Wilhelm Bauer

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Text: Jasmin Jouhar


Wenn es um die Zukunft des Büros geht, dann fällt meist auch sein Name: Wilhelm Bauer gehört zu den profiliertesten Experten für Wissensarbeit in Deutschland. Bauer ist Institutsdirektor am Stuttgarter Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) und untersucht, wie sich das Wesen der Arbeit und die dazugehörigen Arbeitsplätze verändern. Der promovierte Ingenieur leitet auch das „Office Innovation Center“ (OIC), ein Versuchsbüro, in dem tatsächlich gearbeitet wird. Möbel, Geräte und Software können so auf ihre Alltagstauglichkeit getestet werden. Bauer lehrt an den Universitäten Hannover und Stuttgart und veröffentlicht regelmäßig zu den Themen Unternehmensentwicklung und Arbeitsgestaltung. Wir sprachen mit ihm über die Anzahl seiner Arbeitsplätze, die Bedeutung von attraktiven Büroräumen und die Zukunft der Arbeit im Zeitalter des Netzwerks.

Herr Bauer, schalten Sie denn Ihr dienstliches Mobiltelefon aus, wenn Sie aus dem Büro nach Hause gehen?

Nein, ich unterscheide nicht zwischen dienstlichem und privatem Telefon. Ich habe ein Telefon, mit dem telefoniere ich dienstlich und privat, und ich habe es eingeschaltet, wenn ich wach bin. Telefongespräche nehme ich immer an, wenn ich Zeit habe oder besser: wenn ich möchte. Sonst laufen Sie auf die Mailbox und dann rufe ich zurück, wenn es passt. So kann man sehr wohl einen Feierabend haben.

Und wie können wir uns Ihren persönlichen Arbeitsplatz vorstellen? Haben Sie ein Einzelbüro, oder sitzen Sie mit Ihrem Team zusammen?
 
Genau genommen habe ich ganz viele Büros. Erstens habe ich ein Einzelbüro mit großem Besprechungstisch im IAO-Hauptgebäude. Nebenan sitzt auch meine Assistentin. In diesem Büro habe ich täglich fünf bis sechs Meetings, gelegentlich sitze ich an meinem Notebook und bearbeite Mails oder bespreche mich mit meiner Assistentin. Als stellvertretender Institutsleiter an einem Forschungsinstitut mit fast 450 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kann man nicht mit allen im Team sitzen.
Einen weiteren Arbeitsplatz habe ich im Office Innovation Center. Hier führe ich als Geschäftsfeldleiter ein Forschungsteam. Dieser Arbeitsplatz ist aber nicht fest zugewiesen, sondern einer, den ich mir im „Flexible Office“ ganz nach Bedarf aussuche. Konkret: Ich kann in diesem Büro jeden der zirka 35 Arbeitsplätze nutzen, mit Wireless-LAN Zugang zum Netz geht das ganz easy. Und dann habe ich noch einen Arbeitsplatz zuhause – ok, den teile ich mir mit meiner Partnerin. Und im Zug, im Flugzeug, in den Business Lounge am Flughafen und am Bahnhof … Irgendwie alles auch „Büroarbeitsplätze“. Also wie gesagt: ganz viele Büros.

Damit entspricht Ihre persönliche Arbeitsweise genau dem Bild, das sich die Forschung und die Designer von der Zukunft der Wissensarbeit machen, oder? Gibt es auch andere Arbeitsmodelle, die für Wissensarbeiter denkbar sind?
 
Natürlich gibt es auch andere Arbeitsmodelle. Das Neue an den heutigen Arbeitsmodellen ist, dass durch die Möglichkeiten der Technik und die Ubiquität der Information (der „Überall- und Immer-Verfügbarkeit“, Anm. der Red.) sich eigentlich jedes Individuum seine Arbeitswelt weitgehend selbst definieren kann. Natürlich gibt es gewisse Einschränkungen durch Prozesse, Unternehmenskulturen und auch durch Vorgesetzte. Aber im Grunde gilt: Ich entscheide selbst darüber, wo, wann und wie ich arbeite!

