Besseres Licht für weniger Geld

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Text: Katja Neumann


Als Sitz des deutschen Bundestages ist das Berliner Reichstagsgebäude eines der, auch international, bekanntesten Symbole für die Bundesrepublik. Täglich auf zahlreichen Fotos und in TV-Medien zu sehen, erhielt das Gebäude nun kürzlich, was ihm bisher fehlte: eine adäquate Nachtansicht. Die bisher eher reduzierte und auf den Eingangsbereich begrenzte Nachtbeleuchtung wurde am 22. Mai anlässlich des 60. Gründungstages der Bundesrepublik durch ein neues Beleuchtungskonzept des Hamburger Lichtkünstlers Michael Batz ersetzt. So erstrahlt das historische Gebäude nun in einer repräsentativen Gesamtausleuchtung, die nicht nur schön anzusehen, sondern auch besonders stromsparend ist.


Die neue, dauerhafte Beleuchtung des Reichstages ist ein Geschenk der Gemeinschaftsinitiative der Stiftung „Lebendige Stadt“, der Stiftung Zukunft Berlin und der Sparkassen-Finanzgruppe zum 60. Gründungstag der Bundesrepublik Deutschland. Die Idee dazu geht zurück auf die zeitweilige Illumination des Gebäudes durch die Stiftung „Lebendige Stadt“ während der Fußballweltmeisterschaft 2006, die ebenfalls von Michael Batz konzipiert wurde. So ging der Hamburger Lichtkünstler auch als Sieger aus dem im vergangenen Sommer ausgerufenen Wettbewerb hervor.
Die Bauarbeiten für die Illumination begannen im Januar dieses Jahres – unter teils erschwerten Bedingungen. Denn schließlich mussten die Arbeiten bei laufendem Betrieb stattfinden und wurden durch die Sitzungswochen des Deutschen Bundestages beschränkt, sodass die Gewerke ihre komplizierten Arbeiten lediglich in mehreren, kurzen Zeitfenstern durchführen konnten. Im März waren die Arbeiten schließlich so weit abgeschlossen, dass eine erste Probeillumination an der Südfassade getestet werden konnte und damit einen Vorgeschmack auf das gab, was in Berlin ab dem 22. Mai bei Nacht zu sehen sein würde.

Beleuchtete Linien, Konturen, Umrissformen

Das neue Konzept illuminiert nun erstmals alle vier Fassadenseiten, die Freitreppen und die Dachskulpturen, wie zum Beispiel die 16 Figuren der Berufsstände aus der Zeit der Entstehung des Reichstages, und zeichnet damit die architektonischen Konturen sowie die historischen Formen des Gebäudes nach. Zudem gibt es den vier Eckpfeilern eine größere Bedeutung und bezieht auch den vorgelagerten Platz der Republik mit ein. Die bisher eingesetzte, flächige Anstrahlung mit 50 Strahlern aus einer Entfernung von rund 20 Metern betonte fast ausschließlich den Eingangsbereich in der Mitte des Gebäudes und ließ andere Teile optisch zurücktreten. Das Licht war zudem so undifferenziert auf das Gebäude und seine Umgebung gerichtet, dass sich nicht selten Besucher und Sicherheitskräfte geblendet und gestört fühlten. „Vorher war das Licht eher zweidimensional gedacht,“ so der Lichtkünstler Michael Batz. „Der neue Entwurf denkt in Linien, Konturen und Umrissformen.“ So werden nun auch architektonische Details wie Facetten, Fensterbögen oder Flaggenmasten in der Nacht sichtbar, die vorher schlichtweg in der Dunkelheit verschwanden.
Rund 400 Leuchten von Philips, Technologiepartner des Projekts, wurden eingesetzt, um für eine umfassende und würdevolle Beleuchtung in warmweißem Licht zu sorgen. Neben einer großen Zahl von LEDs kommen auch miniaturisierte Metallhalogendampflampen zum Einsatz, zum Beispiel als Bodeneinbauleuchten im historischen Charlottenburger Pflaster oder auch unmittelbar am Gebäude, installiert in bis zu 45 Metern Höhe. Die gewählten Lampen besitzen eine sehr gute Farbwiedergabe, sodass auch feine Eigenheiten des Bauwerks, wie beispielweise die für den Bau im späten 19. Jahrhundert verwendeten Natursteine aus 20 verschiedenen Steinbrüchen, bei Nacht zu erkennen sind.
Um verschiedenen Anforderungen, wie zum Beispiel auch stillen protokollarischen Anlässen, gerecht zu werden, gibt es drei Lichtszenarien, die je nach Anlass gewählt werden können. „Von einer nur andeutenden Grundhelligkeit bis zur Festbeleuchtung ist alles möglich,“ erklärt Michael Batz.

Die Win-Win-Win-Situation

Durch das neue Lichtkonzept erhielt das Berliner Reichstagsgebäude zweifellos eine optische Aufwertung. Und auch hinsichtlich der Energiekosten für die neue Illumination gibt es Erfreuliches zu berichten: Im Vergleich zur bisherigen Beleuchtung wird durch den Einsatz moderner Lampen und Leuchten der Stromverbrauch für die nächtliche Beleuchtung um 60 Prozent gesenkt, bei Minimalbeleuchtung sogar um 80 Prozent. Und das bei einer Verachtfachung der Lichtpunkte. So liegen die Stromkosten bei einer Brenndauer von 4.000 Stunden pro Jahr im Durchschnitt bei etwas mehr als einem Euro pro Stunde – genau sind es 1,09 Euro. Anders gesagt: Bei durchschnittlichen Energiekosten liegen diese bei etwa fünf Euro pro Abend.
Gleichzeitig leistet das neue Beleuchtungssystem auch einen erheblichen Beitrag zur Schonung von Ressourcen - pro Jahr können rund 33 Tonnen CO2 eingespart werden. So haben zum Schluss alle gewonnen: Die Umwelt freut’s, den Steuerzahler auch und, nicht zu vergessen, alle Besucher, die bei Dunkelheit vor dem Berliner Reichstag stehen und das historische Gebäude nun in allen Facetten erstrahlen sehen.

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