Bad mit Bowie

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Text: Nina C. Müller
Foto: Tim Crocker

David Bowie mit wenigen Sätzen zu beschreiben, ist fast unmöglich. Der britische Musiker, Produzent und Schauspieler hatte nicht nur viele Talente, er war auch äußerst wandelbar. Zeitlebens spielte er mit seinen schillernden Facetten und vielseitigen Gesichtern. Ähnlich ist es mit diesem Dubliner Townhouse. Hier scheint der Geist des Briten noch immer präsent. Mit Reminiszenzen an diverse Epochen, eklektischem Mix und zahllosen Materialkombinationen gleicht kein Raum dem anderen. Ganz große Show – bis in die intimsten Sphären.

Ein fünfstöckiges Gebäude und ein seltener historischer Wagenschuppen, verbunden von einem urigen Garten und umsäumt von einer steinernen Mauer, mitten im georgianischen Teil von Dublin: Das klingt malerisch, verwegen und auch ein bisschen nach Spukgeschichten. In der Tat verlangte der Umbau des leerstehenden Bürogebäudes in ein charaktervolles Einfamilienhaus einiges an Vorstellungsvermögen. „Wir fanden das Haus in einem heruntergekommenen Zustand vor, völlig überwuchert und mit brachialen Anbauten versehen“, erzählt Architekt Jake Moulsen, der beim Umbau stets die Geschichte und Zukunft des Objekts im Blick behielt.

Ein Haus zum Wundern
Ganze 750 Quadratmeter standen Moulsens Team zur Verfügung, bei dem es nach eigenen Aussagen sämtliche Winkel und Details in die Gestaltung einbezog, alles in enger Abstimmung mit der Familie. „Das Ergebnis ist ein Mix aus Kunst, Architektur, Design, Wissenschaft und Fiktion – von intim bis extravagant und von zurückhaltend bis spektakulär“, sagen die Planer. Tatsächlich erinnert das fünfstöckige Gebäude mit einer Kapelle für die familiäre Kunstsammlung, einem Unterschlupf für Fledermäuse und sieben Badezimmern ein wenig an ein Museum oder an eine Wunderkammer für Designer.

Wer Inspiration für Werkstoffe, Handwerkstechniken und Verfahrenstechnologien sucht, wird hier fündig. So trifft man etwa auf ein digital erstelltes Verkleidungssystem aus Gusseisen, eine Deckengestaltung mit geometrischen Mustern oder einen Vorhang zitierenden Küchenblock aus thermogeformtem Corian. Im Rest des Hauses wird man Vorhänge vergebens suchen, dafür ein durchdachtes Beleuchtungskonzept. „Aussichtsplattformen, Leuchtkästen und reflektierende Oberflächen umrahmen den Himmel und streuen das Licht im Inneren“, erläutern die Gestalter. Für die Rückfassade sahen sie auskragende Anbauten vor, die mit ihren gläsern-metallenen Außenhäuten und filigran-floralen Mustern wie Zeitkapseln aus einer anderen Epoche anmuten.

Nackter Stein
Und auch das Innere dieser additiven Wohnkapseln scheint wie für die Ewigkeit gemacht. Trifft man im ebenerdigen Wintergarten auf metallene Böden, ist es im ersten Stock ein robuster Stein, der die Hauptrolle im kleinen Erker spielt. Die Architekten verkleideten damit die Wände. Und sogar Waschbecken und Toilette ließen sie aus bläulich gefärbtem Quarzit fertigen. Doch damit nicht genug. Auch in den anderen Nasszellen können sich die Bewohner ausgiebigen Material- und Badefreuden hingeben: in einem Eisbad aus Beton und Tadelakt oder an einem schwarzen Waschbecken vor Wänden aus hinterleuchtetem Onyx.

Während sie mit diesen Rohstoffen eher Zeitlosigkeit anstrebten, wählten sie für das Kinderbad eine zeitgemäße, puristische Farb- und Formensprache. Anders das Bad der Eltern. Es hat Anklänge an die Siebzigerjahre und an Science-Fiction-Filme der Zeit: Rot-graue Farbgestaltung, kantige Möbel und zwei berühmte Bowie-Fotografien von Brian Duffy prägen die Atmosphäre. Lediglich mit Badewanne und Ankleidebereich ausgestattet, lässt sich hier eher von Boudoir als von Bad sprechen. Ein begehbarer Kleiderschrank steht zentral als separater Raum im Raum. Er dient gleichsam als Bank und Schrank – und womöglich auch als Zeitmaschine.

Auch Wanne und Waschbecken stehen frei im Raum. So gelingt es den Planern, die ursprünglichen, großzügigen Proportionen der Räume nicht durch Unterteilung zu zerstören. „Sich darin zu bewegen, ist ein bisschen wie räumliches Theater“, erklären sie. Durchaus bietet das gesamte Konzept nicht nur Bewegungsfreiheit. Seine individuelle Gestaltung bietet auch Entfaltungsspielräume für exzentrische und künstlerische Freigeister. Man kann es nur ahnen, aber vermutlich war auch Bowies Badezimmer ein Raum von zentraler Bedeutung. Falls sein Geist also noch irgendwo spuken sollte, dann sicherlich hier.

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