imm cologne 2017: Dick Spierenburg

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Text: Katharina Horstmann

Eine Messe muss mehr tun, als Flächen zu organisieren und Ausstellern zuzuteilen. Sie muss Formate schaffen, die nicht nur das Heute und Morgen widerspiegeln, sondern in die Zukunft blicken und Perspektiven aufzeigen. Mit diesem Ansatz engagiert sich Dick Spierenburg als Creative Director der imm cologne schon seit Jahren dafür, der Messe anhand von Konzepten, Ausstellungen und Installationen ein innovatives Profil zu verleihen. Mit Das Haus – Interiors on Stage hat der niederländische Architekt und Designer, eine einzigartige Plattform für Wohnexperimente geschaffen, die jedes Jahr aufs Neue die aktuelle Einrichtungswelt mit den visionären Ideen eines Designers konfrontiert.

Herr Spierenburg, 2017 zeigt die imm cologne die sechste Ausgabe des Projektes Das Haus – Interiors on Stage. Welchen Grundgedanken verfolgt dieses Format?
In meiner Rolle als Creative Director der imm cologne ist es mir wichtig, Perspektiven aufzuzeigen. Das Heute und Morgen können wir den Ausstellern überlassen, aber die langfristige Perspektive, die Ideen, wohin die Reise gehen könnte, ist die Aufgabe einer Messe. In Köln versuchen wir die Entwicklungen in der Wohnwelt anhand von Themen zu definieren, die Architekten, Händler und Endverbraucher gleichermaßen verstehen können. Aus diesem Grund gestalten wir auch selbst Programme, untersuchen Trends und organisieren Ausstellungen. Mit Das Haus präsentieren wir Zukunftskonzepte, die in Teamarbeit von der Messe und einem eingeladenen Designer entstehen und dabei weniger künstlerische Installationen sind, sondern konkrete Wohnideen beinhalten.

Gefordert ist also eine realitätsnahe Simulation eines Wohnhauses?
Es ist wichtig, dass alle Facetten, die etwas mit Wohnen zu tun haben, in das Projekt einfließen – wie zum Beispiel auch die Küche oder das Badezimmer. Ob das detailliert oder abstrakt geschieht, überlassen wir den Gestaltern.

Nach Gestaltern aus Großbritannien, Italien, Dänemark, China und Deutschland wurde der US-Amerikaner Todd Bracher nominiert, Das Haus 2017 zu entwerfen. Geht es bei der Wahl des Designers auch darum, eine geografische Diversität zu zeigen?
Im Vordergrund stehen sowohl die geografische Diversität als auch der Überraschungsfaktor. Wir möchten uns jedes Jahr ein Haus bauen lassen, das einen Kontrast zu seinen Vorgängern bildet und Grund zur Diskussion gibt. Unsere Wahl fällt weniger auf vorhersehbare prominente Designer, sondern auf Gestalter, die im Kommen sind, deren Nominierung aber noch überrascht. Dabei ist für uns interessant, nicht nur nach Europa, sondern auch über die europäischen Grenzen hinaus zu blicken. Nachdem vor zwei Jahren Neri & Hu aus Shanghai Das Haus inszenierten und wir vergangenes Jahr mit dem deutschen Designer Sebastian Herkner eine Art Heimspiel hatten, haben wir uns dieses Jahr den USA zugewandt. Mit Todd Bracher haben wir einen Designer gewählt, der, wie schon Neri & Hu, eine Brücke zwischen Europa und einem anderen Kontinent schlagen kann.

Das Haus – Interiors on Stage 2017 von Todd Bracher
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Wie sieht dieser Brückenschlag aus?
Was ihre Arbeit ausmacht, sind die verschiedenen kulturellen Einflüsse. Lyndon Neri und Rossana Hu haben in den USA studiert und gearbeitet, während Todd Bracher in Kopenhagen studiert und in Paris, Mailand und London Berufserfahrungen gesammelt hat bevor er sein Studio in Brooklyn gründete. Mit unserer Wohninstallation können wir zeigen, wo die Verbindung und wo die Unterschiede zwischen den verschiedenen Ländern, aber auch Kontinenten liegen. Das macht Das Haus umso interessanter.

