Yabu Pushelberg: Neue Maßstäbe

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Text: Norman Kietzmann, 25.04.2019

Wenn es um Interieurs geht, sind George Yabu und Glenn Pushelberg ganz in ihrem Element. 1980 haben die beiden Kanadier ihr gemeinsames Studio gegründet, das mit seinen Standorten in New York und Toronto Projekte in 16 Ländern betreut. Wir trafen die beiden Innenarchitekten und Designer in Mailand und sprachen über interaktive Hotels, viel zu kleine Wohnungen und nachhaltige Materialien. 

George Yabu und Glenn Pushelberg, auf dem Salone del Mobile 2019 haben Sie mit dem Sofa Surf Ihren ersten Möbelentwurf für Molteni&C vorgestellt. Erzählen Sie uns, was es damit auf sich hat. Glenn Pushelberg: Wir haben ein Haus am Strand auf Long Island nahe Montauk. In dieser Gegend gibt es eine sehr starke Gezeitenströmung. Sie führt dazu, dass sich die Breite des Strandes unentwegt verändert. Das Fluide, Organische und Asymmetrische haben wir sicher mit diesem Entwurf aufgesogen.  

George Yabu: Wir haben das Sofa wie eine Skulptur aufgefasst. Man sieht, dass man um das Möbel herum gehen muss und es nicht an die Wand gehört. Daher auch der Name Surf. Es geht darum, das Sofa in die Mitte zu stellen, es quasi im Raum schwimmen zu lassen. Viele Menschen vergessen die Rückseite eines Sofas. Vor allem in großen Wohnungen, wo Sofas oft frei stehen, sehen sie nur von vorne gut aus. Die meisten Rückseiten haben überhaupt keinen Charakter. Genau das wollten wir hier ändern.

Sofa Surf für Molteni&C. Foto: Molteni&C

Die Rückenlehne vollzieht einen ungewöhnlichen Schwung. Alles Zufall? GY: Wir entwerfen viele Hotels. Eine Lobby ist mehr als ein Ort, um auf jemanden zu warten. Es geht um Unterhaltung, Interaktion. Häufig sieht man, wie sich wildfremde Menschen an die Rückenlehne eines Sofas anlehnen oder sogar darauf sitzen – ohne die Person zu kennen, die auf der Sitzfläche Platz genommen hat. Genau für diese spontanen Begegnungen ist unser Möbel ausgelegt. Die Rückenlehne ist so breit und stabil, dass sie wie eine Erweiterung der Sitzfläche funktioniert.

GP: Die Menschen wohnen heute anders. Sie entspannen nicht nur auf einem Sofa. Sie essen, trinken oder arbeiten sogar darauf. Es braucht dazu nur ein paar Beistelltische, deren Platten hoch genug sind, um über die Sitzfläche geschoben zu werden. Diese Multifunktionalität kommt ganz klar aus der Hotellerie. Viele Menschen haben sie dort zum ersten Mal gesehen und wollen sie nun bei sich zuhause. Nur dass dort alles ein wenig zwangloser und unkomplizierter sein soll.   

Was haben Sie noch von Hotels gelernt? GP: Mit Sicherheit die Verbindung von Badezimmer und Schlafzimmer. Vor zehn Jahren hatte diese Entwicklung ihren Höhepunkt gefunden, als man vom Bett in die Dusche schauen konnte. Heute geht es wieder um ein stärkeres Level an Privatsphäre. Doch es muss keine Entweder-oder-Entscheidung sein. Man kann auch verschiebbare Paneele verwenden, die sich öffnen und schließen lassen. Bei vielen Wohnprojekten setzen wir auf solche Lösungen. 

