Imm Cologne -Talentschau 2009

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Text: Tanja Pabelick

Am letzten Wochenende ging mit der imm cologne “die globale Trendshow“ der Möbelindustrie zu Ende. Leider mag das nur für diejenigen so stimmen, die ihren Wahrnehmungshorizont auf den Standort Deutschland beschränken. Für den Designernachwuchs waren die Tage in Köln dennoch eine gute Gelegenheit ihre Entwürfe an den Hersteller zu bringen und vielleicht schon Kunden von morgen zu interessieren. Neben vielen altbewährten Veranstaltungskonzepten, wie den „talents“ und den parallel zur Messe stattfindenden Satellitenveranstaltungen der „Passagen“, gab es in diesem Jahr auch Neues. Direkt am Rheinufer und in Laufnähe zum Kölner Hauptbahnhof gelegen fand im „RheinTriadem“ in diesem Jahr zum ersten Mal die DesignersFair statt, die sich als „Messe für junges Möbel- und Interiordesign“ bewarb.

Angeblich wird es ja gemütlich. Und das kommt so: Die wirtschaftlichen Gegebenheiten führen zum derzeit vielzitierten „Cocooning“ - also zu einer Neuentdeckung der heimischen Behaglichkeit. Die Menschen wünschen sich dafür neue, kuschelige Möbel und das Resultat ist eine boomende Möbelindustrie. Die imm cologne, die größte deutsche Möbelmesse, spiegelte eine andere Realität: Hier gähnten leere Flure und unbeanspruchte Hostessen. In gewisser Hinsicht eine Ausnahme: Die Halle 3.1, in der sich der Nachwuchs präsentierte. Zwar gab es auch hier wie in den anderen Hallen leer gefegte Ecken, dafür wurde der Besucher aber besser unterhalten. Denn während man bei den großen Herstellern meist umsonst nach Neuem suchte, waren zumindest bei den Jungdesignern einige der Entwürfe Premieren.

Wie schon in den letzten drei Jahren ihres Bestehens gliederten sich die talents in die drei Bereiche „professionals“, „contest“ und „schools“. Während bei den „professionals“ einige schon mehr oder minder etablierte Designer wie maigrau oder Christian Lessing anzutreffen waren, präsentierten sich im Bereich „contest“ besonders diejenigen, die gerade erst den Hort der Hochschule verlassen hatten. Wie der Titel schon vermuten lässt, war Dabeisein nicht alles, sondern mit dem am ersten Abend verliehenen "interior innovation award" in der Rubrik Talente ging es auch um Ruhm, Ehre und mediale Aufmerksamkeit – und um einen Scheck in Höhe von 1000 bis 3000 Euro.

And the Winners are


475 Designer hatten sich dieses Jahr um eine Ausstellungsfläche beworben, 28 Designer und Gestalterkollektive wurden eingeladen. Zu einem der drei ausgezeichneten Gestalter gehörte Jacob Brinck, der seinen Schreibtisch „Clark“ bei den talents präsentierte. Durch in die Arbeitsfläche integrierte Ablagefächer, die passgenauen Stauraum für Ordner und büro-typischen Kleinkram bieten, soll mit seinem Entwurf ganz unbürokratisch Ordnung in die Amtsstuben oder Studentenbuden einkehren. Damit konnte er die Jury überzeugen, die ihm eine der insgesamt drei Acryltrophäen und den 3.Platz verlieh.
Platz 2 ging an den Frankokanadier Philippe Malouin. Auch er stellte einen Tisch vor, dem man bei Platzmangel die Luft ablassen kann – und der sich zum Dinner ganz einfach wieder aufpumpen lässt.
Einen zumindest thematisch dazu passenden Stuhl fand man beim Gewinner des Wettbewerbs, Pepe Heykoop. Während der „Grace table“ mit seiner Luftkammerplatte erst einmal instabil aussieht, fühlt sich der „restless Chairacter“ so an. Er gibt dem Körper dynamisch nach und ist trotz seines steifen Erscheinungsbildes dadurch fast so bequem wie ein gefederter Bürostuhl.

Nester, Holz und Schattenmöbel


Was im letzten Jahr vielleicht Ikarus gewesen ist – eine poetisch dahin schmelzende Leuchte aus Wachs – waren in diesem Jahr die Entwürfe von Johannes Hemann: Experimentell, schwer einzuordnen und so, dass man unbedingt mal anfassen will. Gebilde aus Kork, Kunststoff oder Styropor, die erst auf den zweiten Blick als Tisch oder Leuchte zu erkennen sind. „Formen durch Stürme“ wollte Hemann generieren und hat Gebilde in eine Windkammer gehangen. Durch heiße Luft, thermoplastischer Granulate oder Klebstoff wurden Einzelstücke geschaffen, deren zusammengeschmolzene Silhouette ein schwer zu kontrollierendes Produkt der Einflüsse ist.

Trotz aller Experimentierfreude wirkte aber vieles letztendlich irgendwie vertraut: Bei der Wahl der Materialien und Themenfelder zogen sich viele auf sicheres Terrain zurück und setzten auf das, was seit einigen Jahren beinahe marktschreierisch zum Trend ausgerufen wurde: „Holz! Natur! Nachhaltigkeit! Cocooning!“
Auf letzteres zielt wohl auch der Entwurf der beiden Designerinnen Anaïs Morel und Celine Merhand ("les m") ab, die Schaumstoffelemente präsentierten, aus dem ganze Räume geknüpft werden können. Ganz in der Tradition von Modulen wie den "Algues" und „North Tiles“ der Bouroullec-Brüder, formieren sich trennende und doch transparente Strukturen zu Nestern oder Höhlen. Ansonsten traf man auf natürlich belassenes Holz – gern gepaart mit kräftigen Farben, bis zum Gerippe reduzierte Formen und Objekte aus nur einem Material. Reinhard Dienes stellte Stühle und Hocker aus Polypropylen vor, die einer einzigen Platte gefräst und dann zum dreidimensionalen Objekt gefaltet werden. Das Möbel wird zur Silhouette, die wie ein Schatten im Raum steht.


DesignersFair


Wer mit hohen Erwartungen die „Messe für junges Möbel- und Interiordesign“ am Rheinufer besuchte, wurde mit Sicherheit enttäuscht. Denn bei dem, was hier geboten wurde war die Vokabel Messe fehl am Platz. Man fand sich vielmehr im etwas provisorischen Ambiente eines Designmarktes wieder, bei dem die Bandbreite vom Klimbim bis zum ernst zu nehmenden Designobjekt reichte. Der angeschlossene Shop tat für das Image der Veranstaltung sein Übriges. Um hier auf echte Highlights zu stoßen, die das angepriesene Messeambiente verdient hätten, musste schon gesucht werden. So lohnte sich ein Besuch bei den Stadtnomaden und ihren mobilen Möbeln, Annahanna und ihrem Sofa „by Hempels“ - mit einem extrabreiten Schlitz für Zeitschriften und Kaffeservice. Das Berliner Label Formfjord stellte eine ganze neue Kollektion vor und das Kollektiv llotllov hatte unzählige ihrer Strickleuchten „Matt“ zu einer kuscheligen Rauminstallation verspannt.

Für den Standort Köln ist zu hoffen, dass die Satellitenveranstaltungen wie DesignersFair und die Passagen den Kinderschuhen entwachsen und sich neben der schrumpfenden Messe als ernst zu nehmende Konkurrenzveranstaltungen etablieren können. Denn in diesem Jahr war mal wieder festzustellen: Köln ist nicht Mailand, und die Passagen sind keine Designer’s Week.
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