Leipzig, die neue Kreativstadt?

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Text: Katharina Horstmann


Designfestivals sind populär. Von Wien und Utrecht über Shanghai und Tokio bis hin nach Leipzig – allein in diesem Oktober fanden weltweit mehr als ein halbes Dutzend statt. Sie bieten eine lebendige Momentaufnahme der globalen Designszene und spiegeln jeweils den Geist ihrer lokalen Kreativgemeinschaft wider. So auch Leipzigs „Designers’ Open“-Event 2009, der letzten Sonntag nach drei Tagen zu Ende ging.

Alles begann vor etwas mehr als fünf Jahren, als Jan Hartmann und Andreas Neubert ein Büro für Produkt- und Konzeptentwicklung, „Studio Hartensteiner“, in Leipzig gründeten. Schnell wurde den Absolventen der Fachhochschule Zwickau bewusst, dass es leichter ist, sich national, gar international zu präsentieren als in der neuen Heimatstadt. Das brachte sie auf die Idee, einen eigenen Event zu initiieren und ihn an die traditionsreiche, auf Kunsthandwerk ausgelegte Grassimesse anzugliedern. Das Konzept des Off-Events ging nicht ganz auf: Schon nach der ersten Kooperation im Jahr 2005 setzte die Grassimesse, bedingt durch einen Umzug, für zwei Jahre aus und „Designers’ Open“ wurde – gewollt oder ungewollt – zu einer eigenständigen Veranstaltung.

Design in Mitteldeutschland

So holen Jan Hartmann und Andreas Neubert jeden Oktober Design nach Leipzig, um es „in Mitteldeutschland zu etablieren“ und gegebenenfalls auch Kontakte zu Industrie und Handwerk herzustellen – und das mit Erfolg. Stellten 2005 noch 30 Designer aus der Umgebung in verschiedenen Geschäften aus, waren es in diesem Jahr über 150, die, zusammengewürfelt aus der gesamten Bundesrepublik und teilweise auch aus dem Ausland, auf vier Etagen und insgesamt 4.000 Quadratmetern im derzeitig leerstehenden Merkurhaus – einem alten Kaufhaus – ihre Produkte aus den Bereichen Industrie- und Interieur-, Kommunikations- und Modedesign vorstellten.

Designer als Jungunternehmer

Auffallend war der Sinn für Unternehmertum bei den Ausstellern. Das Büro Neongrau aus Dresden beispielsweise präsentierte einerseits Objekte, die, wie das iPhone-Etui „3DeeShell“, schon in Produktion bei anderen Firmen sind, andererseits aber auch Produkte, für deren Herstellung und Vertrieb es selber zuständig ist, wie die Fahrräder Veloheld. Damit waren sie jedoch nicht allein. Auch das Ingenieursbüro C2g-engineering aus Magdeburg stellt Fahrräder – mit den klassischen Namen Sophie, Viktor oder Siegfried – in Eigenregie her, die es unter der Marke Schindelhauer Bikes vertreibt. Michael Röder und Anja Eder wiederum haben eine eigene Leuchtenmanufaktur in Wuppertal gegründet. Unter dem Namen Limpalux stellen die beiden Grafikdesigner in sorgfältiger Handarbeit und mit einer Vielzahl von Papierlamellen die Pendelleuchte „Moonjelly“ her, für die sie mit dem „red dot design award“ 2009 ausgezeichnet wurden.

Prototypen & Einzelstücke

Außerdem gab es jede Menge Prototypen und Einzelstücke zu sehen – insbesondere von Studenten und Absolventen der Designschulen der Region. Robert Haslbeck und David Oelschlägel aus dem Fachgebiet Industriedesign der Burg Giebichenstein – Hochschule für Kunst und Design Halle und Gewinner des Designpreises der sächsischen Initiative „Culturtraeger“ stellten eine Möbelserie vor, für die sie alltägliche Objekte neu interpretierten. Ein Beispiel ist „Karsten“. Inspiriert von den klassischen Transportkisten aus Plastik, haben die beiden stapelbare Boxen im Euronormformat aus Recyclingholz hergestellt. „Die universell einsetzbaren Kisten erzählen mit jedem Holz, mit jeder Oberfläche und jedem Anstrich eine Geschichte aus ihrem vorigen Leben und sind damit facettenreiche Einzelstücke,“ so die Designer.

