Bogotás Designpionier: Casa Lelyte

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Text: Tanja Pabelick

Bogotá erlebt derzeit einen rasanten Transformationsprozess, der nichts mehr mit den kriminellen Szenarien glanzloserer Zeiten zu tun hat. Ganze Viertel haben sich umgekrempelt, leben von Galerien, Bars und anspruchsvollen Restaurants – und machen die kolumbianische Hauptstadt zu einer der spannendsten Design- und Kulturdestinationen in Südamerika. Eine der Pionierinnen des neuen Bogotá ist Maria Angelica Bernal, eine junge Unternehmerin, die im Stadtteil Chapinero Alto die Casa Lelyte eröffnet hat – und damit ein vegetarisches Restaurant, ein Boutique-Hotel und eine Designgalerie.

Der Weg zur Casa Lelyte führt vorbei an Craft-Beer-Läden, hippen Restaurants und Möbelshops. Die Anwohner führen auffallend kleine Hunde spazieren oder sitzen vor den gepflegten roten Backsteinfassaden, um einen Cappuccino zu trinken. Chapinero Alto ist so etwas wie Bogotás Bushwick, das sich in den letzten Jahren quasi aus dem Nichts etabliert hat. Im höher gelegenen Teil des Viertels, das sich direkt an die die Stadt begrenzenden Berge schmiegt, hat Maria Angelica Bernal vor drei Jahren ihr Haus entdeckt. Sie hatte bereits eine Karriere in der Werbung hinter sich und ging dann nach New York, um dort eine neue Perspektive zu finden. 

„Kochen war immer meine große Leidenschaft“, erzählt sie. „Also habe ich mich entschieden, auszuwandern, um herauszufinden, wie ernst es mir damit tatsächlich ist. Ich habe in New York viel gelernt – vor allem über die vegetarische Küche, die in Kolumbien nicht etabliert ist. Ich wollte herausfinden, ob ich auch langfristig mit dem Herzen dabei bin. Und ob mein Traum, eines Tages ein Restaurant zu eröffnen, Bestand hat.“ Was sie allerdings nie wollte, war nach Kolumbien zurückzukehren – oder ihr Restaurant hier zu eröffnen.

Dynamik und Energie
Dass sie heute doch wieder in ihrer Heimat ist, hat mit den großen Veränderungen in Bogotá zu tun. Plötzlich entwickelte sich in vormals langweiligen und teilweise auch gefährlichen Stadtteilen eine neue Dynamik. Viele junge Künstler und Designer kamen aus den USA oder Europa zurück, um in ihrer eigenen Heimat etwas aufzubauen. „Die ganze Energie hat sich verändert. Eine Generation von jungen Entrepreneuren hat unabhängig voneinander einen gemeinsamen Schritt gemacht. Und von dieser neuen Stimmung haben sich viele mitreißen lassen – wir haben alle gespürt, dass hier etwas passiert.“ Bogotá war früher ein Durchreiseort, an dem die Besucher gelandet sind, den sie aber schnell wieder verlassen wollten. Noch heute empfehlen viele Reiseführer, die Stadt aufgrund ihres eingeschränkten kulturellen Angebots möglichst zu überspringen. Mit der aktuellen Realität hat das nichts zu tun.

Organische Entwicklung 
Die neue Atmosphäre hat auch Maria Angelica Bernal bei einem ihrer Heimatbesuche wahrgenommen – und sich spontan entschieden, zurückzukehren. „Ich begann, mich nach passenden Immobilien umzuschauen. Während der Zeit bin ich viel gelaufen und habe meine Stadt ganz neu kennengelernt. Ein Freund hat dann dieses Haus entdeckt. Ich bin mit meinem Konzept an die Eigentümer herangetreten und konnte sie überreden, es an mich zu vermieten und nicht an Investoren zu verkaufen. Auf einmal hatte ich dieses riesige Haus, völlig staubig und heruntergekommen, das eigentlich viel zu groß war für ein Restaurant.“ Das Haus forderte weitere Projekte, die sich für Maria Angelica Bernal quasi organisch ergeben haben. Im Erdgeschoss ist heute ihr vegetarisches Restaurant untergebracht, eine Galerie und eine Bar, das Obergeschoss beherbergt die vier Zimmer eines kleinen Boutique-Hotels. Heute, zwei Jahre nach Baubeginn, ist die Casa Lelyte ein Zuhause für Reisende mit Leidenschaft für Architektur und Design aus den Fünzigerjahren, für diejenigen, die vegetarisches Essen schätzen und die besondere Getränkeauswahl der Bar.

Der Patio des Restaurants wirkt mit seiner gläsernen Decke wie ein tropisches Gewächshaus.

Originale Substanz 
Der Weg dahin war nicht immer leicht. „Der Umbau hat ein Jahr und drei Monate gedauert – geplant waren acht Monate. Das ganze Projekt war ein großes Wagnis, das nicht nur Zeit, sondern auch viel Geld gekostet hat.“ Bei der Umsetzung ihrer Ideen unterstützte sie das Architekturstudio Duque Arquitectura, das das Konzept partnerschaftlich mit ihr realisierte. „Sie mussten mich besonders bei den größeren Bauaufgaben und dem Grundriss unterstützen. Ich habe meine Ideen eingebracht und mich dann vor allem um die Details gekümmert. Ich bin über Wochen durch die Vintage-Shops von Bogota gegangen, um die passenden Möbel zu finden. 

Vieles musste auch aufbereitet werden – oder extra geschreinert. Am Ende wurde alles so gebaut, als wäre es mein Haus. Ich liebe Details, goldene Farben, Bronze – und ich habe diese große Leidenschaft für Pflanzen. So sind im Prozess die Dinge Stück für Stück zusammengekommen.“ Maria Angelica Bernal hat dabei bewusst die originale Bausubstanz erhalten, die dem Gebäude seinen Charakter gibt, wie die Fenster, die Türen, die Säulen und das Fünzigerjahre-Treppenhaus mit den historischen Geländern. Ihr Ziel war es, den besonderen Charakter, der sie ursprünglich in das Projekt hineingezogen hat, zu konservieren und respektieren.

Kultureller Austausch 
Noch ist die Casa Lelyte ein Einhorn in der Metropole. „Besonders das vegetarische Restaurant verstehen eigentlich nur die Touristen“, erzählt Maria Angelica Bernal. „Die Bogotaner fragen mich immer, warum es nur Beilagen gibt.“ Im Viertel von Chapinero Alto ist das Haus als Pionierprojekt einer neuen Bewegung gut gelandet. Zusammen mit Designstudios, Grafikern und lokalen Modedesignern organisiert Maria Angelica Bernal alle drei oder vier Monate wechselnde Ausstellungen. „Manchmal denke ich: Wenn ich die Casa Lelyte in Europa stehen würde, müsste ich Wartelisten führen. Aber: Ich weiß auch, dass dieses Projekt das neue Bogotá kommuniziert. Die Kolumbianer brauchen wohl einfach noch, um die Entwicklungen und Einflüsse, die sich so schnell hier niedergelassen haben, anzunehmen.“

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