Was zeichnet Todd Bracher im Besonderen aus?
Über Todd Bracher kann ich sagen, dass er ziemlich abstrakt denkt. Ich rechne bei ihm nicht damit, dass wir eine komplette Küchenzeile zeigen werden, wie es bei Sebastian Herkner der Fall war. Sebastian hat in Zusammenarbeit mit Boffi eine funktionierende Küche präsentiert, an der in den Messetagen auch gekocht wurde. Todd Bracher ist ein Essentialist. Er denkt konzeptionell und macht weniger im Detail. Ich glaube, Das Haus 2017 wird eher intellektuell sein. Sebastian Herkners Entwurf war hingegen emotional und verstehbar – ein offenes Haus, das nicht eckig, sondern rund war.

Wie sieht das Wohnkonzept von Todd Bracher aus?
Es ist eine analytische Auseinandersetzung mit den Grundlagen, die das Haus definieren. Mich erinnert das Projekt an einen schönen Pavillon, der sehr reduziert und sehr ästhetisch ist. Er ist in drei ineinander übergehende Zonen aufgeteilt, wovon eine der Gemeinschaft, eine der Ruhe und Erholung und eine der Hygiene dient. Der gemeinschaftliche Bereich ist in einem großen, von Regalwänden gebildeten Raum mit halbtransparenter Hülle und schwebendem Dach untergebracht. Die Möblierung besteht vornehmlich aus einem großen, langen Tisch, an dem gearbeitet, gegessen und Gäste empfangen werden. Die Ruhezone hingegen befindet sich in einem sehr abstrakten Raum, der sich nicht nur zum Schlafen eignet, sondern auch dazu sich völlig zurückzuziehen und in sich zu kehren. Er befindet sich in einer „Black Box“, einem schwarzen, fensterlosen Würfel. Als einzige Lichtquelle dient eine zwei Meter große Kugel, die entweder mond- oder sonnenhell leuchtet.

Sechs Jahre Das Haus: Haben Sie in den vergangenen Jahren etwas aus diesem Projekt über das Wohnen gelernt?
Es gibt ein paar Aspekte, die mir besonders aufgefallen sind, da fast alle Designer denselben Ansatz verfolgt haben. Zum einen haben fast alle große, offene Räume entworfen. Zum anderen gab es so gut wie in jedem Projekt einen Innenhof. Ich glaube, Todd Bracher ist der erste, dessen Entwurf keinen Innenhof beinhaltet. Noch interessanter jedoch ist der technische Aspekt. Auf der Messe wird zum Beispiel auch das Thema Smart Home mit einer eigenen Inszenierung aufgegriffen. Die Designer hingegen wenden sich eher von dem technischen Thema ab und traditionellen Formen zu. Sie wollen sich nicht zu sehr von den technischen Lösungen dominieren lassen.

Was passiert mit „den Häusern“ nach der Messe? Gibt es Pläne für eine Zweitverwertung?
Eigentlich ist das Projekt viel zu interessant, um es nur eine Woche im Jahr in Köln zu präsentieren. Leider ist das aber nicht immer umsetzbar. Die Holzstruktur von Louise Campbells Das Haus wurde einem gemeinnützigen Verein übergeben, der es auf dem Areal einer Begegnungs- und Ferienstätte für Kinder und Jugendliche in Mecklenburg-Vorpommern als Veranstaltungsraum neu aufbauen und nutzen möchte. Wir hoffen, Todd Brachers Installation noch einmal an der Westküste der USA präsentieren zu können und suchen deshalb nach Partnern.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mehr zur imm cologne und zur LivingKitchen 2017 lesen Sie in unserem Special.

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