Boisbuchet 2009: Review

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Text: Hannah Bauhoff und Tanja Pabelick
Foto: Deidi von Schaewen


Workshops und Reisen haben eines gemeinsam: Auf der einen Seite vergeht die Zeit wie im Fluge, auf der anderen Seite sind Erlebnisse so dicht gepackt, dass der gewohnte Alltag eine Ewigkeit her zu sein scheint. Während das Château von Boisbuchet im Rückspiegel des Busses, der uns nach gerade einmal fünf ganzen Tagen zurück ins Stadtleben bringt, immer kleiner wird, ist unser Gepäck angewachsen: Wir haben die Taschen voller Visitenkarten und den Kopf voller Erlebnisse. Berge von Klebeband und meterhohe Stapel Wellpappe wurden zu Kunstwerken, Installationen oder Produkten. Laue Abende endeten in langen Nächten, aus Essensrunden wurden lebhaften Diskussionen.


Die Woche ist um. Einige der Teilnehmer bleiben noch auf der Domaine – entweder für den Workshop der kommenden Woche – oder um die sonntägliche Ruhe zwischen Abreise und Ankunft der Gruppen zur Blitzerholung zu nutzen. Der Zustand des Geländes selbst lässt kaum noch auf die chaotische Materialschlacht der letzten Tage schließen. Viele der Installationen waren nur für den Moment und sind schon wieder verschwunden, andere allerdings wurden auf dem Gelände zurückgelassen. Verstreut liegen sie als Farbtupfer auf der großen Wiese, die an diesem Morgen noch dazu mit dichtem Nebel bedeckt ist. Allen Teilnehmern bleibt zumindest das Erlebnis der Zusammenarbeit erhalten – und damit all die kuriosen, lustigen und seltsamen Anekdoten von fünf Tagen Design. Die schönsten haben wir hier zusammengetragen.

Take a tree!

Manchmal eilen die Geschichten einem Ort schon voraus und geben einen Vorgeschmack auf das, was einen erwartet – so auch in Boisbuchet: Bereits auf der Hinfahrt hören wir die ersten Kuriositäten. Etwa die aus dem Workshop von Max Lamb, der den programmatischen Titel „Take a tree – Make an object“ trug. Der Designer war schon vor Beginn seines Workshops angereist, um sich den Baum im Wald selbst auszusuchen. Die Wahl fiel auf einen großen starken Laubbaum, der umgehend gefällt, markiert und am Fundort zurückgelassen wurde. Doch da lag er nicht lange. Zumindest nicht lange genug, denn als zu Workshopbeginn der Stamm in die Werkstatt abtransportiert werden sollte, war davon kein Ast mehr zu entdecken. Erst dachte man an eine Sinnestäuschung – sah man den Wald vor lauter Bäumen nicht? –  doch dann löste sich das Rätsel: Sägespäne und Motorsägengeräusche zeigten, dass der Veranstaltungstitel auch außerhalb von Boisbuchet und Max Lambs Workshop bekannt war. Die ungelöste Frage ist nur: Welches Objekt wurde aus dem „tree“?

In Sekten

Andere Boisbuchet-Legenden sind mehr als Geschichten, denn sie sind wahrhaftig und spürbar. In den Wiesen des Landgutes lebt es ein geheimnisvolles Insekt, das unversehens Teilnehmer schmerzhaft in die Kniekehlen stechen kann.
Eine andere Geschichte verdächtigt sogar die Teilnehmer, Mitglieder einer Sekte zu sein: Den benachbarten Bauern war die kreative Jugend aus aller Herren Länder, die sich alljährlich für ein paar Monate auf dem alten Landgut versammelte, um wilde Konstruktionen in die Landschaft zu stellen, in den ersten Jahren äußerst suspekt. Sie vermuteten eine religiös motivierte Minderheit hinter dem Trubel. Heute sind die Nachbarn aufgeklärt. Doch wenn die kreative Kommune sich abends in bodenlangen Ponchos aus Kvadrat-Stoffen, die in allen Nuancen der Pantone-Palette leuchten, mitten im Nirgendwo am Lagerfeuer zusammenfindet, wird das Misstrauen durchaus nachvollziehbar.

Bettina und die „Spanish Girls“

Unserer Workshop-Woche verlief verhältnismäßig entspannt ab: Das Verschwinden von Stofftier Bettina, samt Suchanzeige an der Haustür, war doch keine hinterhältige Entführung. Die Spanierinnen teilten sich den Ruf als Partygirls mit den Koreanerinnen, und der Song der Mittwochsparty mit seiner Zeile „I like them spanish girls“ wurde zum Satz für jegliche Kontaktaufnahme schlechthin. Dieses Liebesbekenntnis, auf einen Streifen Kreppband gekritzelt, wurde zum neuen Must-have für jeden weiblichen und männlichen Rücken in Boisbuchet. Diese Statement gepaart mit der Tatsache, dass es im Sommer in Mittelwestfrankreich abends regnerisch kühl sein kann, macht aus dem internationalen Designertreffen eine Dating-Plattform – der eine oder andere Bund fürs Leben wurde seit dem Beginn der Workshops vor 20 Jahren bereits geschlossen. In jeglicher Hinsicht ist also ein Besuch auf Boisbuchet eine Bereicherung. Wir können es nur empfehlen.

Jedes Jahr zwischen Mai und Oktober finden auf der Domaine de Boisbuchet Sommerworkshops statt, die vom Vitra Design Museum in Kooperation mit dem Centre Georges Pompidou ausgerichtet werden. Der Architekturpark und die aktuelle Ausstellung im Chateau können in Führungen am Wochenende besichtigt werden.
Neben dem offiziellen Kulturprogramm bietet die Domaine de Boisbuchet die Möglichkeit zur privaten Nutzung. Auf Anfrage steht das Gut für Konferenzen, Seminare, Familienfeiern, Firmenjubiläen und ähnliche Veranstaltungen zur Verfügung.
Wir danken allen, die uns mit Informationen und Fotos versorgt haben:
Deidi von Schaewen, Aidi und Urs Müller, Demir Doganberk, Kristina Proehl, Tine Kromer,



Mehr Informationen zu den Workshops und der Domaine gibt es auf der Webseite von Vitra und der Domaine de Boisbuchet. Tagesaktuelle Bilder und Eindrücke gibt es seit diesem Jahr auch auf dem Blog von Boisbuchet.

Boisbuchet 2009: Snapshots – Tag 1
Boisbuchet 2009: Snapshots – Tag 2
Boisbuchet 2009: Snapshots - Tag 3
Boisbuchet 2009: Snapshots - Tag 4
Boisbuchet 2009: Snapshots - Tag 5
Boisbuchet 2009: Preview
Boisbuchet 2009: Insights
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