Aus Weimar reisten Bauhaus-Absolventen Daniel Klapsing und Philipp Schöpfer von 45 Kilo an und zeigten ihren aktuellen Entwurf mit dem Namen „126,3“, einen Küchentisch mit einem Gestell aus pulverbeschichtetem und gefaltetem Stahlblech und einer Platte aus Eichenholz. Gleich nebenan stellten weitere Studenten und Absolventen der Weimarer Bauhaus-Universität unter dem Titel My Bauhaus Is Better Than Yours ihre Projekte vor, die jedoch vorrangig durch einzelne Papierblätter dokumentiert wurden. Als Original dabei war Lisa Dinges „Wagenfällt“-Leuchte, eine Interpretation des bekannten Entwurfs der „WA 24 “, die Wilhelm Wagenfeld 1924 am staatlichen Bauhaus gestaltete und heute als Beispielentwurf des Bauhauses steht. Mit dem Projekt Wagenfällt tritt Lisa Dinges der Ikone gegenüber und thematisiert deren kulturelle und künstlerische Aufladung: „Licht zu machen lädt immer wieder zum erneuten Bildaufbau ein,“ erklärt die Designerin ihren Entwurf aus Holzbausteinen.

Auch der Fachbereich Design der Hochschule Anhalt in Dessau war vertreten. Unter anderem stellte die Designerin Franziska Schulz „Locu“ vor, ein unendlich erweiterbares Regalsystem, das nicht unbedingt an der Wand emporwachsen muss, sondern durch seine individuelle Steckweise – die keine Schrauben und Dübel benötigt – auch frei im Raum stehen kann.

Der Designers’ Open Jury Preis

Weitere Höhepunkte des Designers’ Open waren der Vortragsbereich, die Abendveranstaltungen und zweifellos der „Designers’ Open Jury-Preis“, der insgesamt drei Mal vergeben wurde. Unter den Gewinnern war das Designkollektiv „mmmh“, das für seine „Designer-Sushi“ mit der Teilnahme an vom Vitra Design Museum und dem Centre Georges Pompidou veranstalteten Sommerworkshops in Boisbuchet ausgezeichnet wurde. Die „Designer-Sushi“ sind alltägliche aus ihrem normalen Kontext gerissenen und in einer „Sushibox“ zusammengestellten Gegenstände – ein Projekt, das kein Endprodukt ist, sondern ein möglicher Ausgangspunkt für neue Entwurfsprozesse.

Der Antrag zur Creative City

Würde man heute die Schnelllesemethode verwenden, um die Entwicklung von „Designers’ Open“ zu verstehen, ergäbe sich ein rosiges Erfolgsbild: Dreißig teilnehmende Designer x fünf Jahre Bestehen = über 150 Aussteller und mehr als 10.000 Besucher. Doch die Realität sieht nicht ganz so einfach aus, sondern benötigt „viel Selbstdisziplin und Selbstaufgabe,“ sagt Jan Hartmann. „Was die Designers’ Open betrifft, so arbeiten wir quasi ohne Fördermittel.“ Ein Ziel für die nächsten Jahre ist es, einen festen Standort und vor allem einen Sponsor zu finden. Hilfe könnte dabei auch durch die EU kommen. Denn im November fällt die Entscheidung über einen Antrag, mit dem sich Leipzig – wie schon Berlin – um den Titel „Creative City“ beworben hat. Sollte dieser bewilligt werden, bekäme die Stadt bis September 2012 insgesamt 500 000 Euro – Geld, das in die lokale Kreativwirtschaft fließen soll und von dem auch Designers’ Open profitieren könnte.
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