Augenschmaus an Trockeneis

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Text: Tim Berge, Foto: Scott Wright, Limelight Studio


Das Restaurant Ultraviolet in Shanghai aufzuspüren, ist fast unmöglich. Kaum jemand weiß, wo es sich befindet. Es gibt keine offizielle Adresse und keine Telefonnummer. Und noch ein Detail macht das Dinner im neuen kulinarischen Hotspot zu einem Sechser im Lotto: Es gibt nur zehn Sitzplätze. Wer das Glück hat, vom französischen Spitzenkoch Paul Pairet und seinem Team bekocht zu werden, spricht danach nicht selten von einem unvorstellbaren Esserlebnis.

 
 
Mit einer geglückten Reservierung beginnt das Abenteuer eines Ultraviolet-Besuchs: Es wird ein Treffpunkt genannt, an dem die Teilnehmer zu erscheinen haben. Pünktlich um 19.30 Uhr hält ein schwarzer Van mit abgedunkelten Scheiben und schwarz gekleidetem Chauffeur und holt die Gäste ab. Ohne Kommentar geht es im Auto durch die Stadt in ein Industriegebiet zu einem ehemaligen Fabrikgebäude.
 
In der Mitte steht ein Tisch
 
Wer nun dachte, dass sich ab jetzt alles wieder normalisieren würde, hat sich geirrt. Die Vorräume sind verspiegelt und abgedunkelt, ultraviolettes Licht gibt dem Ort eine mystische Atmosphäre. Eine Tür geht auf und vor den Gästen öffnet sich ein großer Raum, eingehüllt in eine karge Leinwand. Ansonsten befindet sich nur ein langer, weißer Tisch in der Mitte des Raumes mit jeweils fünf Stühlen an jeder Seite. Dass es sich bei den Sitzmöbeln um den dreidimensional beweglichen Bürostuhl On aus dem Hause Wilkhahn handelt, gibt dem Raum und seiner Atmosphäre einen zusätzlichen Reiz: Wie in der Kommandozentrale eines Raumschiffs sitzen die Gäste in freudiger Erwartung und ohne zu wissen, was als nächstes passieren wird. 
 
Psycho Taste
 
Aus dem Off tönt ein Countdown „6, 5, 4, 3, 2, 1...“, lautes Knarzen und plötzlich geht das Licht aus: Stille. Donnergeräusche nähern sich aus der Ferne, es ist kalt, Nebel zieht auf und auf einmal beginnt der Tisch zu glühen. Zehn Kellner in Fabrikarbeitermontur betreten den Raum und tragen das erste Gericht hinein: Apfel-Wasabi-Oblaten – der erste von 20 Gängen.

In den darauffolgenden Stunden erleben die Gäste des Ultraviolet noch einige Überraschungen, vor allem der kulinarischer Art. Mit jedem Gang ändert sich die visuelle Umgebung, kommen neue Klänge hinzu, die den Raum multimedial bespielen. Paul Pairet, der hinter dem Konzept steckt, wollte mit dem Restaurant „einen Genuss für alle Sinne“ schaffen – er nennt das Spiel mit der Wahrnehmung in Zusammenhang mit Essen Psycho Taste. Durch Bilder und Geräusche sollen bei den Gästen „abgespeicherte Geschmackserinnerungen“ hervorgerufen werden: Sieht man zum Beispiel eine saftige Tomate, haben viele Menschen sofort ein bestimmtes Aroma auf der Zunge.
 
Jede Menge Technik
 
Um Paul Pairets Traum von diesem einzigartigen Restaurant zu erfüllen, brauchte es mehr als drei Jahre Bauzeit, 30 Tonnen Stahl, 14 Kilometer Kabel, 56 Lautsprecher, vier Trockeneismaschinen und eine Menge Technik – und das alles für nur einen Tisch mit zehn Stühlen. 25 Mitarbeiter sorgen für das Wohl der auserwählten Gäste, die sich auf das Abenteuer Ultraviolet einlassen. Und nicht wenige schwärmen im Nachhinein von dem besten Esserlebnis ihres Lebens.

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