Wie sollte das Klima in einem Unternehmen beschaffen sein, damit moderne Wissensarbeit gut funktionieren kann?
 
Nun, ich denke, das Arbeitsklima in modernen Unternehmen muss von Offenheit, Toleranz, Vertrauen und gegenseitiger Wertschätzung geprägt sein. Führungskräfte müssen sich als Impulsgeber, als Moderatoren und als Teamplayer verstehen. Dann können die Kolleginnen und Kollegen ihre Fähigkeiten und ihren inneren Antrieb voll für das Unternehmen einbringen und sich proaktiv und im Sinne der Unternehmensziele verhalten und agieren. Gleichzeitig müssen klare Spielregeln und transparente und verbindliche Randbedingungen definiert sein. Jeder muss über die Konsequenzen informiert sein, was passiert, wenn Vertrauen und Toleranz der Führung missbraucht wird. Also im Kern: Offenheit und Klarheit in der Führung.

Das IAO betreibt mit dem Office Innovation Center eine Art Versuchslabor, in dem Sie neue Produkte und Technologien erproben. Wie funktioniert das genau?

Das Office Innovation Center ist ein sogenanntes Lived-in-Labor, in dem Kolleginnen und Kollegen des Instituts neue Organisationskonzepte und Produkte während ihrer täglichen Arbeit erproben und testen. Das OIC wird demzufolge immer wieder umgebaut, neue Geräte werden integriert und Altes entfernt. Wir untersuchen dort Informations- und Kommunikationstechnologien genauso wie neue Möbel, Beleuchtungssysteme, Klimatechniken, Gebäudeauto­matisierungslösungen und verschiedene Softwarelösungen. Gerade haben wir ein ganz neues „Green Office“ installiert und erproben dies.

Was macht  dieses Green Office denn grün? Welche Geräte oder Technologien kommen da zum Einsatz?

Im Green Office sind Büromöbel mit einem besonders niedrigen CO2-Footprint von der Firma Bene, energieeffiziente Leuchten mit innovativen Lichtenergiemanagement und Leuchtensegel als Lichtreflektoren zur Stromeinsparung von Waldmann eingebaut. Die Teppichfliesen sind aus recycelten und recycelbaren Fasern und kleberfrei verlegt. Von Fujitsu ist der energieeffiziente Server und von Intel stromsparende, „managed client“-Systeme mit einem intelligenten Strommanagement eingebracht worden.
 
Das IAO ist ein Dienstleister, der im Auftrag von Unternehmen, etwa aus der Möbelindustrie, Studien erstellt. Um welche Fragestellungen geht es da?
 
Im Rahmen unseres Innovationsverbundes „Office 21“ machen wir sowohl Laborforschung unter kontrollierten Versuchsbedingungen als auch empirische Feldstudien im Anwendungsfeld. So haben wir untersucht, welche Gestaltungsmerkmale sich wie auf die Leistung von Bürobeschäftigten auswirken und wie sich die sogenannten „Soft Factors“ auf das Wohlbefinden der Menschen auswirken. Wir fragen also: Wie müssen Büros gestaltet und ausgestattet sein, damit die Menschen gut arbeiten können und sich dabei gleichzeitig wohlfühlen.

Zu welchem Ergebnis sind sie da gekommen?

