Alles auf Ausblick: Traumhaus in Chile

15

Text: Tim Berge
Foto: Pablo Casals Aguirre

Wie auf einer steinernen Drehscheibe sitzt das Wohnhaus auf einem länglichen, über seinen Sockel auskragenden Glas-Blech-Beton-Riegel – und scheint sich minütlich die beste Ausrichtung zu suchen. Doch Bewegung braucht es an diesem Ort gar nicht: Das Haus ist ganz dem einmaligen Panorama gewidmet und bietet seinen Bewohnern Ausblicke in Hülle und Fülle.  

Zuerst war da das Grundstück: Am oberen Ende eines steilen Hangs mit Rundumblick auf ein grünes Tal nahe Santiago de Chile. Was den Bauherren noch fehlte, waren ein Architekturbüro, dass ein Haus zu diesem Panorama bauen würde, und das nötige Budget.  

Lange Wartezeit 
Mit dem Entwurf wurde das ebenfalls aus der chilenischen Hauptstadt stammende Architekturbüro Studio Cáceres Lazo beauftragt – doch der Bau verzögerte sich erst einmal, weil die Bauherren, ein junges Paar, kein Geld für die Konstruktion des Hauses und die Erschließung des Geländes hatten. Die Planer warteten zwei Jahre, dann folgte der Startschuss zu dem Projekt. Während der Wartezeit hatte das Paar ein Kind bekommen und ein weiteres war unterwegs, weshalb das Raumprogramm an die neue Familienkonstellation angepasst werden musste. Die Bauherren wünschten sich Wohnen auf nur einer Ebene, da sie als Stadtkinder das Leben in Wohnungen gewohnt waren. Dem Panorama aber wurde eine besondere Rolle zuteil: Es wurde zum alleinigen Daseinszweck des Neubaus erklärt. Ein Raum ohne Ausblick war für die Bauherren nicht akzeptabel.  

Strandhaus-Gefühl 
Die Wohnetage ruht quer auf einem Betonsockel, der das felsige Gelände begradigt. Er nimmt außerdem den Pool in sich auf und bildet eine große Terrasse aus. Das darüber liegende Geschoss ist ein langgestreckter Riegel, der mit einer schuppenartigen Haut aus dunklen Faserzementplatten verkleidet ist. Der dadurch entstehende monolithische Charakter wird durch eine lange Fensterfront und einen überdachten Innenhof durchbrochen. Zur Rückseite ist das Haus vollständig verschlossen, einzig zwei Eingänge formen Öffnungen zum Außenraum.  

Im Inneren reihen sich die Räume wie an einer Perlenschnur hintereinander auf. Im Zentrum befindet sich das Wohnzimmer mit einer angeschlossenen Küche und eine überdachte Terrasse: Der Bauherr liebt das Grillen und wollte seiner Leidenschaft auch bei schlechtem Wetter nachgehen können. In den beiden Endstücken des Riegels befinden sich die Schlafzimmer: Auf der einen Seite das der Eltern und auf der anderen zwei für die Kinder und eins für Gäste. Türen sucht man in dem Neubau allerdings vergeblich – die Bauherren wünschten sich für ihr Haus ein Strandhaus-Gefühl, ganz ohne Barrieren.  

Keine Barrieren 
Auch ein klassischer Korridor war unerwünscht - allerdings galt es eine Verbindung zwischen den aneinandergereihten Räumen zu schaffen. Daher weiteten die Architekten von Studio Cáceres Lazo den notwendigen Flur auf und gaben ihm zusätzliche Funktionen, die durch einen mittig platzierten Patio separiert wurden. In der einen Hälfte hängt nun die Kunstsammlung der Bauherren, in der anderen wurde ein Spielbereich für die Kinder eingerichtet 

Obwohl man nicht von überall den Ausblick auf die umgebende Landschaft genießen kann, ist der Neubau doch in seiner Gesamtheit auf das Panorama zugeschnitten. Dazu passen die Auflösung klassischer Raumbarrieren im Inneren und die perlenkettenartige Raumkonstellation genauso wie die vollständige Öffnung der Fassade in Richtung des Tals. Damit hat die eigenwillige Entstehungsgeschichte tatsächlich ein Happy End – und die Bauherren ihr Traumhaus mit Ausblick. 

Weitere Artikel 13 - 25 von 44 Varieté im Wohnzimmer Wohnen im Disco Space Beton in verschachtelter Façon Rote Erde, weiße Wand Das Katzenhaus Japanisch-dänische Fusion Der Luxus des Alltäglichen Später Ruhm: Bauhaus-Neubau in Dessau Neues Wohnen in muslimischer Tradition Wohngerüst im Altbau-Loft Ein Wohnbau als Statement Zeitreisen in Warschau

Das Online-Magazin für Designprofessionals und Enthusiasten.