Borgo auf Beton: Wohnhaussiedlung in Urbino

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Text: Tim Berge, Foto: Ezio Manciucca

Wie auf einem Tablett angerichtet ruhen zwei der drei Neubauten auf einer Betonplatte inmitten der sanften Hügellandschaft der Marken. Die Plattform aus mattrotem Zement dient als Trennlinie zwischen Alt und Neu: Unter ihr liegen die Überreste einer historischen Häuseransammlung, über ihr befindet sich deren Neuinterpretation. Das Ensemble markiert die Wiedergeburt einer mittelalterlichen, in Italien häufig zu findenden Gebäudetypologie: des Borgos.

Vom Massentourismus bisher verschont, sind die Marken eine der unterschätztesten Regionen Italiens. Neben seiner hügligen Landschaft, die an die benachbarte Toskana erinnert, und einer exzellenten Küche verfügt der Landstrich über eine Vielzahl sehenswerter mittelalterlicher Bebauungen. Nahe der Stadt Urbino hat das junge Architekturbüro Gardini Gibertini aus Rimini ein Ensemble aus drei Neubauten errichtet. Mit der Struktur knüpfen die Planer an die Idee des Borgos an, einer kleinen Ansiedlung von Häusern, die sich um einen Platz herum gruppieren. Während eins der Bauwerke etwas abseits auf einer künstlich geschaffenen Anhebung steht, befinden sich die anderen beiden Gebäude auf einer Sockelplatte aus rotem Beton, deren Ausmaße von 38 mal 20 Metern die Landschaft deutlich dominieren. Ein bewusster Eingriff der Architekten, um für eine klare Trennung zwischen Historie und Gegenwart zu sorgen.

Architektonische Bindeglieder
Neben der Zementplatte gibt es aber noch ein weiteres, für den Besucher unsichtbares architektonisches Bindeglied: ein unterirdischer Verbindungsgang. Dieser sorgt nicht nur für eine Verknüpfung der zwei Wohnhäuser, er erzeugt auch einen weiteren Bezug zur Historie, da er auf derselben Ebene wie die mittelalterlichen Überreste einer Grabkammer liegt. Aber auch die puristische Architektur der Neubauten versteht sich als eine Referenz an die Vergangenheit und die Bautraditionen der Region. Die Fassade aus lokalem Stein ergänzen Alice Gardini und ihr Partner Nicola Gibertini mit eingeschobenen Holzlamellen, die allerdings undurchsichtig bleiben. Als minimalistische Artefakte ruhen die Häuser in der Landschaft und generieren ihre Identität rein aus dem Zusammenspiel mit der sie umgebenden Natur. Weder Regenrinnen, außen liegende Rohre oder metallene Einfassungen stören die geometrische Strenge und formale Reduziertheit der drei Bauten.

Betreten wird das Hauptgebäude durch die in den Hügel integrierte Einfahrt und Garage: Herumstehende Autos sollen den aufgeräumten Anblick der Architektur nicht stören. Im Untergeschoss platzieren die Architekten ein kleines Kino, einen Ausstellungsraum und einen Spa- und Fitness-Bereich. Die labyrinthartige Grundrissorganisation löst sich in den darüber liegenden Etagen in puren Raum auf. Der großzügige und zum Teil doppelgeschossige Wohnbereich sowie die Schlafzimmer öffnen sich über bodentiefe Fenster zum Außenraum.

Während außen klassisch-traditionelle Werkstoffe verbaut wurden, legen die Architekten im Inneren die Konstruktion frei und sorgen damit für eine radikale Kehrtwende bei der Materialwahl. Wände und Decken bestehen aus rauem Sichtbeton. Einzig der rote Beton der Betonplatte zieht sich als Bodenbelag von außen nach innen. Die nachträglich eingefügten Zwischenwände sind in neutralem Weiß gehalten, sämtliche Einbauten wurden aus Walnussholz gefertigt. Die Neuinterpretation der traditionellen Typologie des Borgos gelingt Gardini Gibertini nicht nur durch das materielle Wechselspiel, sondern auch dank einer roten Betonplatte, die in Italien ihresgleichen sucht.

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