Aufwärts essen

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Text: Tanja Pabelick
Foto: Pacific Environment Architects


Das Baumhaus ist für viele ein nie verwirklichter Traum aus Kindertagen. Mit Abstand auf die Welt zu blicken, die Wolken vorbei ziehen zu lassen – das abgelegene Wipfelhäuschen scheint der perfekte Ort für kontemplative Stunden. Jetzt gibt es in Neuseeland einen solchen Rückzugsort – für Erwachsene. Auf einem Mammutbaum hat das Architekturbüro „Pacific Environment Architects“ ein Baumhaus installiert, das als Restaurant und Veranstaltungsraum den entspannten Blick auf die Welt darunter erlaubt. Wie eine aufgeschnittene Zwiebel, deren beiden Hälften versetzt wieder zusammen gefügt wurden, thront es inmitten eines ursprünglichen Waldes und scheint durch seine der Natur entlehnte Architektur nahtlos mit ihm zu verschmelzen.



Das luftige Baumhaus liegt 45 Minuten nördlich von Auckland, nahe dem kleinen Städtchen Wakworth, das es bisher nur durch seine extraordinär große Entenpopulation in die Schlagzeilen geschafft hatte. Jetzt kann sich die Gegend vor kulinarisch motivierten und architektonisch interessierten Besuchern kaum noch retten – schon am Tag seiner Eröffnung war das Restaurant des „Yellow Tree House“ für Monate ausgebucht. Dass es trotz seines abgelegenen Standortes schon während des Bauprozesses in ganz Neuseeland berühmt wurde, hatte einen einfachen Grund: Das Restaurant ohne Bodenhaftung ist nicht nur ein ungewöhnliches Konzept, sondern hat auch einen ungewöhnlichen Auftraggeber.

„Vielleicht hätten Sie jemanden fragen sollen…“

Das Baumhaus ist Teil einer Werbekampagne der neuseeländischen „Yellow Pages“, dem dortigen Pendant zu unseren Gelben Seiten und wurde als „Reality Show“ aus dem Unterholz inszeniert. Wie hierzulande versammelt das Nachschlagewerk, das mittlerweile auch Informationen über Internet und auf das Mobiltelefon liefert, Fachleute und Spezialisten und soll in jeder Situation den richtigen Ansprechpartner vermitteln. Mit dem Projekt wollte man belegen, dass selbst fachfremde Personen ein komplexes Projekt realisieren können – gesetzt den Fall man gibt ihnen die Yellow Pages zur Hand. Die adrette Akkordeon-Spielerin Tracey Collins wurde in einer Bewerberrunde als Projektleiterin auserkoren und – so suggeriert es zumindest die Werbung – nur mit Handy und Laptop bewaffnet im Wald zurückgelassen, um das Häuschen in die Wipfel zu bringen. Von nun an konnte man in fortgesetzten Werbefilmchen den Prozess auf der Baustelle bis hin zur Fertigstellung des Restaurants verfolgen. Traceys Glück und eine Anekdote am Rande: Eigentlich hatte man sich schon auf den Bau einer Rakete festgelegt, sich aber dann doch dagegen entschieden, weil mit dem Start das Ergebnis monatelanger Arbeit für immer in die Weiten des Weltraumes entschwunden wäre.

Bei drei auf den Bäumen?

Als „Fundament“ für den abgehobenen Baukörper wurde ein alter Mammutbaum ausgewählt, der eindrucksvolle 40 Meter hoch ist und dessen Stamm an seiner Basis einen soliden Durchmesser von 1,70 Meter aufweist. In einer Höhe von 10 Metern platzierte man das Haus, das während der Bauphase mit einem Gerüst gestützt und so – statt mit Kränen – von unten an dem Stamm angebracht wurde. Was durch seine lichte Architektur leicht und schwebend aussieht, musste aber tatsächlich mit schwerem Gerät fixiert werden: Bolzen führen quer durch das Holz des Baumes und eine Manschette aus Stahl greift um den Stamm.
Wer bei einem Zugang zu einem Baumhaus allerdings an Kletterleitern oder steile Stiegen denkt, wird beim „Yellow Tree House“ überrascht sein. Vielleicht befördert durch die mediale Aufmerksamkeit und das Interesse der Öffentlichkeit an Entstehung und Ergebnis, teilte man dem Bauherren zwei Wochen nach Baubeginn mit, dass auch ein Baumhaus – das als Restaurant zu den öffentlichen Gebäuden zählt – einen behindertengerechten Zugang haben muss. Und so führt jetzt ein 60 Meter langer Steg auf die Plattform, auf der sich zwar eine Bar befindet – Toiletten und die Küche sind aber ebenerdig untergebracht und müssen erwandert werden.

Parasitärer Kokon

Die Gestaltung des Baumhauses durch den Architekten Peter Eising ist bewusst von natürlichen Formen inspiriert. Das Objekt sollte sich so harmonisch wie möglich in sein Umfeld einfügen und erinnert in seiner ovalen Verzwirbelung den einen an ein Schneckenhaus, den anderen an einen Schmetterlingskokon oder eine Zwiebel. Es scheint sich in einer dynamischen Bewegung um den Stamm wie eine Knospe zu öffnen; Streben fixieren die Konstruktion aus Spanten oben und unten. Damit die Gäste nicht im Regen sitzen müssen, schützen Acrylglasscheiben zwischen den Spanten vor Niederschlägen, das Wasser fließt aber dennoch am zentral durch den Raum führenden Stamm ab. Zu den Seiten hin ist der Raum offen, so dass die „luftigen Höhen“ tatsächlich erlebt werden können und die Plattform bei Sonnenschein durch eine leichte Brise kontinuierlich gekühlt wird.

Nachts leuchtet das Haus schon von Weitem wie eine in den Wipfeln aufgehängte Laterne „allein auf weiter Flur“ – und der lange Weg zur Plattform ist stimmungsvoll illuminiert. Zwischen den in regelmäßigen Abständen angebrachten Hölzern des Geländers leuchten die Freiräume als rhythmische Streifen und zwischen den Bohlen des Steges und der Plattform wurden weiße Lichtbänder eingesetzt, die den Weg nach oben erhellen. Fläche und Zwischenraum, Licht und Dunkel sind das Thema einer Architektur, die aussieht als wäre sie auf ihr statisch notwendiges Skelett reduziert worden und die gerade deswegen so nah am Thema Natur ist.
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Haeberli