25hours Bikini Berlin: Zoologische Collage

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Text: Jasmin Jouhar

Berlin hat wieder einen Dschungel. Nur ein paar Minuten zu Fuß entfernt vom legendären Club der achtziger Jahre eröffnet diesen Donnerstag direkt am Zoo ein Ableger der Designhotel-Kette 25hours unter dem Motto Urban Jungle. Das klingt abgedroschen nach Plastikpalmen und Tigerfellen; tatsächlich sieht der Stadtdschungel mit seinen 149 Zimmern aber eher aus wie eine Collage Berlins. Mit rohen Betondecken, Subkultur-Anspielungen und Mut zur Düsternis hat der verantwortliche Gestalter Werner Aisslinger seinem dem internationalen Designschick verpflichteten Hotelinterieur ein paar raue Kanten verpasst.

Werner räumt auf. „Wie sieht das denn aus?“ Sichtlich ungehalten packt der sonst so freundliche Designer aus Berlin einen schweren Sitzklotz aus Holz und trägt ihn in eine andere Ecke der Bar. Gleich mehrfach nahm Aisslinger bei unserem Rundgang durch das neue 25hours Hotel Bikini Berlin die Dinge selbst in die Hand und stellte das von ihm geplante Arrangement der Möbel wieder her. Ansonsten ist der Rundgang in der Soft Opening-Phase aber von großer Heiterkeit bestimmt, denn die in einem kleinen Wettbewerb gefundene Paarung von 25hours und Werner Aisslinger hat sich als glücklich erwiesen. „Wir rannten mit unserem progressiven Konzept offene Türen ein“, erzählt der 49-jährige Designer, der ein zweites Haus für die Gruppe in Zürich plant.

Zwischen Gedächtniskirche und Flamingo-Gehege
Schon der Ort des neuen Hotels ist typisch Berlin: ein Haus mit Geschichte und speziellem Setting. Das 1957 fertiggestellte Hochhaus von Paul Schwebes und Hans Schoszberger am Breitscheidplatz ist Teil des gerade revitalisierten Bikini-Areals und bildet mit dem Kino Zoopalast, einer Mall mit ambitioniertem Konzept und Gastronomie einen neuen Anziehungspunkt in der City West. Aus den Zimmern auf der Stadtseite (Kategorie Urban) schauen die Gäste direkt auf Europacenter und Gedächtniskirche, die Zooseite (Kategorie Jungle) bietet Ausblicke auf Flamingo-Gehege, die Wipfel des Tiergartens und Siegessäule. Der neue Glaskasten auf dem Dach mit Bar und Restaurant vereint beide Seiten in einem sensationellen Rundum-Panorama. Werner Aisslinger war so klug, die Gestaltung auf die Aussicht auszurichten. In der Bar und der Sauna gibt es jeweils eine Sitztreppe mit Zooblick, und in den Zimmern schaut man auch beim Zähneputzen nach draußen, weil die Waschtische Richtung Fensterfront positioniert sind.

Werner Aisslinger in der Bar des Hotels. Foto: Jasmin Jouhar
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Beton und Edding
Überhaupt ist der Berlin-Bezug von Aisslingers Konzept deutlich: Angefangen bei den unverkleideten Betondecken und –pfeilern, die einem sowohl in den Zimmern als auch in den öffentlichen Bereichen begegnen und den ortsüblichen Charme des Unfertigen verbreiten. Noch gesteigert von den vielen fröhlichen Illustrationen, die der Japaner Yoshi Sislay überall mit Edding direkt auf die Wände gezeichnet hat. Statt Leitsystem und Hotelkunst also an Street Art erinnernde Schriftzüge und Bilder. In den besseren Zimmern steht ein Fahrrad für die Gäste bereit. Der Rezeptionstresen im dritten Geschoss ist mit türkisenen Fliesen verkleidet, wie sie auch den Bahnhof Alexanderplatz schmücken. Nebenan wartet eine DJ-Corner auf Partypeople. Auch die schwarz gefliesten Toiletten und Duschen in den Zimmern und vor allem die schwarzen Flure mit den Zimmernummern aus Neonröhren verbreiten Clubatmosphäre. Die Düsternis der Korridore erfüllt für Aisslinger allerdings auch einen praktischen Zweck: „Helle Hotelflure sehen schnell abgenutzt aus. Im Dunkeln sieht man das nicht so.“

Zinkwannen und Kupferpaneele
Kaum überraschend, dass das Unkonventionelle Teil von Aisslingers Urban Jungle-Konzept sein soll. „Uns ging es nicht um ein kulissenhaftes Themenhotel“, sagt er. „Wir wollten die Wildheit einer Großstadt zeigen.“ Und die drückt sich für ihn auch in der Kombination von gegensätzlichen Elementen aus. Collage ist das Stichwort. Im Restaurant wird nicht nur eklektische ostmediterrane Küche serviert, sondern auch gleich die Kresse für den Salat gezogen. Auf der Dachterrasse stehen alte Zinkwannen vom Flohmarkt als Pflanzkübel neben Designmöbeln. Und die Zimmer sind ohnehin ein einziges Patchwork, bei dem verschiedene Fliesen, unbehandelte Eichendielen, Kupferpaneele, farbige Wände und Beton ungebremst aneinander stoßen. „Wir leben nicht mehr konsistent und stilecht“, sagt er. „Biografie, Familie, Job – heute ist das Leben eine Collage.“
Das Bikini-Areal am Berliner Zoo im Modell. Ganz links das Hochhaus mit dem 25hours-Hotel. Foto: Bayerische Hausbau
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Professionell und zeitgeistig
Doch trotz der inszenierten Brüche und der Berlin-Bezüge ist das neue Haus vor allem ein professionell gemachtes Designhotel mit kreativem Appeal und charmanten Details. Mit Docking Station, W-Lan, Boxspring-Betten, bodengleicher Dusche und Regenbrause entsprechen die Zimmer üblichen Komfortstandards, wenngleich die Betreiber auf Sterne-Kategorisierung verzichtet. Das Interieur, laut Eigenwerbung ein „verspielter Designmix“, ist auch dank der von Aisslinger entworfenen Premium-Möbel und -Accessoires von Moroso, De Sede, FSB oder Berker hochwertig und zeitgeistig genug, das es der avisierten Zielgruppe der vielreisenden und wohlhabenden internationalen Kreativelite gefallen dürfte. Einer dieser experimentellen Orte, derentwegen die Touristen in die Stadt strömen, ist das Hotel allerdings nicht. Um das aufregende Berlin zu erleben, von dem sich in New York oder Tokio alle erzählen, werden die Gäste ihren Großstadtdschungel verlassen müssen. Die Fahrräder für den Ausritt stehen ja bereit.

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