Archäologische Übung: Mole House von Adjaye

14

Text: Nina C. Müller
Foto: Ed Reeve

„Ich arbeite gerne mit Künstlern zusammen, die Raum und Struktur als integralen Bestandteil ihrer Arbeit sehen. Es geht um die Verschmelzung von Fähigkeiten und Ästhetik und darum, etwas zu schaffen, das mehr Potenzial hat als Disziplinen für sich alleine“, sagt David Adjaye. Der Architekt und Gründer von Adjaye Associates hat Erfahrung in dieser Art von Partnerschaft. Schon einmal arbeitete er mit der Künstlerin Sue Webster zusammen. Jetzt entwarfen sie das Mole House, das nicht nur künstlerische und architektonische Expertisen bündelt, sondern auch archäologische Qualitäten aufweist.

Mit Adjaye Associates unterhält David Adjaye Studios in London, New York and Accra. Zudem unterrichtet der Londoner Architekt an der renommierten Architectural Association, ist Mitglied der National Academy, der American Philosophical Society und der American Academy of Arts and Letters. 2017 schlugen ihn die Briten sogar zum Ritter. Zu den renommiertesten Bauten des gebürtigen Tansaniers zählen das Nobel-Friedenszentrum in Oslo und das National Museum of African American History and Culture in Washington D.C. Doch auch kleine Projekte findet man in seinem breitgefächerten Portfolio. Bei dem Umbau des neuen Londoner Wohn- und Atelierhauses von Sue Webster ging er in die Tiefe – und das buchstäblich.

Archäologische Übung
Der vorherige Mieter des Eckhauses im Zentrum von Hackney lebte dort vierzig Jahre. Nicht nur, dass der Bau währenddessen von Brandschäden und Korrosion heimgesucht wurde. Der Mann verfolgte auch ein Hobby, das das Gebäude fast zum Einsturz brachte. In seinem Garten grub er unterirdische Tunnel und deponierte laut Lokalpresse dort Fernseher, Kühlschränke, ein Boot und sogar Autos. Irgendwann griff die Stadt ein und sicherte das Gelände mit 2.000 Tonnen Beton für die entstandenen Hohlräume. Später mussten tonnenweise Trümmer entfernt werden. Der Entwurf basiere also auf einer archäologischen Übung, die „mehrere Jahre versteinerte häusliche Geschichte enthüllten“, so der Planer, der den Bau auf diese Weise um das Untergeschoss erweiterte. Noch heute gibt es diverse Eingänge zum Haus, die als Referenz zu den damaligen Tunneln dienen. Vielmehr erinnert allerdings nicht mehr an den „Maulwurf-Mann“, wie ihn die Stadtbewohner tauften.

Zunächst befreite Adjaye den viktorianischen Bau von unnötigen Einbauten. Eine Trennwand, die das Grundstück damals in zwei separate Häuser gliederte, wurde entfernt. Auch alte Innenwände und Böden entfernte der Architekt vollständig. Statik und Struktur verleiht nun eine kreuzförmige Betonkonstruktion im Zentrum des Gebäudes. Mit ihr entstehen auf jedem Stock des dreigeschossigen Hauses jeweils vier Zonen unterschiedlicher Größen. Das sorgt für „expansivere, flexible und einheitliche Räume“, erklärt das Studio. Im neugewonnen Untergeschoss siedelten Architekten und Bauherrin das Atelier an. Eine Entscheidung, die zunächst überrascht, unterstellt man einem Kellerraum eher schummerige Lichtverhältnisse. Doch tatsächlich ist das hiesige Untergeschoss dank seiner hohen Decken ein lichtdurchfluteter, luftiger Arbeitsraum, der nunmehr Wohngeschichte und zeitgenössische Kunst vereint.

Künstlerisches Experimentierfeld
Im Obergeschoss, wo Brandschäden und Korrosion dem Bau übel zugesetzt hatten, integrierte Adjaye ein großes Deckenfenster. Und auch insgesamt wartet der ganze Bau mit raumfüllenden Panoramafenstern auf. Sonst beließ der Planer die Fassade in seiner weitestgehend bestehenden Form, die ihm, so das Architekturbüro, ein „verfallenes bunkerartiges Erscheinungsbild“ verleiht. Lediglich alte London-Ziegel halfen, große Beschädigungen zu reparieren. Ein Schieferblech ersetzt das ursprüngliche Schrägdach und rohe Metallrohre dienen als Brüstungen vor den gestaffelten Höhenplateaus innerhalb des Grundstücks. Für das Interieur wählten Planer und Bauherrin eine reduzierte Materialpalette aus Sichtbeton und Holz. Licht im Atelier kommt aus Neonröhren.

„Das Maulwurfshaus zeigt eine kombinierte Vision zwischen Auftraggeber und Architekt, der urbane, taktile und persönliche Geschichten hervorhebt“, so David Adjaye. Wer sich dem Bau von vorne nähert, schaut auf ein Gebäude, das wie ein Monument erscheint und auch in zwei verspiegelte, reflektierende Fenster, die wie Augen anmuten, die einen fast ein wenig mustern. Vielleicht ist das der Blick des Maulwurfs, der sich hier noch immer heimisch fühlt, aber inzwischen nicht mehr ohne Sonnenbrille auskommt.

Weitere Artikel 13 - 25 von 62 Nachhaltiges Wohnen in Australien Quadratur des Kreises Salone del Mobile 2020 abgesagt Anders als die Anderen Das Katzenhaus Bunt im Loft Ein Haus für Grenzgänger Klug gestapelt: Mikroapartments in Seoul Brutalistische Bauklötze Mut zur Lücke: Mikrohaus in Köln Puzzle aus Naturstein Ein Elefant für den Gin Tonic

Das Online-Magazin für Designprofessionals und Enthusiasten.