Yves Béhar

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Text: Katharina Horstmann, 15.02.2010


Yves Béhar fördert eine nachhaltige Zukunft – durch sein soziales Engagement und den Einsatz innovativer Technologien. Geboren 1967 in Lausanne studiert er zunächst Industriedesign am Art Center College of Design im schweizerischen La Tour-de-Peilz und später im kalifornischen Pasadena, wo er auch seinen Abschluss macht. Nach ersten beruflichen Erfahrungen bei Frog Design und Lunar Design gründet er 1999 sein eigenes Studio fuseproject in San Francisco und macht sich unter anderem mit dem Laptop „XO“ für die Organisation One Laptop Per Child (OLPC) international einen Namen. Wir trafen Yves Béhar in London und sprachen mit ihm über die Gestaltung ganzer Marken, die Zusammenarbeit mit Wohltätigkeitsorganisationen und über den amerikanischen Stuntman Evel Knievel.
 
 
Herr Béhar, in den letzten Jahren haben Sie mehr und mehr dadurch auf sich aufmerksam gemacht, dass Sie an einer nachhaltigen Zukunft arbeiten. Befassen Sie sich im Wesentlichen mit diesem Thema?
 
Wir arbeiten an zwei sehr unterschiedlichen Projektkategorien. Auf der einen Seite sind es Partnerschaften mit Unternehmern oder gar neue Unternehmensgründungen, auf der anderen Seite sind es soziale Engagements, das heißt Entwürfe für Entwicklungsländer, für Städte, für Regierungen oder gemeinnützige Organisationen.
 
Wie kann man sich das genau vorstellen?
 
Es sind zwei Herangehensweisen, die die aktuelle Rolle eines Designers herausfordern. Du fährst nach Mailand, machst ein paar Projekte und erhältst kleine Tantiemen. Du machst ein Projekt für eine Saison, aber was danach kommt, weißt du nicht. Vielleicht machst du etwas Neues für die nächste Saison, vielleicht auch nicht. Ich möchte jedoch etwas machen, das auf Dauer angelegt ist. Wenn ich mit jungen Unternehmern zusammenarbeite, habe ich die Möglichkeit, ihnen dabei zu helfen, etwas aufzubauen – etwas, das für das Ethos oder das Konzept des ganzen Unternehmens wichtig ist. Damit meine ich nicht nur dessen visuelle Übersetzung, sondern die gesamte Kommunikation – die Art, wie es mit den Menschen in Beziehungen steht. Wir bringen entweder komplett neue Technologien ein – das liegt natürlich auch an unserem Standort San Francisco – oder wir gestalten für die Unternehmen neue Konsumweisen, sozusagen den Konsum des 21. Jahrhunderts.
 
So produzieren Sie nicht nur Industriedesign, sondern sind auch in Strategien, Marketing, Branding, Web- und Grafikdesign involviert?
 
Im vergangenen Jahr gab es vier Hauptprojekte in diesem Bereich. Eines davon war die Weiterentwicklung des Geschäftsmodells der Headset-Firma Jawbone. Mit der letzten Version, die „Earcandy“ heißt, haben wir die Idee des Headsets als Schmuckaccessoire aufgegriffen und das Projekt weiter ausgebaut. Bei Jawbone sind wir jedoch nicht nur für die Produkte zuständig. Wir haben auch die Webseite gestaltet, die Verpackungen entworfen und Fotos gemacht. Ich bin Mitgründer und kreativer Direktor. Es gibt noch drei ähnliche Partnerschaften. Eine davon ist „Mission Motors“, ein Sportmotorrad, das wir nicht nur entworfen, sondern dessen Namen wir auch erfunden haben. Wir haben die gesamte Marke gestaltet. Das Motorrad ist eine typisch kalifornische Idee: Lass uns den Motor neu erfinden und die klassischen Motorräder dabei vergessen; lass uns neue Energien und Energiequellen entwickeln und ein neues Fahrzeug gestalten.
 
Im Herbst stellten Sie eine Unterwäschelinie vor. Was hat es damit auf sich?
 
