Am Ende der Gasse: Wohnskulptur aus roten Ziegeln

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Text: Tim Berge, Foto: Tess Kelly 

Wenn Platz zur Mangelware wird, entstehen oftmals beeindruckende Raumwunder. So geschehen in Melbourne, einer Stadt, die wie viele andere Metropolen unter steigenden Preisen für Grund und Boden leidet. Hier haben Austin Maynard Architects das Wohnhaus einer Familie um einen Anbau ergänzt, der funktional und visuell begeistert. 

Von der Straße aus ist das Gebäude nur aufgrund seiner Höhe zu erkennen, denn es liegt versteckt auf der Rückseite einer Einfamilienhaussiedlung an der Ecke zweier aufeinandertreffender Gassen. Bevor hier der Neubau errichtet wurde, stand an gleicher Stelle eine Garage – genau wie überall sonst an den Rückseiten der beschaulichen Häuserreihen Melbournes. Doch genau diese, bisher als Parkplatz genutzten Orte bekommen in einer Zeit steigender Grundstücks- und Mietpreise eine bedeutendere Rolle. Im Fall der Bauherren war es die Tochter, die sich aufgrund des aufgeblasenen Immobilienmarktes keine erschwingliche Wohnung mehr leisten konnte. Also wurde kurzerhand die alte Garage abgerissen und durch einen kompakten Anbau ersetzt. Keine Ausnahme, sondern ein Trend in der australischen Metropole.

Straßenansicht

Minimalistische Bauskulptur 
Der Neubau ist etwas höher als sein Vorgänger, dafür aber nicht so tief wie dieser. Dadurch konnten die Architekten ein großes Stück des Gartens, der vorher überbaut war, freilegen und einer neuen Nutzung zuführen: Eine Terrasse mit Pool bietet der Familie ungewohnten Freiraum. Dieser zieht sich bis auf das Dach des neuen Wohnhauses, auf dem ein Garten Platz für Gemüse- und Obstanbau bietet. Die Fassade des Neubaus besteht aus recycelten Ziegelsteinen, die auf der nach innen gerichteten Seite mit einem grafischen Muster aus rot und blau lasierten Klinkern durchsetzt ist. Die Architekten wollen so ein visuelles Wechselspiel aus Licht und Schatten sowie matt und glänzenden Oberflächen erzeugen. Runde Fenster, die zur Straße hin aus undurchsichtigem Strukturglas bestehen, eine wendelförmige Feuerleiter sowie wellenartige Unterbrechungen in der Brüstung komplettieren das Bild der minimalistischen Bauskulptur aus roten Ziegeln.  

Kluge Raumorganisation 
Im Inneren setzt sich die konsequente Gestaltungslinie von Austin Maynard fort: Wände und Decken sind in kräftigem Azurblau gestrichen, der Boden besteht aus einem beinahe schwarzen Terrazzoestrich. Die Einbauten dagegen sind aus hellem Holz und bilden einen warmen Kontrast zu dem kühlen Oberflächenkanon. Transluzente Doppelstegplatten sorgen zudem für eine bessere Lichtverteilung innerhalb des Hauses. Die Raumorganisation erlaubt zukünftige Änderungen: Im Erdgeschoss ist zwar nach wie vor eine Garage untergebracht, aber die großzügige Deckenhöhe erlaubt auch eine Nutzung als Wohnzimmer oder Shop. Allein das Tor musste einer Eingangstür weichen. Ein typischer Ort aus der Feder des Melbourner Architekturbüros, das für die kluge Umnutzung oder Neuplanung bestehender Flächen bekannt ist. Mit dem markanten Anbau ist ihnen ein weiteres Bespiel kompakter und nachhaltiger Planung gelungen, die nicht nur aus funktionaler Sicht, sondern auch visuell beeindruckt. 

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