Architektur für die Sinne

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Text: Katja Neumann
Foto: Tristan McLaren, John Hodgekiss & studioMAS


Dass Kunst mehr sein kann, als ein Bild an der Wand, zeigt die neu gebaute „Circa Gallery“ im Johannesburger Viertel Rosebank.
Die südafrikanische Hauptstadt gilt als eine der gefährlichsten der Welt verfügt über die Kriminalitätsrate des Landes. Das flexibel und multifunktional angelegte Gebäude soll daher nicht nur ein Ausstellungsort für Kunstwerke sein. Es soll Offenheit ausstrahlen, ein Platz sein, an dem sich Menschen wohlfühlen und Architektur und Kunst auf sinnliche Weise erfahren. „Lebendig“ ist dabei nicht nur das Konzept, sondern auch die aus farbigen Aluminiumstäben bestehende Fassade, die das elliptische Gebäude regelrecht ummantelt. Nachts durch LED-Lampen beleuchtet, zeigt sich, dass die Circa Gallery durchaus ein „Geschenk an Johannesburg“ ist, wie es Eigentümer Mark Read bezeichnet.

Im Stadtteil Rosebank zwischen zwei viel befahrenen Straßen steht ein neues Wahrzeichen: die „Circa Gallery“. Eigentlich sollte der Neubau nur eine Erweiterung der direkt gegenüberliegenden, international renommierten Galerie „Everard Read Gallery“ werden. Deren Besitzer, Mark und Christine Read, erwarben in den späten achtziger Jahren das Grundstück von der Stadt Johannesburg. Seit dieser Zeit reifte der Plan heran, eine Art Erweiterung der ursprünglichen Galerie zu bauen, doch bis der richtige Zeitpunkt gekommen war, vergingen noch fast zwanzig Jahre, in denen das Grundstück vorwiegend als Parkplatz genutzt wurde.

Zwei Etagen in einem elliptischen Neubau

Als die Idee schließlich ausgereift sowie Konzept und Finanzierungspläne erstellt waren, fand Mark Read mit Pierre Swanepoel und dessen Team vom "studioMAS" den richtigen Architekten für sein Vorhaben. Bereits nach der ersten Entwurfspräsentation waren die neuen Bauherren überzeugt von dem Konzept eines elliptischen Grundrisses, wenn gleich dieser auch eine für einen Ausstellungsraum ungeeignete Eigenschaft aufweist: An den leicht gebogenen Wänden lassen sich nur schwerlich Kunstwerke aufhängen. Gelöst wurde dieser Nachteil schließlich durch den Einsatz modularer Wände, die sich zwischen Erdgeschoss und der ersten Etage verschieben lassen – eine ebenso optimale wie auch innovative Form der Präsentation.

Das Erdgeschoss, von dem eine große, geschwungene Treppe zwischen Lamellenfassade und Betonwänden nach oben führt, ist ein 106 Quadratmeter großer Raum namens „Speke“, der für Kunsthandwerk und Medienkunst vorgesehen ist. Benannt ist der Raum nach John Speke, einem britischen Offizier und Afrikaforscher, der beispielsweise dem Viktoriasee seinen Namen gab. Die erste Etage mit einer Größe von 177 Quadratmetern ist eine multifunktionale Ausstellungsfläche: sieben bewegliche Bildschirmdisplays können zu Ausstellungszwecken eingesetzt werden. Das oberste Geschoss nennt sich „Darwin Room“ und ist eine 85 Quadratmeter große Lounge, die zu verschiedenen Anlässen angemietet werden kann. Von der Lounge aus gelangt der Besucher auch zur rund 20 Quadratmeter großen Dachterrasse, die eine Aussicht über den Nordwesten Johannesburgs bietet.

So multifunktional, flexibel und vor allem unkonventionell wie das Gebäude sollen auch die Ausstellungsinhalte sein. Zurzeit werden Werke des Künstlers Angus Taylor ausgestellt,  Mark Read plant aber auch Ausstellungen zu Fossilien oder zu neuen umweltfreundlichen Technologien. Auch eine Ausstellung zu den Souvenirs, die die Raumfähre "Apollo 13" 1972 aus dem All mitbrachte ist denkbar, ebenso wie Lesungen zu verschiedenen Themen kombiniert mit Musik, Theater und Tanz.

