sind, kann man nichts mehr ausrichten.

Mit Ihrem Hemp Chair haben Sie zusammen mit BASF einen Stuhl entwickelt, der aus den Fasern von Hanf und anderen Pflanzen produziert wird. Wie kam es zu diesem Projekt?

BASF stellt zwar primär Kunststoffe her. Aber als ich in ihren Archiven gestöbert hatte, habe ich ein Material entdeckt, das für die Innenverkleidung von Autos entwickelt wird. Bisher wurden diese Bauteile aus formaldehydhaltigen Kunststoffen hergestellt, die giftige Ausdünstungen abgeben. Weil immer weniger Endkunden diese Kunststoffe im Auto haben wollen, wurde ein wasserlöslicher Kleber für Naturfasern entwickelt. Zusammen mit den Fasern wird daraus eine filzähnliche Matte hergestellt und dann in eine Form gelegt. Unter hohem Druck und bei hoher Temperatur wird die Matte verpresst und verbacken. Dadurch entsteht ein Komposit, der die Stabilität von Glasfaser hat. Das bedeutet eine ökologische Revolution für dreidimensional verformte Objekte.

Der Entwurf wird nun von Moroso produziert.

Ja, wir sind noch dabei, das Möbel zu industrialisieren. Das ist nicht so einfach, weil das Presswerkzeug sehr aufwändig und teuer ist. Aber es war ein idealtypisches Projekt. Man hat erst mit einem Hightech-Kooperationspartner ein Experiment gemacht und danach hat sich ein Möbelhersteller begeistert, dieses Thema in die Welt zu setzen. Wenn es immer so liefe, wäre es ideal.

Von der experimentellen Seite zeigt sich auch der nachwachsende Stuhl aus Pflanzen, den sie zur Mailänder Möbelmesse 2012 in der Ausstellung „Chair Farm Ventura“ gezeigt haben.


Der Beruf kann nicht nur darauf beschränkt sein, den Markt zu bedienen. Es gibt viele Designer, die ihr Dasein so fristen, lediglich jeden Auftrag abzuarbeiten, der hereinkommt. Was die Industrie von einem will, sind die Dinge, die sie heute braucht und morgen verkaufen will. Aber experimentelle und visionäre Projekte werden einem ja nicht gestellt. Niemand fragt einen danach, einen nachwachsenden Stuhl aus Pflanzen zu entwerfen. Solche Projekte kann man nur aus eigenem Antrieb heraus machen. Sie kennen sicher den Loft Cube. Das sind Projekte, die macht man einfach. Und wenn man Glück hat, löst man eine Welle aus. Die Herausforderung liegt doch darin, Dinge zu entwerfen, die ihrer Zeit voraus sind. Vielleicht werden sie ein paar Jahre später Realität, vielleicht auch nie. Das ist vielleicht der Bogen zur Kunst, indem man Dinge macht, die nicht von vorne herein aus einem kommerziellen Nutzen heraus gedacht sind. Es geht um das Konzept und die Vision. Das ist doch das Spannende an dem Beruf.

Was ist aus dem Loft Cube geworden? Wie war die Resonanz in den letzten Jahren?


Es gibt ja zwei Ebenen der Resonanz. Die eine ist die mediale Verbreitung. Die andere ist die reale Verbreitung. Die mediale Verbreitung war gigantisch. Der ist in über zwanzig Büchern drin und hatte Tausende von Veröffentlichungen. Selbst heute bekommen wir noch Presseanfragen. Das Ding hat seinen Platz gefunden in der Geschichte der transportablen, nomadischen Architektur. Mir hat mal eine Werbeagentur gesagt, in jeder Präsentation heute, die irgendeine Agentur bei ihren Kunden macht, wo es um nomadische Menschen geht, taucht der Loft Cube auf. Der ist mittlerweile zum Standard geworden für das Lebensgefühl einer jüngeren Generation. Auch wenn nur wenige tatsächlich so leben, würden sie es doch gerne. Das ist natürlich schön, mit einer Idee eine Welle anzustoßen.

Hat es funktioniert, diese Häuser zu verkaufen? In Belgien gibt es ein Hotel mit mehreren Loft Cubes.


Die kommerzielle Vervielfältigung ist ein zähes Geschäft. Es gibt ja seit 2007 eine GmbH in München, die die Loft Cube produziert und vertreibt. Aber wir verkaufen vielleicht fünf Stück im Jahr. Das sind Gesinnungstäter, die es gut finden für den privaten Gebrauch. Oder es sind Hotels. Die Cubes sind nicht sehr groß, und dafür ist der Preis mit Lieferung und Montage auch nicht ganz billig. Die Idee war ja anfangs, die Dinger auf Berliner Großstadtdächer zu stellen und auf den Dächern zu leben. Heute muss man sagen, dass sie zum Luxusartikel geworden sind, den sich nur teure Hotels und Privatpersonen mit Geld leisten können.

Sie haben neben ihrem Berliner Studio eine Dependance in Singapur. Wie kam der Schritt nach Asien?

Wir arbeiten an einigen Projekten für chinesische Elektronikkonzerne. Auch bin ich schon seit vielen Jahren in Asien unterwegs. Man hat das Gefühl, dass die Leute dort nur nach vorne denken und euphorisch sind, was die Zukunft anbelangt. In Europa werden alle immer pessimistischer. Wenn Asiaten mit einem darüber sprechen, was gerade mit dem Euro passiert, klingt das immer sehr mitleidig, frei nach dem Motto: Bei Euch gehen aber bald die Lichter aus. Asien hat einen komplett anderen Drive. Als ich das Büro vor vier Jahren in Singapur gegründet habe, dachte ich mir, dass es gut wäre, dort einen Fuß in der Tür zu haben. Das Büro ist ein Raum von 100 Quadratmetern. Den teile ich mir mit einem kleinen Architekturbüro.

Warum haben Sie sich für Singapur entschieden?


Weil ich damals sehr viele Leute dort kannte. Singapur ist ja ein relativ stringenter Stadt-Staat. Aus Designsicht wären Hongkong, Shenzhen oder Shanghai sicher spannender. Aber Singapur ist ein guter Knotenpunkt, um Kontakte nach Korea und China aufzubauen. 2011 hatte ich eine Gastprofessur an der dortigen National University und war relativ häufig dort. 2012 bin ich vielleicht nur vier oder fünfmal hingeflogen. Das hat immer was mit den Projekten zu tun. Es ist kein Büro, das permanent mit vielen Leuten besetzt ist. Ich fahre dort hin, wenn es gerade zeitlich passt. Ich sehe es eher als ein Projektbüro, das immer dann aktiviert wird, wenn es einen Auftrag gibt. Ansonsten ist es eher eine Art Laborversuch. Ich habe nicht vor, meine Zelte in Europa abzubrechen.

Vielen Dank für das Gespräch.
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