Boutiquen im Höhenrausch

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Text: Cordula Vielhauer


Elastisch wie ein Flummi, einladend und weiträumig wie eine Passage, offen wie ein Aussichtsturm: Am Firmensitz der Swatch Group in Tokios Einkaufsviertel Ginza ist nichts so, wie man es sich bei einem klassischen Büro- und Geschäftshaus vorstellt – schon gar nicht auf einer der teuersten Straßen der Welt. Wo nur allzu gern mit jedem Quadratmeter gegeizt wird, präsentiert sich das Schweizer Uhrenunternehmen betont großzügig bis verschwenderisch – zumindest was den Raum angeht. Entworfen hat das Gebäude der japanische Architekt Shigeru Ban, der für seine Experimentierfreude mindestens ebenso bekannt ist wie sein Bauherr, dessen Name auch gleich für das Gebäude steht: Nicolas G. Hayek Center.


Anstatt der teuersten Ladenszeile der Welt einen weiteren teuren Laden hinzuzufügen, setzte sich Shigeru Ban kurzerhand über die Vorgaben des Architekturwettbewerbs für das Gebäude hinweg. Er schlug dem Bauherrn im Erdgeschoss seines Grundstücks eine Passage vor, die die beiden anliegenden Straßen fußläufig miteinander verknüpft. Dieser über die gesamte Grundstücksbreite verlaufende Weg ist bis zu drei Geschosse hoch, lediglich zwei Galerien sind an einer Seite in die Passage „eingehängt“. Gegliedert wird der Weg durch neun gläserne Kioske, die wie Vitrinen jeweils einer Marke der Swatch Group gewidmet sind.

Beam me up, Nicky


Hier findet der Passant unter anderem Uhren von Glashütte, Omega oder Breguet, die er sich in Ruhe anschauen kann. Sollte er sich dann eines der Exponate genauer anschauen oder sogar erwerben wollen, kann er sich per Knopfdruck in den entsprechenden Showroom „beamen“ lassen. Denn die Vitrinen sind in Wahrheit große hydraulische Aufzüge, die direkt an die in den ersten drei Obergeschossen und im Untergeschoss liegenden Verkaufsflächen angeschlossen sind. Von dort aus gelangt man dann mit einem zentralen Lift zu den anderen Läden oder noch weiter hinauf in die Bürogeschosse.

Rolle aufwärts


Auch die Büroarbeitsplätze sind nicht gewöhnlich organisiert. Hier wurden jeweils drei Geschosse über einen „Rahmen“ zusammengefasst; zudem gibt es auf der jeweils untersten Ebene zur vorderen Straßenfront hin immer eine begrünte Terrasse oder Loggia, die für die Mitarbeiter zugänglich ist. Begrünt sind dabei nicht nur die Büroterrassen: In Anlehnung an die New Yorker Pocket Parks integrierte Ban über alle Geschosse an der langen Wand der Passage einen „vertikalen Park“, das heißt, die Wand ist mit immergrünen Topfpflanzen bestückt. Damit schuf er auf dem harten Pflaster der Ginza einen der seltenen „grünen“ Momente. Um die wertvollen Uhren und Geräte nachts und zu anderen Zeiten zu schützen, an denen das Nicholas G. Hayek Center unbelebt ist, lässt sich ein gläserner Rollladen vor die gesamte Fassade rollen.

Gib Gummi


Ein besonderes Augenmerk wurde bei der Ausführung auf die seismographische Sicherheit des Gebäudes gelegt. Tokio ist nach wie vor ein Gebiet mit einer hohen Erdbebenaktivität, in manchen Phasen wackelt hier fast täglich der Boden. Die Standsicherheit des Hochhauses sollte weitaus besser sein als nötig, selbst einem Beben der Stufe 3 (das normalerweise alle 1000 Jahre zu erwarten ist), sollte es trotzen. Die Ingenieure der Firma Arup entwickelte ein neuartiges System der so genannten Massedämpfung: Einerseits zogen sie im Gebäude vorhandene Massen heran, um diese als Dämpfer zu mobilisieren, andererseits entwickelten sie spezielle Gummilager, um das Gebäude vom Fundament zu entkoppeln und dadurch auftretende Schwingungen abzufangen. Da hierbei nicht – wie sonst üblich – Stahlplatten zur Aufnahme der Horizontalkräfte abwechselnd zu den Gummimatten eingelegt werden konnten, liegen die Geschosse zusätzlich auf Gleitlagern auf. Beim Nicolas G. Hayek Center ist also alles in Bewegung – vom hydraulischen Kiosk bis zum gesamten Gebäude.
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