Ay, Carrera! Marmorinsel in Patagonien

5

Text: Tanja Pabelick
Foto: Not Vital

Von Weitem ist kaum etwas Ungewöhnliches zu entdecken. Im Lago General Carrera, einem See in der patagonischen Gletscherlandschaft, reihen sich karge Inselchen und massive Gesteinsformationen mit struppigem Bewuchs aneinander. In der Dämmerung erscheint im Nirgendwo ein kleines quadratisches Licht. Es gehört zur Insel des Schweizer Künstlers Not Vital, die wie eine Bühne für seine Installationen ist und – vollständig aus Marmor besteht.

Richard Branson hat eine, Johnny Depp und Julia Roberts auch. Inseln sind der ultimative Zufluchtsort vor dem Rest der Welt, wenn das Meer zum natürlichen Jägerzaun um den eigenen Mikrokosmos wird. Im chilenischen Teil Patagoniens hat der Maler, Bildhauer und Grafiker Not Vital sein privates Eiland. Er kommt aus dem Engadin und ist Grenzgänger zwischen den Professionen. Vital beschäftigt die Beziehung von Mensch und Natur, aber auch die zwischen Material und Milieu. Sein Leben hat der Schweizer Künstler nomadisch ausgerichtet, mit einer intensiven Verbundenheit zur Heimat im Engadin und Stationen in China, Brasilien, Niger, Laos oder Chile. Wo immer Vital landet, studiert er das lokale Handwerk und die eingesetzten Ressourcen. Er macht sie zu den Themen seiner monumentalen Objekte, die unmittelbar vor Ort errichtet werden und oft eher als Häuser, denn als Skulpturen zur Interaktion mit der Landschaft einladen. „Als Künstler war ich immer interessiert, das Material zu betreten und zu einem Habitat zu machen“, sagt Vital und schafft in seiner Arbeit eine Synthese von Architektur und Kunst.

Im Bauch der Insel
Vor einigen Jahren besuchte Vital Patagonien und erhielt das Angebot im Lago General Carrera, einem See zwischen Argentinien und Chile eine kleine Insel zu kaufen. Er war von der Szenerie beeindruckt, in der grauer Stein und weißblaues Eis, vereinzeltes Grün und das klare Blau des Himmels aufeinander treffen. Entgegen seiner eigenen Tradition entschloss er sich, kein Haus darauf zu bauen, um die Harmonie der Natur nicht zu stören. „Gerade weil ich kein Architekt bin, kann ich auch entscheiden, nicht zu bauen“, erklärt Not Vital mit Augenzwinkern. Ein temporäres Zuhause sollte hier aber trotzdem entstehen. Der Künstler entschied sich für einen Tunnel mit fast 50 Metern Länge. Er führt fast einmal quer über die Insel, durch den Felsenhügel im Zentrum und vor allem durch massiven Marmor.

Asketische Raumlösung
Von außen lässt nur ein kleines Fenster mitten im Felsen Rückschluss auf menschlichen Einfluss zu. Es ist im Zentrum des Tunnels platziert, an einem Ort absoluter Stille, umgeben von kaltem Fels, aber vor allem mit direktem Blick auf das atemberaubende Panorama Patagoniens und den 50 Kilometer langen St.-Valentin-Gletscher. Das Fenster ist außerdem so positioniert, dass der Blick über das Meer direkt auf den Sonnenuntergang gerichtet ist. Als Schlaflager dienen eine einfache Matratze und ein Schlafsack. Es gibt kein Bad, keine Küche, keine Möbel, nur den blanken Tunnel. Aber der ist komplett aus Marmor, am Boden poliert und an den Wänden rau belassen. Der Berg selbst ist Vitals Skulpturenblock, der Raum ein homogener Hohlraum ohne Fugen, der die Struktur des Marmors an seinem natürlichen Entstehungsort offenlegt.

To be or not to be on an island
Sechs Jahre hat es gedauert den Tunnel und weitere kleine Eingriffe auf der Insel fertigzustellen. Aus dem Marmor, der für den Bau des Tunnels aus dem Felsen geschlagen wurde, entstand ein monumentaler Quader, der den Zugang auf die Insel markiert. Big Stairs hat Not Vital diese Skulptur getauft, durch die eine schmale Treppe vom Ufer auf die Anhöhe der Insel führt. Im Innern gibt es außerdem einen dreieckigen Raum, der durch den Tunnel zu erreichen ist. Bleibt die Frage nach dem Namen, den Vital seiner Insel gegeben hat. Notona kombiniert Vitals Vornamen mit dem Namen der Urbevölkerung, der Ona, die einst hier lebten. Und ist damit eine Hommage an die Region. Dass der Name auch anders interpretiert werden kann, passt durchaus zum Selbstverständnis des Ortes. Denn ob sich gerade jemand auf der Insel versteckt, weiß man erst, wenn man sich selbst auf die Insel und in die heimlichen Katakomben unterhalb der unberührten Natur begibt.

Weitere Artikel 13 - 25 von 41 Moderner Ruinenzauber: Sverre Fehn reloaded Minimalistisches Kleinod: Loft in Jaffa Dialog zwischen den Zeiten Zeitreisen in Warschau Homes for all Patio und Ratio: Casa la Quinta Origami zum Wohnen Beton in verschachtelter Façon Neues Wohnen in muslimischer Tradition Wohnen am Hang 35 Quadratmeter Raumwunder Japanisch-dänische Fusion

Das Online-Magazin für Designprofessionals und Enthusiasten.