Auf der Klippe

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Text: Julia Bluth
Foto: Greg Richardson

Der kanadische Architekt Brian MacKay-Lyons studierte und arbeitete lange im Ausland, bevor er beschloss, dem Braindrain seiner abgeschiedenen Heimat Nova Scotia entgegenzuwirken. Heute entwerfen sein Partner Talbot Sweetapple und er Häuser, die sich so harmonisch in die ursprüngliche Landschaft der Inselprovinz einfügen, als wären sie schon immer da gewesen. Eins, das regelrecht über der Küste zu schweben scheint und Muster für zahlreiche Nachfolger sein soll, ist das Cliff House.

Das rund 89 Quadratmeter große Haus wurde als ebenso erschwinglicher wie hochwertiger Prototyp auf einem ausgedehnten Grundstück an der steinigen Atlantikküste Nova Scotias geplant. Eine verzinkte Unterkonstruktion verbindet es mit dem darunterliegenden Felsen, während eine leichte Stützstruktur aus Stahl das Skelett des kubischen Baukörpers bildet. Die Fassade aus silbrig schimmerndem Zedernholz mit hinterlüfteter Wetterhaut trotzt der salzigen Meeresbrise.

Tradition und Moderne
„Im atlantischen Kanada haben wir ein kühles, unbeständiges Klima, dessen kontinuierlicher Wechsel zwischen Feuchtigkeit und Trockenheit, Frost und Tauwetter zu einer hohen Verwitterungsrate bei Gebäuden führt. Als Antwort darauf wurde über die Jahrhunderte eine elegante, kostengünstige Leichtbauweise aus Holz entwickelt“, erklärt Mackay-Lyons, „unsere Arbeit basiert auf dieser oftmals unterschätzten, alltagstauglichen Bauform, die wir konstant zu erweitern suchen.“ Bestes Beispiel dafür ist das Cliff House, das traditionelle Holzbauweise und moderne Formensprache so perfekt miteinander vereint, dass seine Erbauer es als eine Art Lehrstück für gelungene Landschaftsplanung sehen.

Zwei Gesichter
„Nähert man sich der Hütte vom Land aus, präsentiert sie sich als schlicht und geerdet wirkende Holzbox mit viel Understatement, was im starken Kontrast steht zum geradezu dramatischen Gefühl des Über-die-Klippen-Fliegens, das sich im Innenraum einstellt“, so die Architekten. Tatsächlich eröffnet sich beim Betreten des Wohnbereiches eine völlig unerwartete Weitläufigkeit und Helligkeit. Die hohen, unverputzten Decken und Wände legen die Konstruktionselemente aus Stahl und Holz frei, sodass ein gleichermaßen rustikaler wie industrieller Eindruck entsteht. Der weit über den Felsen auskragende Baukörper mit den großflächigen Fensterbändern bietet einen schwindelerregenden Ausblick über die Küstenlinie, der den Balanceakt der Stelzenkonstruktion  erahnen lässt. Eine große, nach Süden ausgerichtete Terrasse bietet die Möglichkeit, das Spektakel aus der Nähe zu betrachten. Das Cliff House ist zu jedem Zeitpunkt Zurückhaltung und Drama in einem und ohne Zweifel ein spektakulärer Rückzugsort für stadtmüde Naturliebhaber. Wie gut, dass Brian McKay-Lyons sich einst gegen die Auswanderung entschieden hat.

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