Das ist ein weiteres Projekt im Venture-Bereich und heißt Pact Underwear. Was dieses Unternehmen neuartig, beziehungsweise zeitgenössisch macht, ist der Fakt, dass wir zehn Prozent des Erlöses an gemeinnützige Organisationen wie Oceana oder ForestEthics geben. Ein weiterer Aspekt ist die Nachhaltigkeit. Wir kennen den Namen der Fabrik; alles wird innerhalb eines Radius von 100 Meilen hergestellt. Das betrifft auch den Baumwollanbau. Es geht darum, sich alle Komponenten genau anzusehen. Das umfasst ebenso Verpackung und Transport. So benutzen wir kompostierbare Säcke sowie kompostierbare Kleber und Beschriftungen. Alles wurde komplett durchdacht – und das sagt auch der Slogan aus: „Change Starts With Your Underwear“ [zu Deutsch: Veränderung beginnt mit deiner Unterwäsche].
 
Dass ein futuristischer Designansatz sehr menschlich und nachhaltig sein kann, hat das Projekt „One Laptop Per Child“ gezeigt, ein Laptop, das für Kinder aus Entwicklungsländern entwickelt wurde, der nur 100 Dollar kostet …
 
Neben den soeben erwähnten Partnerschaften arbeiten wir auch an vielen sozialen Projekten. Ein Beispiel ist „One Laptop Per Child“, ein Computer, der sich von der traditionellen Konfiguration eines herkömmlichen Laptops unterscheidet. Die zweite Generation hat beispielsweise zwei Bildschirme. So kann der Computer wie ein Buch aufgeklappt oder wie ein Tablett auf den Tisch gelegt werden. Was sich grundlegend verändert hat, ist die Möglichkeit, dass zwei Kinder den Laptop von verschiedenen Seiten benutzen können. Es gibt nicht mehr die singuläre Beziehung von einer Person und einem Computer. Der Laptop bietet die Möglichkeit, dass viele Menschen mit ihm gemeinsam agieren können – und er bietet eine neue Herangehensweise an Lern- und Ausbildungswerkzeuge.
 
Im vergangenen Jahr nahmen Sie an der Ausstellung „Design For A Living World“ im New Yorker Cooper Hewitt Museum teil. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
 
Das Projekt entstand für eine Initiative der gemeinnützigen Naturschutzorganisation The Nature Conservancy. Wir haben gemeinsam mit Frauen aus Costa Rica, die organischen Kakao und Schokolade herstellen, eine Kakaobohnenreibe entworfen, mit der auch der heiße Kakao verrührt werden kann. Ursprünglich war es ein Projekt für die Ausstellung, doch während des Entwicklungsprozesses haben wir einen Hersteller gefunden, der in Costa Rica sitzt, jedoch auch in die USA und nach England exportiert. Ein Teil des Erlöses geht an die Frauen aus Costa Rica.
 
Ihre Projekte sind sehr weit gefächert. Würden Sie dennoch sagen, dass es einen gemeinsamen Nenner gibt?
 
Ich denke, die Verbindung ist einerseits die Möglichkeiten, die wir heute haben, und andererseits die Verantwortung, die wir heute tragen. Dabei geht es sowohl um das Material als auch die soziale Herangehensweise. Außerdem sind die Projekte anspruchsvoll und müssen von Anfang an durchdacht werden. Ein Motorrad ist genauso eine Herausforderung wie ein Laptop für 100 Dollar. In meinem alten Job – bevor ich meine eigene Firma gründete – nannten sie mich Evel Knievel.
 
Nach dem amerikanischen Motorradstuntman?
 
Ich glaube, der ist in Deutschland recht bekannt. Wenn du über all die Facetten der Projekte nachdenkst, dann kann das Resultat sehr anspruchsvoll sein. Ein weiterer Grund ist vielleicht, dass es langweilig ist, ein Spezialist zu sein. Ich dehne die Definition von Design bis zu einem Punkt aus, der sowohl Inhalt als auch Kommunikation mit einbezieht. Ich denke, das kann die Aufgabe eines Designers vervollständigen. Unsere heutige Zeit verlangt von einem Designer, die gesamte Erfahrung zu gestalten.
 
Also Design, das auch Geschichten erzählt?
 
Als ich als Designer angefangen habe, sagte ich immer, dass Geschichten Design zum Leben erwecken können – oder dass Design Geschichten erzählen kann. Denn ein Entwurf sollte mehr als nur ein stilles Objekt sein. Um dies zu schaffen, muss sich ein Designer alle Facetten des Projektes ansehen. Seit der Gründung meines eigenen Studios hatte ich mehr und mehr die Möglichkeit, auszudrücken, was das bedeuten kann. Heute kommen immer mehr Firmen oder Jungunternehmer auf mich zu, die wirklich den Markt verändern wollen und dabei oft auch die Umwelt, die Energiegewinnung und den Energieverbrauch berücksichtigen.
 
Vielen Dank für das Gespräch.

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