Ambivalenz in Marmor

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Text: Tim Berge
Foto: Felipe Ribon

Wellenartig winden sich steinerne Schichten durch die Taufkirche im französischen Pilgerort Melle und türmen sich zu einer organischen Bodenskulptur, auf der Altar und Ambo wie zwei Findlinge ruhen. Die Installation des Pariser Designers Mathieu Lehanneur erzeugt eine irritierend harmonische Komplizenschaft zwischen dem historischen Kirchenbau und der mineralischen Masse, die der Gestalter dem Gebäude hinzufügte: eine Offenbarung in Marmor. 

Die romanische Kirche Saint-Hilaire stammt aus dem 12. Jahrhundert. Sie liegt auf der Via Turonensis und damit auf einem der vier Jakobswege durch Frankreich. Die wichtige Pilgerstation wurde nun modernisiert.  

Künstliche Nachbildung
Wie geht man mit der Ernsthaftigkeit eines Projektes im kirchlichen Kontext um? Mathieu Lehanneur entschied sich für einen Spagat: Seinen progressiven Gestaltungsansatz begründete er mit dem Standort der historischen Taufkirche. Diese wurde in einer Senke des Ortes Melle errichtet – und durch die künstliche Nachbildung einer hügligen Topographie, die an Sedimentgesteine erinnert, verwurzelt der Designer das Gotteshaus formal mit seinem natürlichen Kontext. Es wirkt, als wäre die Kirche ein kleines Stück in das Erdreich hineingesunken. Mit dem Material Marmor, das Lehanneur in 55 Schichten auf dem alten Sandsteinboden übereinanderstapelte, verweist der Gestalter ebenfalls auf den mineralischen Ursprung – nicht nur der Landschaft, sondern auch des romanischen Sakralbaus.

Gebautes Paradoxon
Die amorphe Hügellandschaft aus weißem Marmor türmt sich bis zu einer Höhe von 80 Zentimetern auf. Die Schichtung der 15 Millimeter starken Platten, die an dreidimensionale Höhenlinien eines Landschaftsmodells erinnern, setzt der Designer bewusst ein, um das Objekt zu abstrahieren. Entstanden ist ein gebautes Paradoxon, das sich irgendwo zwischen natürlichem und menschlichem Ursprung bewegt. Gekrönt wird die sakrale Landschaft von Altar und Ambo: Beide Objekte sind aus einem gelb-braunen Alabaster und heben sich durch Farbe und Form von dem Marmorpodest ab. Sie bestehen nicht aus Gesteinsschichten, sondern sind aus einem Stück gefertigt. Allein das ebenfalls neu hinzugefügte Kreuz weicht von dem mineralischen Materialkontext ab – es ist aus schlichtem Holz. 

Ambivalenz als Stärke
Lehanneur nutzt die Dreidimensionalität seines Objekts zur Unterbringung wichtiger Funktionen einer Taufkirche: Neben Treppenstufen und Sitzgelegenheiten ist auch das Taufbecken in den Bodenaufbau integriert. Letzteres wirkt wie ein kleiner Teich, der mit glasklarem Wasser gefüllt einen weiteren Bezug zur Geologie und Topographie des Kirchenstandorts herstellt: Der Bau grenzt unmittelbar an einen schmalen Flusslauf. Mit seinem architektonischen Eingriff lässt der Designer die Kirche zu einem Teil der Landschaft werden – als künstlerischer Akt der nachträglichen Verwurzelung. Die Stärke der optischen und konzeptionellen Wirkung des Eingriffs beruht auf seiner Ambivalenz: Das Material Marmor gibt dem Umbau seine Seriosität – während die Form verspielt wirkt. Genau diese Unbestimmbarkeit verleiht dem Projekt seine Strahlkraft. 

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