Alles nur Fassade

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Text: Katharina Horstmann
Foto: Maxime Brouillet

Die schmale Fassade des Reihenhauses aus der Jahrhundertwende fügt sich nahtlos in das Straßenbild der Rue Clark in einem der belebtesten Viertel Montreals ein. Dahinter verbirgt sich hingegen ein vom kanadischen Architekturbüro la Shed von Grund auf neu konzipiertes Einfamilienhaus, das durch sein offenes Raumkonzept für ungeahnten Kontrast sorgt.

Die Rue Clark gehört zu den eher dicht besiedelten Wohnvierteln Montreals. Hier liegen zwei- bis dreigeschossige Reihenhäuser aus der Jahrhundertwende dicht nebeneinander, zum Teil noch im Originalzustand mit Sandsteinfassade, meist jedoch schnörkellos mit Klinkern verkleidet. Eines davon ist das Maison Clark, ein neues Heim einer vierköpfigen Familie, das kürzlich durch das ortsansässige Architekturbüro la Shed renoviert wurde. Wie die meisten Reihenhäuser wird es von einer geringen Breite bei großer Gebäudetiefe bestimmt, wodurch nicht nur die Raumproportionen, sondern auch die Lichtverhältnisse maßgeblich beeinflusst werden.

Alte Hülle, neuer Kern
Da das Haus bereits durch zahlreiche vorhergehende Renovierungen viel von dem ursprünglichen Charme eines Altbaus eingebüßt hatte, erkannte die Familie von Anfang an das Potenzial, in eine moderne Umsetzung zu investieren, anstatt die Grundsubstanz zu erhalten. Die Auflagen des Bauamtes sahen zwar vor, die nach Osten ausgerichtete Straßenfassade an die benachbarten Häuser angepasst zu lassen, weswegen die alten Tür- und Fensteröffnungen beibehalten wurden. Davon abgesehen hatten die Architekten nahezu freie Hand, den Bau nach den Bedürfnissen ihrer Auftraggeber zu modernisieren. Sie entkernten das Haus und erweiterten es um einen zurückgesetzten, an Vorder- und Rückseite vollverglasten Dachausbau mit Sonnendeck. Darüber hinaus versahen sie die Westfassade mit großen Fensteröffnungen, um so viel natürliches Licht wie möglich ins Innere zu lassen.  

Grundsätzlich offen
Das Erdgeschoss ist den gemeinschaftlichen Bereichen des Familienlebens vorbehalten. Den Mittelpunkt bildet ein großes, zur Westseite fast vollverglastes Wohnzimmer, das auch den sich über zwei Etagen erstreckenden Küchenraum aufnimmt. Die hier vorherrschende Farbe Weiß wird ergänzt durch warmes Kiefernholz an Küchenboden, -decke und -schränken sowie den grauen Arbeitsoberflächen und dem blanken, geschliffenen Estrich im Wohnzimmer. Durch die großen Fenster scheint der Übergang zwischen innen und außen fließend. Der Betonfußboden, der auch für die Terrasse verwendet wurde, unterstützt diesen Eindruck. Ohnehin kann das Licht ungehindert durch das Haus strömen: Es gibt kaum Wände und nur wenige Schiebetüren und statt Fluren ineinander übergehende Raumfolgen.

Licht als Konstante
Eine offene, weiße Stahltreppe führt in die beiden oberen Etagen. Sie leitet nicht nur Licht in die unteren Geschosse, sondern erleichtert auch die Kommunikation der Familie. Über die erste Etage sind die Schlafzimmer der Eltern und der Kinder verteilt sowie ein kleines Studio, das sich auf dem kleinen Atrium oberhalb der Küche befindet. Der Dachausbau dient als zweites Wohnzimmer des Hauses. Durch die großen Fensteröffnungen gibt er den Blick über die Dächer der Nachbarbauten frei und versorgt selbst an grauen Tagen das Haus mit natürlichem Licht. La Shed ist hier ein kompakter und charaktervoller Umbau geglückt, der unter Beibehaltung der Grundform das traditionelle Reihenhaus völlig neu interpretiert – als offenen Lebensraum im urbanen Zusammenspiel.

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