Die Performance der Bürobeschäftigten hängt sehr stark davon ab, wie gute der Kompromiss zwischen Kommunikation und Konzentration in der Bürogestaltung gelingt. Es hat sich gezeigt, dass sogenannte „Multispace-Büros“, die sowohl Konzentrationsarbeit als auch Kommunikation im Team flexibel unterstützen, die höchsten Performanz- und Motivationswerte bei den Beschäftigten aufweisen. Außerdem wurde sehr deutlich, dass eine hohe IKT-Qualität (Qualität der Informations- und Kommunikationstechnik) sehr große Auswirkung auf die Leistung der Bürobeschäftigten hat. Die IKT muss maximal an die Bedürfnisse, die sich aus den Arbeitsaufgaben ergeben, angepasst sein.
Wir haben auch festgestellt, dass das Wohlbefinden der Beschäftigten sehr stark korreliert mit der wahrgenommenen „Büroattraktivität“. Wenn also das Büro den Menschen gefällt, fühlen Sie sich sehr viel wohler, als wenn es sie „kalt lässt“ oder ihnen gar missfällt. Die Büroattraktivität deutlich verbessern kann man durch den bewussten Einsatz von Materialien. Holz und Glas werden sehr positiv bewertet. Wichtig sind auch interessante Raumproportionen, also nicht nur stereotype Räume, und gute Ergonomie.

Für Office 21 hat sich das IAO mit verschiedenen Partnern aus der Industrie zusammengetan, etwa Herstellern wie Interstuhl, Bene, Schüco oder Intel. Was ist das Ziel dieser Kooperation?
 
In Office 21 arbeiten wir derzeit mit zirka 20 Unternehmen gemeinsam an der Erforschung des Büros der Zukunft. Wir machen hier Studien, Labor- und Feldforschung und wir entwickeln Konzepte und Prototypen für zukünftige Arbeitswelten. Ein Schwerpunkt der aktuellen Phase ist, wie bereits erwähnt, die Erforschung von Green Office-Konzepten. Ab 2010 werden wir an einer Szenariostudie „Sustainable City 2025“ forschen. Das Projekt wird durch die beteiligten Forschungspartner aus der Wirtschaft finanziert und integriert die Partner in die Forschungsarbeit. Damit ist ein intensiver Dialog zwischen Wissenschaft und Wirtschaft sichergestellt. Die vielbeachteten Ergebnisse der vergangenen Jahre – das Projekt wurde 1996 begonnen – zeigen, wie erfolgreich diese „Public Private Partnership“ ist.

Hersteller bieten neue Produkte im Büromöbelbereich an, die digitale Technologien in das Möbel integrieren, etwa Tische mit Präsentationsmonitoren. Sind das Vorboten einer Verschmelzung von realer und virtueller Arbeitswelt?
 
Ich denke ja. Wir erleben ein zunehmendes Einschleichen von Informations- und Kommunikationstechnik in unsere reale Welt. Wir haben fast immer ein Smartphone bei uns, wir sind fast pausenlos an irgendwelchen Bildschirmen tätig, wir sind immer mehr online. Ich sehe schon so etwas wie eine Verschmelzung von IT und sonstigen Arbeitsmitteln.
 
Welchen Einfluss haben die Entwicklungen des sogenannten „Web 2.0“ wie soziale Netzwerke, „Cloud Computing“ und Interaktivität auf die zukünftige Organisation von Wissensarbeit?
 
Meiner Meinung nach wird der Einfluss der stark auf Kollaboration, Vernetzung und Zusammenarbeit orientierten „Social Communities“ auf das Arbeitsleben stark zunehmen. Wenn die jungen Menschen, die mit solchen Web 2.0-Technologien groß geworden sind, ins Arbeitsleben treten, werden Sie dort genauso arbeiten, wie sie zuvor privat agiert haben. Ich denke, wir werden ein Work 2.0 erleben, das die uns heute bekannten Formen von Wissensarbeit dramatisch revolutionieren wird. Das Wissen ist im Internet, in vielen für jeden zugänglichen Datenbanken, und es ist im Netz der Menschen, die sich über das Web vernetzen. Virtuelle Zusammenarbeit über ganze Wertschöpfungsketten hinweg wird die Denkarbeit dramatisch verändern.

Herr Bauer, vielen Dank für das Gespräch.


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