35 Quadratmeter Raumwunder

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Text: Judith Jenner, Foto: Tess Kelly

Von außen ist das Mehrfamilienhaus im australischen Richmond im Bundesstaat Victoria nichts Besonderes: ein dreigeschossiger Backsteinbau aus den Siebzigerjahren. Die kleinen Apartments sind auf Singles ausgelegt. Um den Platz in seiner Wohnung optimal zu nutzen, hat einer der Bewohner das ortsansässige Studio Tsai Design mit dem Umbau beauftragt.

Um die 35 Quadratmeter kleine Wohnung geräumiger erscheinen zu lassen, vereinte Jack Chen von Tsai Design unterschiedliche Funktionen an einem Ort. „Nur eine Funktion existiert zu einer Zeit, die anderen sind versteckt, weggefaltet oder beiseite geschoben. Auf diese Weise wird der Raum nicht mit Möbeln überfrachtet“, erläutert der Innenarchitekt und meint damit zum Beispiel den ausklappbaren Esstisch oder den Fernseher, der elegant hinter einer Abdeckung verschwindet, wenn der Schreibtisch ausgezogen wird. Für Lösungen wie diese arbeitete Jack Chen mit einem auf Hotelausbauten spezialisierten Tischler zusammen.

Ausgewählte Materialien
Die Materialpalette hielt er bewusst überschaubar: Wie ein Kasten aus Eichenholz muten die Einbauten und die Schiebetür zur Küche an. Das Material erstreckt sich vom Boden über die Wand bis zur Decke. Dazu passen das Eichenfurnier des Küchenschranks und die Fliesen mit Holzstruktur im Badezimmer. Sie erzeugen die Illusion, dass sich das Holzthema fortsetzt. Der gegenüberliegende Bereich ist in Weiß gehalten. Eine zum Teil verspiegelte Wandschrankkonstruktion rund um das große Fenster schafft Stauraum und integriert eine gepolsterte Sitzbank. Zugleich reflektiert sie das Tageslicht und lässt den Raum heller wirken. Für einen farblichen Kontrast sorgen ein blauer Teppich oder die lindgrünen Polster von Sessel und Sofa. „Der Nutzer der Wohnung soll die Wahl haben zwischen unterschiedlichen Aktivitäten, zum Beispiel ein Buch zu lesen oder einfach nur aus dem Fenster zu schauen“, erläutert Jack Chen das Einrichtungskonzept.

Raum für Dinnerpartys
Die gerade einmal vier Quadratmeter große Küche ist nur durch eine Schiebetür vom Wohnzimmer getrennt. Sie bildet auch das Entrée zur Wohnung und ist mit schwarzem Industriestein ausgekleidet. Wo früher nur eine Spüle war, gibt es heute eine vier Meter lange Küche mit drei Metern Sitzfläche und ausreichend Stauraum, wohl wissend, dass der Bewohner gerne kocht und Gäste empfängt. Tageslicht bekommt die Küche durch ein Fenster zum Bad, bei dem auf Knopfdruck ein Sichtschutz aktiviert werden kann. Im Bad erzeugen viele Pflanzen die Illusion eines Gewächshauses – ein Ersatz für den nicht vorhandenen Balkon.

Mehr Arbeit als gedacht
Die größte Herausforderung stellten für Jack Chen die vielen kleinen Elemente dar, die er für das Projekt entwerfen musste. „Vieles passte wie geplant, aber einige Lösungen waren mit vielen Versuchen verbunden“, erzählt er. „Auf diese Weise dauerte das Projekt länger als erwartet.“ Das Ergebnis – eine Wohnung mit individuellen Lösungen und durchdachter Materialauswahl – kann sich sehen lassen und wurde unter anderem als 2018 archiTeam Winner in der Kategorie „Best Small Projects“ ausgezeichnet.

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