Fassade aus Aluminiumlamellen

Reads Anspruch ist, in der „Circa Gallery“ herkömmliche Präsentationsformen aufzubrechen, sodass die Besucher Kunst auf sinnliche Weise erfahren. Dementsprechend wirkt auch das Gebäude ebenso künstlerisch wie lebendig, nicht zuletzt durch seine ungewöhnliche Fassade. Nach vielen Diskussionen entschlossen sich Bauherren und Architekt, die Betonfassade des Gebäudes mit verschieden farbigen und unterschiedlich langen Aluminium-Lamellen zu verkleiden. Diese sind in einem geringen Abstand vor der Gebäudefassade angebracht und verleihen den Innenräumen durch ein ständig wechselndes  Licht- und Schattenspiel zusätzliche Lebendigkeit. Des Nachts leuchten die Aluminiumstäbe in verschiedenen Farben und machen die Circa Gallery zu einem weithin sichtbaren Architektur-Highlight des Stadtteils.

Die Farbe der Lamellen war für Architekt Pierre Swanepoel von großer Bedeutung, denn auch diese sollte der organischen Anmutung des Gebäudes entsprechen. Zu diesem Zweck wurden am Computer Farben aus Naturfotografien extrahiert, aus denen schließlich sieben Farbvarianten für die Lamellen ausgewählt wurden. So reflektiert die Fassade tagsüber das Sonnenlicht in warmen, natürlich anmutenden Farben, während in der Dunkelheit LED-Leuchten zum Einsatz kommen. Mit dem Design und der Installation der Lichtbespielung wurde Willchris Projects beauftragt. Über ein Steuerungssystem können zehn verschiedene Lichtgruppen separat an- und ausgeschaltet werden, woraus sich vielfältige Möglichkeiten der Bespielung ergeben. Ebenso können die LED-Leuchten gedimmt werden, sodass sich die Fassade auch nachts durch sanfte Lichtverläufe verändert.

Energieeffizienz und Nachhaltigkeit

Von Anfang hatte man bei der Konzeption und dem Bau der „Circa Gallery“ großen Wert auf Nachhaltigkeit und Energieeffizienz gelegt. Über Solarpanele auf dem Dach wird Energie produziert, während Regenwasser gesammelt und weiter genutzt wird – nur nicht als Trinkwasser. Wasser, welches von der Sonne erhitzt wurde, dient sogar als Mittel zur Beheizung. Auch bei der Beleuchtung wurde moderne Technik eingesetzt, um Energie zu sparen: So werden die Innenräume durch Halogen- und LED-Leuchten erhellt, wobei in fast allen Ausstellungebereichen Infrarot-Sensoren eingesetzt wurden. Diese reagieren auf Körperwärme und schalten das Licht folglich nur an, sollte sich jemand im Raum befinden. Automatisch wird auch die Helligkeit gemessen: Erst wenn die Tageslichtmenge nicht mehr ausreicht, wird Kunstlicht sukzessive dazu geschaltet.

Nicht nur einen umweltfreundlichen, auch einen sozialen Anspruch verfolgt die Architektur der „Circa Gallery“. Kunst soll Einzug halten in den Alltag der Öffentlichkeit, was in erster Linie durch die sinnliche Vermittlung und die erfrischend unkonventionellen Ausstellungsinhalte erzielt wird. Ein wichtiger Aspekt dabei aber auch die Offenheit. „Circa verfolgt das scheinbar vergessene Konzept, Häuser mit ‚guten Manieren‘ zu bauen, die nicht von Zäunen oder drei Meter hohen Mauern umgeben sind“, erklärt Philip Swanepoel. Offen wie der Anspruch und das Konzept war übrigens auch der Designprozess des Architekten. „ Ein großer Teil des Entwurfs der Circa Gallery war Intuition gepaart mit gesundem Menschenverstand“, so Philip Swanepoel. „Wie der Name schon sagt, es war nicht zielgerichtet oder klar definiert. Es ist Circa.“


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