GY: Wir gestalten auch Hotels in Japan. Das Ritual des Badens ist dort sehr wichtig, weswegen eine Badewanne stets dazu gehört. Doch in Nordamerika und Europa versucht man eher, die Badewanne herauszunehmen, weil sie kaum noch benutzt wird. Das Badezimmer kann damit großzügiger werden. Doch ob mit oder ohne: Badewanne und Waschbecken sind mehr als reine Funktion. Weil sie die Blicke auf sich ziehen, werden sie als skulpturale Objekte aufgefasst.

Restaurant Katsuya im SLS Lux Brickell Hotel in Downtown Miami. Foto: Yabu Pushelberg  

Hotels brauchen heute gleich eine ganze Reihe an Instagram-tauglichen Orten. GP: Das stimmt. Früher ging es lediglich um ein einziges bombastisches Fotomotiv. Das war das Symbol des Hotels und wurde für Prospekte oder Buchungs-Webseiten verwendet. Heute braucht man viele verschiedenen Momente in einem Hotel, die die Menschen fotografieren können. Wie wichtig das ist, müssen wir unseren Kunden immer wieder erklären. Es geht nicht um die eine große Idee, sondern eine Serie von Ideen, die sich zu einem Gesamterlebnis zusammenfügen. 

Und wie steht es mit den Raumgrößen? GP: Ein spannendes Feld sind Mikro-Hotelzimmer von 12 bis 15 Quadratmetern Größe. Die Möbel sind dann zum Beispiel an den Wänden befestigt. Man kann Ablagen nach unten klappen, wenn man sie braucht und ebenso schnell wieder verschwinden lassen. Dort zählt jeder Quadratmeter. 

GY: Bei Wohnungen ist es längst genauso. Auch sie werden kleiner, während die Preise steigen. Wir leben in New York und die Leute haben nicht mehr so große Wohnungen, in die all die riesigen Sofalandschaften hineinpassen, die man überall sieht. 

GP: Der Preisanstieg für Wohnraum ist längst nicht mehr nur ein Phänomen der ganz großen Metropolen. Selbst in Toronto, wo wir aufgewachsen sind, drehen sich gerade 120 Baukräne. Es ist besser für die Stadt, wenn die Baudichte ansteigt, als wenn alles in die Breite wächst und noch mehr Stau entsteht. Die Leute leben mehr draußen, gehen in Cafés und Restaurants. Die Stadt wird lebendiger. Dennoch ist es ein wenig traurig, dass der Wohnraum schrumpft. 

Bei Möbeln kommt es also immer mehr auf die kompakten Dimensionen an? GP: Es geht immer mehr in die Extreme. Auf der einen Seite sehen wir die super luxuriösen, riesigen Wohnungen, in denen Möbel wie Skulpturen in Szene gesetzt werden. Auf der anderen Seite denken wir über Reduktion nach. Ein Möbel, das immer mehr verschwinden wird, ist der Esstisch. In kleineren Wohnprojekten kann die Kücheninsel zugleich als Ort zum Essen dienen, ebenso wie das Sofa. Der klassische Esstisch ist damit überflüssig. Man spart Platz, indem die Dinge gleich mehrere Funktionen auf einmal erfüllen.  

GY: Auch bei Küchen geht es darum, sie in ihrer Größe zu reduzieren, sie intimer, funktioneller und zugleich auch interessanter zu machen. Wir denken daran, vielleicht wieder Farbe in die Küche zu bringen, was ein wenig aus der Mode geraten ist. Es ist gut, von der Affektiertheit der letzten Jahre wegzukommen. Wir sehen überall Marmor in den Küchen. Doch er macht keinen Sinn, weil Marmor ein poröses Material ist. Wir sollten nachhaltigere und praktischere Materialien benutzen. Porzellan oder Keramik zum Beispiel.

GP: Die meisten riesigen Küchen sind Show-Küchen. Deren Inseln funktionieren wie Tische oder Bars, an denen man sich unterhalten kann. Doch es geht weniger um konventionelles Kochen und Essen. Lieferdienste wie Uber Eats haben die Küche umgebracht (lacht). 

Vielen Dank für das Gespräch.

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