Animalische Sinuskurven

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Text: Norman Kietzmann
Foto: Zheng Shi

Was für eine Verwandlung: In Shanghai ist eine frühere Schlachterei in ein Geschäft für Katzen- und Hundezubehör transformiert worden. Die Vierbeiner können sich hier in einer Kulisse bewegen, die an die räumlichen Qualitäten einer Highend-Mode-Boutique erinnert. Die Formgebung ist der Versuch einer räumlichen Wiedergutmachung. 

Die Moderne hat auch im Shanghai der Zwanziger- und Dreißigerjahre Spuren hinterlassen. Ein bis heute erhaltener Bau ist die Old Millfun Factory, die 1933 vom schottischen Architekten Andrew Balfours im Stil des Art déco errichtet wurde: als seinerzeit drittgrößtes Schlachthaus der Welt. Ungewöhnlich war nicht nur die Fassade mit ihren runden und eckigen Verblendungen, sondern ebenso die Materialität. Der 31.000 Quadratmeter große Bau wurde komplett aus Beton errichtet, der eigens per Schiff aus England antransportiert wurde. Da Klimaanlagen noch nicht zur Verfügung standen, musste auf andere Weise gekühlt werden: mithilfe von massiven, 50 Zentimeter starken Wänden, die selbst heute noch im Hochsommer für frische Temperaturen sorgen. 

Fluider Gegenpol
Inmitten dieser Mauern ist eine ungewöhnliche Nutzung entstanden: Eine Boutique für Hunde und Katzen der in Paris gegründeten Marke Pidan. Mit der gewöhnlichen Langeweile und Tristesse der früheren Einrichtungen hat dieser Ort nichts mehr gemeinsam. Das Büro I.F.S.E. Space Creative Lab hat eine Architektur in der Architektur geschaffen, die auf die Härte der schweren Betonwände reagiert und ihr etwas Weiches und Fluides entgegensetzt. Als Ausgangspunkt dienten die Bewegungsradien einer Katze, die durch den leeren Raum frei umher streifen konnte. Aus den Daten heraus ist die ideale Raumaufteilung für Vierbeiner ermittelt worden, die freiredend nicht dem rechten Winkel gehorcht, sondern einen schwungvollen Parcours vollzieht. 

Metallisches Rückgrat
Herkömmliche Vitrinen oder Warenrückwände gibt es hier nicht. Die Präsentation ist in die Mitte des Raumes gerückt. Animal Backbone nennen die Architekten jene Struktur aus lochgestanzten Stahlblechen, die sich durch den Raum windet. Die Höhe der Metallbleche verläuft nicht geradlinig, sondern lässt mit ihrer ansteigenden Wölbung an gekrümmte Katzenbuckel denken. Der Grundriss des 100 Quadratmeter großen Raums basiert auf vier freistehenden Zylindern, die wiederum von einer sinuskurvenartigen Wand mit sechs Bögen verbunden werden.

Architektonischer Erlebnisraum
Die Struktur verfügt über 480.000 Löcher, die nicht nur der Sichtverbindung zwischen den einzelnen Raumabschnitten dienen. In den Öffnungen werden Ablagen aus Plexiglas mithilfe von metallenen Klammern fixiert, auf denen Körbe, Spielzeuge, Kratzbäume oder Pflegemittel präsentiert werden. Hinzu kommen weitere Sockel aus transparentem Plexiglas, auf denen die Produkte regelrecht zu schweben scheinen. 

Eine verspiegelte Rückwand vergrößert die Raumwirkung und verstärkt zugleich den Transparenzeffekt der Lochblechstrukturen. Das Interieurkonzept verstehen die Architekten ganz bewusst als eine Art Wiedergutmachung für die Qualen, die Tiere hier zuvor erleiden mussten. Den vierbeinigen Begleitern steht nun ein architektonischer Erlebnisraum zur Verfügung, an dem sie ihre künftigen Lieblingsdinge aussuchen können: eine spielerische und gleichsam inspirierende Form der menschlich-animalischen Interaktion. 

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