Übergang in die Zukunft – der Occo von Wilkhahn

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Text: Stephan Burkoff, Foto: Frank Schinski, 01.10.2018

Designer: Jehs+Laub, Partner: Wilkhahn

Michael Englisch ist zugleich Chef der Produktentwicklung und Kopf der Designabteilung bei Wilkhahn. Gemeinsam mit Kommunikationsleiter Burkhard Remmers erklärt er, wie gutes Design entsteht.

Was sind die entscheidenden Parameter der Designidentität von Wilkhahn? Michael Englisch: Uns geht es schwerpunktmäßig um das integrative Gestaltungskonzept, das wir auch mit externen Designern umsetzen wollen. Ganz zentral ist dabei, dass eine monolithische Form nicht allein durch eine Addition geometrischer Grundformen entsteht, sondern Formen und Funktionen nahtlos ineinander überfließen. Man sieht das auch gut beim Metrik. Er sieht aus, als wäre er komplett aus einem Stück gemacht, was für die Schale und den Rücken gilt und  auch das Gestell fließt nahtlos in die Schalen über. Diese Grundidee ist ein Element in unserem Gestaltungskonzept. Alle anderen wie Funktionalität, Ergonomie und Produktsemantik sind nicht weniger wichtig und kommen noch hinzu.

Wie gelingt es, diese Guidelines immer wieder neu zu interpretieren? ME: Unsere Motivation ist die Frage nach der nächsten Evolutionsstufe im Design. Wie kann man sich im Design überhaupt weiterentwickeln? Was sind die Anforderungen der Zukunft? Wir bewegen uns ja immer stärker in offenen, variablen Szenarien und Arbeitsformen. Diese müssen natürlich auch ausgestattet werden. Und den Weg eines gestalterischen Hedonismus, den heute viele einschlagen – wo alles geht, was gefällt –  diesen Weg wollen wir nicht mitgehen. Wir geben eine Gestaltungsidee der „Selbstähnlichkeit“, die ähnliche Produkte zusammenführt und ein gesamthaftes Ambiente schafft, ohne alles gleich machen zu wollen. Die Produkte sind sich im Wesen ähnlich, aber in ihrer Erscheinung individuell.

Burkhard Remmers erläutert die Funktionweise der Orgatec-Neuheit Landing.

Welche Fragen stellt sich die internationale Bürowelt? 
Burkhard Remmers: Die Kernfragen zu den neuen Arbeitswelten ähneln sich: Wie schafft man Attraktivität und Identität? Gerade bei IT-Firmen, die mit dem „War for Talents" um die High-Potentials kämpfen und dafür sorgen wollen, dass diese auch bleiben, verlagern sich viele Qualitäten, die eigentlich im Stadtraum zu finden sind, ins Büro. Es geht dabei um die Gestaltung des Büros, also um Atmosphärisches wie Gemütlichkeit und Privatheit, aber auch um Dienstleistungen wie Friseur oder Reinigung. Gepaart mit dem erwähnten, gestalterischen Hedonismus führt das häufig zu einer enormen Beliebigkeit. Wenn man heute junge Leistungsträger gewinnen will, sollten aber gerade Sinnstiftung und die Identität der Company im Zentrum stehen.

ME: Die Wohnlichkeit rückt sicherlich stärker in den Fokus. Es geht auch stark um Emotionalität. Es geht um Farbigkeit und Skulpturalität. All diese Dinge versuchen wir zusammen zu bringen und in eine Konzeption zu übertragen, die uns dann in die Lage bringt, neue Ideen, neue Produkte und neue Settings zu entwickeln. Was mir dabei sehr wichtig ist: Nicht nur abzubilden, was jetzt gegenwärtig gut funktioniert, sondern auch die Projektion in die Zukunft zu gestalten. Wir werden auf der Orgatec eigene Settings zeigen, an denen man sieht, wie sich die Bürowelt entwickeln könnte. Ohne eine allgemein gültige Lösung zu beschreiben. Jedes Unternehmen muss selbst einen Weg finden, eine Vision zu transportieren.

