Alpen-Kubismus statt Hüttenromantik

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Text: Franziska Horn

Wie aus dem Nichts scheint der schimmernde Hotel-Kubus gleich einem überdimensionierten Eiswürfel mitten auf die Tiroler Almwiese gefallen zu sein. Da liegt er nun mit seiner vorgesetzten Mattglas-Fassade, nahe der Bundesstraße Innsbruck-Reutte, am Rande des beschaulichen Dorfes Biberwier. Wären da nicht die Zacken der Zugspitze, die sich mitunter in der glänzenden Oberfläche des coolen Kubus wider spiegeln, er könnte überall stehen – am ehesten wohl aber in einem urbanen Umfeld. Nach Savognin in Graubünden und Nassfeld in Kärnten eröffneten die Cube-Hotels am 6. Juli unter dem Firmenslogan „It’s my homebase“ ihren dritten Standort in Biberwier-Lermoos. Der Tiroler Bau scheint seinen Vorgängern ähnlich bis zur Austauschbarkeit, was in der Absicht seiner Macher liegt, denn neben den umliegenden Wiesen gibt er die vorbestimmte Corporate Identity wider: Außen kompakt mit gletscherkühler Mattglasscheibenoptik, innen luftig mit konsequent durchgestyltem Designambiente. Ein Mix aus Loft und Lounge, aus Spa und Sporthotel erwartet ein junges Publikum, das sich überwiegend aus der Biker- und Snowboarder-Fraktion rekrutiert. Und wie schon in Savognin und Nassfeld wurde mit der Planung das international operierende Vorarlberger Architektenbüro Baumschlager & Eberle betraut.
Design von A bis Z
Ein vierstöckiges Atrium bildet den Mittelpunkt des Baus, an dessen Außenkanten sich die durchgehend gleichgroßen Zimmer reihen. Diese sind funktional gehalten und führen die urbane Philosophie im Inneren fort. Mit Siebdruck farbig gestaltete Glasgeländer in den Tönen Rot, Blau und Gelb setzen im Atrium starke Akzente, ebenso wie die hinterleuchteten Säulen. Überraschend sind vor allem die massiven, bewusst roh gehaltenen Betonrampen – „Gateways“ genannt –, welche die Stockwerke miteinander verbinden. Sind Treppen nun passé? Nicht ganz. „Ein Biker ließ einst den Satz fallen, er würde sein Zweirad am liebsten nachts unter das Kopfkissen legen“ erzählt Rudolf Tucek, Gründer und Visionär der Cube-Hotels. Der Wiener stammt aus der Reise- und Fitnessbranche und ersann das Cube-Konzept im Jahr 2000 während einer Autobahnfahrt. „Ich habe das Konzept ganz aus der Funktion heraus entwickelt und bis ins Detail mitgeplant, von den Rampen bis hin zu den verglasten Showrooms, die den Zimmern vorgelagert sind“. Diese klimatisierten Trockenräume dienen der Aufbewahrung von Kleidung und Sportgeräten wie Boards und Bikes. Na gut, wer sein Rad liebt, der schiebt – es eben mit aufs Zimmer, das er sich beinah gleichberechtigt mit dem Sportgerät teilt. Jede Einheit umfasst gerade mal 26 Quadratmeter, denn für den ständigen Aufenthalt sind sie nicht gedacht. „Schließlich ist das gesamte Hotel eine einzige Living-Area“, erklärt Tucek, „mit Chill-Out-Zonen in der Lobby und auf jedem der Stockwerke“. Wer genug gechillt hat, kann sich an der Playstation amüsieren oder an der Bar Gleichgesinnte kennenlernen. In diesem Fall sitzt er dann auf Grcics Barhocker „Miura Stool“ von Plank, der hier in Rot vor dem schwarzen Tresen seine besondere Wirkung entfaltet. Oder er genießt die letzten Sonnenstrahlen auf der Teakholz-Terrasse. Dann gerne auf „Ultra Cube“-Hockern von Frank Gehry für Heller. Wenn es schließlich dunkel geworden ist, lohnt sich ein Blick von außen auf den hell erleuchteten Hotel-Kubus, dessen Außenhaut als Projektionsfläche für diverse Farbspiele oder Firmenlogos fungiert – auch Seminare und Incentives bieten die Betreiber an. Wem das nicht reicht, der kann die Nacht in der schallgedämpften Keller-Disco zum Tag machen und bis zum Morgen abtanzen.
Design-Hotel, Sportdependance oder Jugendherberge?
Was ist Cube nun wirklich, Design-Hotel oder Sportdependance, Party-Location oder eine aufgemotzte Jugendherberge? Bei einem Bettenpreis ab 26 Euro pro Nacht läge letztere Annahme durchaus nahe. „Weder noch“, antwortet Tucek, Vorstand von Vienna International Hotel & Resorts, „der Cube ist einfach der Cube.“ Entscheidend für den Standort waren die vorhandene Infrastruktur, die Anbindung an die Flughäfen in München und Innsbruck und auch die Tatsache, dass der Hauptinvestor, Langes Resorts, die 100 Meter entfernten Marienberg-Lifte betreibt – ihr Chef heißt Alexander Melchior und ist ein Mitglied der Innsbrucker Industriellendynastie Langes-Swarovski. 16 Millionen Euro hat man für den jüngsten Würfel ausgegeben. Für die Beteiligten ist das Cube-Konzept mit seinem Design-Ambiente damit keinesfalls ein kurzlebiger Trend, sondern ein Projekt mit Perspektive. „Wir können die Berge nicht zu geriatrischen Zentren machen“, so Tucek. „Die Alpen müssen wieder sexy werden! Klar, wir sprechen eine junge Zielgruppe an, ohne dabei die Generation 40 Plus auszuschließen“. Das Konzept scheint aufzugehen – bereits zum Start am 6. Juli waren die 80 Zimmer mit ihren 275 Betten ausgebucht. Unter dem Flachdach verbinden sich Restaurants, Fitness-Zonen, Sauna und Entspannungsräume zu einem in sich geschlossenen System, das einer Bandbreite von Gästen ¬– vom Wellnessfan bis zum Extremsportler – Service und Unterhaltung rund um die Uhr verspricht.
„Wir sind nicht die ,Pension zur Waldesruh’“
Das Cube-Konzept scheint die passende Antwort auf einen sportbetonten, flexiblen Lebensstil, der mit dem Zeitgeist korrespondiert. „Nein, wir sind nicht die ,Pension zur Waldesruh’“, lächelt Rudolf Tucek, auf das fehlende Lokalkolorit angesprochen. Wer Typisches, Jodelstil und Hüttenromantik sucht, findet das am Ende auch – zum Beispiel auf den umliegenden Almen. „ Unser Konzept ist nicht ortsgebunden, sondern global einsetzbar“. „All-in-One plus Modernität“ bringt der Unternehmer die Cube-Formel auf einen Nenner. Aktuell gibt es bereits zwölf Anfragen für weitere Projekte in Europa und Skandinavien, am Meer wie in den Bergen. „Unser Konzept ist gut zu vervielfältigen, es gibt unendliche Möglichkeiten. Die größten Kapazitäten sehen wir künftig in Übersee. Und sogar ein olympisches Dorf wäre denkbar.“
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