Auf Loos geht's los

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Text: Jasmin Jouhar

Die größten Statussymbole in der zeitgenössischen Wohnarchitektur? Bodentiefe Panoramafenster mit Ausblicken auf maximal unberührt wirkende Landschaften. Aber hoch im Kurs stehen auch offene Grundrisse ohne klar abgetrennte Zimmer. Nur noch das Klo darf vier Wände und eine Tür haben. Nicht ganz so radikal-schick, aber dafür ungleich raffinierter – nämlich in der dritten Dimension – fließen die Räume in diesem niederländischen Holz-Wohnhaus vom Architekturbüro Onix ineinander.

Von außen ist die räumliche Raffinesse des komplett aus Holz gebauten Stair House im Städtchen Almelo erst einmal kaum zu erahnen: Das Einfamilienhaus ist ein simpler, mit vertikal angeordneten Holzbrettern verkleideter Kubus, der am Rande eines Neubaugebiets steht, umgeben von Gräben, Wiesen und einzelnen Häusern. Ein Rücksprung im Flachdach deutet auf eine Terrasse hin. Die sehr unterschiedlich großen Fenster, die zudem unregelmäßig über die Außenwände verteilt sind, geben allerdings einen ersten Hinweis darauf, dass es innen etwas komplexer zugehen könnte.

Leben im Treppenhaus
Und tatsächlich, dem Groninger Architekturbüro Onix ist es gelungenen, sage und schreibe zehn verschiedene Geschossebenen in dem rund acht Meter hohen Einfamilienhaus unterzubringen. Keine der Ebenen erstreckt sich dabei über eine ganze Etage. Die 150 Quadratmeter Wohnfläche verteilen sich vielmehr auf offene Plateaus, die jeweils um 75 Zentimeter in der Höhe zueinander versetzt sind. Zudem variieren die Raumhöhen je nach Nutzung. Die einzelnen Ebenen gruppieren sich um zwei in der Mitte des Hauses liegende, parallele Treppenläufe, so dass sich die Bewohner wie in einer Spirale von Plateau zu Plateau nach oben bewegen können.

Noch höher hinaus
Der Weg durch das Haus führt von öffentlich zu privat, vom Eingangsbereich mit Gästetoilette über Essplatz und Küche zum Wohnzimmer. Von dort aus gelangt man weiter zum Homeoffice, den Schlafräumen und dem Badezimmer. Die Krönung ist die Terrasse auf dem Dach. Doch die Architekten denken noch höher hinaus, haben sie doch die Möglichkeit eingeplant, das Stair House aufzustocken. Und Onix geben gerne preis, was sie zu dem komplex-gestapelten Raumgefüge inspiriert hat: Adolf Loos‘ berühmtes Konzept des Raumplans.

Raumplan à la Loos
Der österreichische Architekt hatte Anfang des 20. Jahrhunderts eine Reihe großbürgerlicher Villen gebaut, die von innen nach außen entworfen waren und statt in durchgehende Geschosse in teilweise offene, zueinander versetzte Ebenen mit unterschiedlichen Raumhöhen gegliedert sind. Und auch die unregelmäßige Fensteranordnung und die Promenade von öffentlichen zu privateren Bereichen finden sich in Adolf Loos‘ Häusern. Allerdings spielen die Villen mit riesiger Wohnfläche, Damen- und Herrensalon, Holzvertäfelung und Marmorpfeilern in der Luxusliga einer vergangenen Epoche.

Lageplan, Grundrisse und Schnitte
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Living in a box
Da ist das Stair House doch deutlich zeitgemäßer und bodenständiger. Innen sind alle fest eingebauten Oberflächen aus Sperrholz: Wände, Treppen, Schränke, Decken und Böden. Lediglich einige Estrichfußböden und die Küchenarbeitsplatte aus Beton brechen die Holzkisten-Atmosphäre. Die Terrasse vor dem Essplatz und mehrere große, teilweise bodentiefe Fenster stellen den Bezug zum Außenraum her. Ansonsten aber ist die Maserung des Sperrholzes das bestimmende visuelle Element im Inneren des Stair House.

Unauffällig auffällig
Das Klischee will, dass Niederländer pragmatische Menschen sind, denen Prunk und Protz wenig bedeuten. Und das Stair House von Onix ist der sehenswerte Beweis dafür: Außen unauffällig, bietet es innen auf bescheidener Fläche viel Bewegungsspielraum, Offenheit und ein Wohngefühl auf der Höhe der Zeit. Und das ganz ohne Statusgehabe.

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