Zuhause in der Kunst: Gil Bronner

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Text: Jeanette Kunsmann, Foto: Albrecht Fuchs, 30.08.2018

Düsseldorf-Flingern ist so angenehm anders, dass sich hier sehr viele sehr wohlfühlen. Die Adresse Birkenstraße 47 ist besetzt von Kreativen, unter anderem von der Filmwerkstatt Düsseldorf, von der Wim Wenders Stiftung und seit letztem Sommer auch von der Sammlung Philara von Gil Bronner. Die Räume in der ehemaligen Glasfabrik sind groß, hell und eignen sich wunderbar zum Ausstellen zeitgenössischer Kunst; umgebaut wurden sie dafür von dem Düsseldorfer Büro Sieber Architekten.

Sie sind nicht nur Sammler, sondern auch mit Kunst groß geworden. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindheit? Was war Ihr erster bewusster Kontakt zur Kunst? Das kann ich gar nicht sagen, es ist „one big blur“. (überlegt) Mein Vater ist ja Architekt – und Architekten sind im Allgemeinen ja sehr kunstaffin. Meine Eltern sammeln schon lange Kunst. Ich glaube, es ist einfach eine Zwangsläufigkeit, dass es sich so entwickelt. Wie mit Ihrem Magazin: Design, Architektur und Kunst gehören zwangsläufig zusammen. Auch heute ist diese Linie zwischen Kunst und Design kaum definierbar. Wenn man sich eine Arbeit wie diese hier von Tobias anschaut (zeigt hinter sich), stellt sich die Frage: Wo hört Design auf, und wo fängt Kunst an?

Es gab also eigentlich kein Entkommen für Sie? Genau. So kann man es formulieren. In meiner Kindheit war es so, dass ich schon sehr früh zu Ausstellungen und Kunstmessen mitgenommen wurde und mir viel angesehen habe. Ich wurde quasi dazu verpflichtet, Kunst zu sehen. Deshalb hatte ich als Jugendlicher eher die Tendenz, mich für Musik zu interessieren. Jetzt liegt mein Schwerpunkt wieder bei der Kunst.

Sammlung Philara, Düsseldorf, Foto: Stefan Müller

Ihre Sammlung haben Sie nach Ihren Kindern Philip und Lara benannt. Wie viel Kunst vertragen denn Kinder? Na ja, so klein sind meine Kinder jetzt nicht mehr. Insofern ... Meine Tochter Lara macht hier quasi ein Dauerpraktikum und wird bestimmt später auch etwas in Richtung Kunst studieren. Und mein Sohn studiert Kulturmanagement in Berlin. Er ist also auch kunstaffin.

Das heißt, die Sammlung hat gute Chancen, ein Familienbusiness zu bleiben? Es ist kein Business, es ist eine Geldvernichtungsmaschine! Ich verdiene ja mit Kunst kein Geld.

Aber die Kunstwerke, die Sie kaufen und sammeln, werden vermutlich mit der Zeit an Wert gewinnen. Wenn ich sie dann verkaufen würde, könnte ich theoretisch Geld damit verdienen.

Sammeln ist für Sie also explizit Leidenschaft? Sicher, man hat immer ein Auge darauf, wie sich die Kunstpreise entwickeln. Aber als Geschäftsmodell taugt das nicht besonders viel.

Ihr Vater ist auch Kunstsammler. Tauschen Sie beide sich aus? Nein, nicht wirklich. Er fragt mich immer mal wieder, ob ich von dem oder dem Künstler was habe, und freut sich, wenn er mal eine Arbeit bei mir entdeckt. In gewisser Weise habe ich von ihm einen Sinn dafür geerbt, dass Sachen einen eher verstören sollten, als dass das Reine, Schöne gesucht wird. Er hat zum Beispiel ein Faible für George Grosz. Dessen Arbeiten sind großartig, aber sie sind alles andere als schön.

Der Kunstmarkt wächst, und mit der Nachfrage steigt auch das Angebot: Heutzutage gibt es wahnsinnig viel Kunst. Das macht es nicht unbedingt einfacher. Das stimmt. Letzten Sommer habe ich in Italien mehrere Skulpturenparks besucht. Es war wirklich erschreckend, wie wenige Künstler aus den Achtzigerjahren ich dort kannte. Und ich rede nicht nur von obskuren Künstlern aus Italien, sondern auch aus Amerika. Ich hatte diese Namen noch nie gehört! Da sieht man dann, wie stark man als Sammler auch danebenliegen kann. Das kann man aber erst 35 Jahre später erkennen.

Sammlung Philara, Düsseldorf, Foto: Stefan Müller

Auf welche Werke oder Entdeckungen sind Sie denn in Ihrer Sammlung besonders stolz? Kann ich so gar nicht sagen. Ich habe zu vielen Künstlern eine solche Nähe, dass es wirklich schwer ist, da zu unterscheiden. Mein erstes Kunstwerk, das ich 2007 gekauft habe – und es ist jetzt fast schon kitschig, das zu sagen, war eine Arbeit von Neo Rauch. Da lag ich direkt richtig und hatte das richtige Auge für den richtigen Künstler, bei dem auch die Wertentwicklung parallel phänomenal gewesen ist. Aber ich würde nicht sagen, dass ich darauf besonders stolz bin. Niemand sollte stolz darauf sein, dass er ein teures Bild besitzt. Das ist der falsche Ansatz.

Gut, anders gefragt: Gibt es ein Kriterium, nach dem Sie einkaufen und welche Werke Sie gut finden? Qualität. Hört sich banal an, ist es aber nicht. Ich glaube, dass Kunst häufig die Intelligenz der Künstler ausstrahlt. Das macht den besonderen Reiz aus. Ich glaube nicht, dass jemand mit reinem Talent unbedingt auch gleich gute Kunst schafft. Das hängt mit Durchhaltevermögen zusammen. Man muss Künstler über längere Zeit beobachten, um zu beurteilen, ob sie auch nachhaltig ein gutes Werk produzieren. Meine Sammlung ist da einfach noch zu frisch und zu jung.

Fallen Ihnen Kaufentscheidungen manchmal schwer? Ich bin keiner von diesen Amerikanern, die mit einer Beraterin auf hohen Absätzen und einem Budget von 50 Millionen über die Art Basel laufen und es heißt: „I would buy that, Sam!“ Mein Problem ist nicht so sehr, mich für etwas, sondern eher, mich dagegen zu entscheiden. Ich kaufe viel zu gerne. Deswegen bin ich auch notorisch pleite! Gerade versuche ich, abstinent zu sein.

Was bestimmt auch nicht immer einfach ist. Es ist grausam!

Wissen Sie denn, wie viele Werke Sie gerade besitzen? Ganz genau weiß ich es nicht. Ich schätze, es sind so 1.300 oder 1.400, was natürlich auch davon abhängt, wie man zählt. Manche Werkgruppen umfassen hundert Arbeiten.

Irgendwann wird eine Sammlung auch zu einer logistischen Herausforderung. Das stimmt. Im Augenblick habe ich relativ viel Lagerfläche.

Was ist denn Ihr Anspruch an Ihre Sammlung und an die Werke, die hier in den Räumen ausgestellt werden? Alle Werke rotieren. Ich sammle die Werke, die mir gefallen. Aber ich versuche, damit auch abzubilden, was ich gerade für relevant halte – sofern ich es mir erlauben kann, es zu kaufen. Der Markt, den ich mir da ausgesucht habe, ist noch relativ jung. Idealerweise wird man in 20 oder 50 Jahren zurückblicken und sagen können: Das war richtungsweisend. Vielleicht wird es so sein. Das wäre schön.


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