Wie gewinnt Wilkhahn sein Wissen über den Markt? BR: Wir machen 70 Prozent Umsatz im Ausland und stehen somit in Kontakt mit Unternehmen und Gestaltern aus der ganzen Welt. Deren Antworten auf die Fragestellungen fallen im Detail sehr unterschiedlich aus – die Strukturen bleiben aber dieselben. Michael Englisch erarbeitete für uns die Möglichkeit, innerhalb unserer Produkte in die Breite skalieren zu können. Da spielen die Themen Farbigkeit oder Textil zum Beispiel in den USA oder auch in Australien eine andere Rolle als in Deutschland, auch wenn sich das langsam angleicht. Trotz dieser Vielfalt gibt es einen roten Faden. Das ist kein Patchwork und irgendwie beliebig zusammengewürfelt, es bildet sich ein starkes Bild.

Was bedeutet das konkret? BR: Die alte Idee des Corporate Design in diese neue Anforderungssituation zu übertragen, ist die heutige Aufgabe. Weg von der hoch standardisierten Gleichförmigkeit, hin zu unterschiedlichen Atmosphären, die auch Qualitäten der Außenräume ins Büro holen, ohne dabei eine klare Durchgängigkeit, nicht nur im Sinne des Interior-Designs, zu verlieren. Zwei weitere Aspekte schließen sich an. Die Büros haben heute ganz andere Aufgaben. Es geht vor alle um Kollaboration und Kommunikation, die gefördert werden sollen, und gleichzeitig aber auch um Themen wie „Wellbeing“ und „Performance“.

Gerade das Thema Farbe unterliegt Trends kurzer Dauer. Ist es bei Möbeln, die zwölf Jahre benutzt werden sollen, eine besondere Herausforderung, den Ton zu treffen? ME: Wir versuchen die Strömungen in den verschiedenen Regionen aufzunehmen. Und dabei gibt es immer wieder Verdichtungen, die wir für relevant erachten und bei denen wir uns fragen müssen: Was fangen wir damit an? Und vor allem, was fangen wir in der Zukunft damit an? Wenn wir von einer Produktentwicklungszeit von 12 bis 36 Monaten und einer Produktlebensdauer von zehn Jahren sprechen, ist es unsere Aufgabe eine Projektion zu entwickeln, die es uns ermöglicht, weit im Voraus zu ermitteln, welches Produkt auch in Zukunft funktionieren wird.

BR: Da kommt der Familiengedanke unserer Produkte ins Spiel. Denn bei aller Individualität der einzelnen Objekte in den jeweiligen Zonen und Arbeitsbereiche entsteht eine Kohärenz. Auch wenn die Produkte als einzelne unterschiedliche Anforderungen erfüllen.

ME: Ich bin der Auffassung, dass durch die monolithischen Formen und das integrative Designkonzept auch eine andere Wirkung auf den Nutzer erzeugt wird. Die Form erscheint komplexer, ist aber leichter verständlich. Auch weil sie bestimmte organische Elemente enthält, die gelernt sind. Fließende Übergange sind in der Natur deutlich fester verankert als im klassischen Produktdesign.

Detailaufnahme Bürostuhl AT von Wilkhahn. Wenige Teile senken die Kosten, machen aber die Aufgabe komplexer.

Die Produktfamilie Occo hat einen Neuzugang bekommen. Was hat es damit auf sich? ME: Mit Occo sind wir erfolgreich gestartet. Um die Produktfamilie zu erweitern, lag es nahe, eine kompakte Version ohne Armlehnen anzubieten.

BR: Jürgen Laub hat einmal gesagt, Occo sei eigentlich ein Stuhlbaukasten. Das stimmt: Es gibt vier Gestelle, die Schale in sechs Farben und die kann dann quasi nackt, mit Auflage, mit Sitzpolster oder komplett gepolstert geliefert werden. Jetzt kommt noch eine Schale ohne Armlehnen hinzu, womit sich die Kombinationsmöglichkeiten verdoppeln.

ME: Wie der Occo ist der SC stapelbar. Durch seine kompakten Maße eignet er sich hervorragend für Orte mit engerer Bestuhlung, zum Beispiel in Kantinen. Die Familie entwickelt sich immer weiter und auch mit dem Occo SC wird nicht Schluss sein. Es entstehen weitere Produkte. Eines davon wird auf der Orgatec zu sehen sein.

ME: Ich denke, das gesamte Thema Büro wurde lange extrem durchrationalisiert – auch von mir. Man dachte, dass man den Problemen rein durch Funktionalität und Ergonomie entgegentreten kann. Jetzt leben wir in einer Zeit, in der Büroprodukte gut funktionieren und ergonomisch sein müssen, sie aber gleichzeitig in Zukunft viel stärker ein warmes und aktivierendes Umfeld formen sollen. Auf diesen Weg haben wir uns begeben.








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