Außen, Rand und Band

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Text: Tim Berge, Foto: Orlando Gutierrez

Entdecke die Möglichkeiten! Diesem Leitmotiv scheinen die jungen Architekten von Zooco bei ihrem Umbau einer 36 Quadratmeter kleinen Madrider Wohnung gefolgt zu sein. Jeder Quadratzentimeter des alten Apartments wird perfekt genutzt – oder bleibt perfekt ungenutzt. Dadurch haben sie einen Raum geschaffen, der seinen Bewohnern trotz der geringen Fläche ein Maximum an Freiraum gewährt – inklusive einer surrealen Mini-Terrassen-Installation.

Das Projekt im Zentrum der spanischen Hauptstadt benannten die drei Planer Miguel Crespo, Javier Guzmán und Sixto Martín nach der Bezeichnung für den Umfang einer geometrischen Form: Perimetro. Warum? Weil ihre Eingriffe vor allem an den umlaufenden Wänden stattfinden. Die Mitte bleibt kategorisch leer.

Mäanderndes Mosaik
Die Architekten legten bei der Planung des Umbaus den Fokus ganz auf die Außenwände: Anstelle sie nur als Hülle zu betrachten, machte Zooco sie zum Teil des Raumes. Eine geschickte Lösung, die dem Betrachter ein Gefühl von Großzügigkeit vermittelt, da der Innenbereich des Apartments komplett unausgefüllt bleibt. Jeder Wand wurde eine Funktion zugewiesen und zusätzlich um einen Ort zum Verweilen ergänzt. Küche, Badezimmer, Wohn- und Schlafbereich sowie Terrasse liegen nun, aufgelöst in ihre Einzelteile und reduziert auf das Wesentliche, an den Rändern des Apartments. Im wahrsten Sinne des Wortes eingeschnürt werden die Funktionen durch kubische Bänder aus Mosaiksteinen. Diese mäandern an den Wänden entlang und scheinen den Raum mal zu stauchen und mal zu dehnen. Sie nehmen Waschbecken, Küchenobjekte und Kleiderschrank auf und werden zu Sitz- und Liegeplätzen. Die Ansichtsflächen ließen die Planer aus weißen Steinen fertigen, die horizontalen Ebenen aus farbigen: Eine interessante Codierung, die den Elementen mehr Tiefe verleiht und dem Raum etwas Spielerisches gibt.

Dynamisches Raumgefühl
Die tetrisartige Bespielung der Außenwände besitzt etwas Dynamisches: Würden die Elemente anfangen sich zu verschieben oder wegzuklappen, wäre das nicht verwunderlich. Verstärkt wird dieses Raumgefühl durch die Spiegeldecke, die sich über sämtliche Einbauten und Wände hinwegzieht. Sie gibt den Blick hinter die Kulisse frei, offenbart die Fortsetzung des Farbspiels bis zu den obersten Ebenen und vergrößert nicht zuletzt, zumindest visuell, das Einzimmerapartment. Aber das war nicht der letzte Griff in die optische Trickkiste: Anstelle von Türen verwendeten die Architekten Vorhänge aus geweißten Ketten, die zwar für eine Abgrenzung sorgen, aber gleichzeitig licht- und luftdurchlässig sind und beim Öffnen keinen Platz benötigen. Bei Bedarf lassen sie sich auch an Schienen komplett zur Seite schieben.

Innenliegende Terrasse
Dass auch in einer Mikrowohnung ausreichend Platz für eine kleine Terrasse ist, beweist die Installation entlang der großflächigen Fensterfront des Apartments. Allerdings trifft die Bezeichnung „Terrasse“ es nicht ganz genau, denn es handelt sich um keinen realen Platz unter freiem Himmel, sondern vielmehr um die innenliegende und zugegebenermaßen leicht surreal anmutende Interpretation eines solchen – samt Kunstrasen, Blumenkübeln an den Wänden und zwei alten Camping-Klappstühlen. Aber die Aussicht stimmt. Damit beweisen die drei Nachwuchsarchitekten geschickt und mit viel Charme, dass auch kleinste Räume Großzügigkeit und Offenheit besitzen können. Selbst wenn nicht alles ist, was es zu sein scheint, vorgibt! 

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