Brutalismus lebt: Wohnturm in Argentinien

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Text: Norman Kietzmann, Foto: Ramiro Sosa

In der argentinischen Stadt Rosario treibt der Brutalismus neue Blüten. Unter der Regie des Architekten Pablo Gagliardo entstand ein Wohnturm aus Sichtbeton, der mit Offenheit, Dynamik und räumlicher Kontinuität punktet.

Sichtbeton entzweit die Gemüter. Was das Architektenherz höher schlagen lässt, wird von vielen anderen als zu schroff und düster empfunden. Dass diese Einschätzung getrost revidiert werden darf, zeigt ein dreizehngeschossiger Apartmentturm im argentinischen Rosario. Die Stadt liegt rund 300 Kilometer im Nordwesten von Buenos Aires und ist mit knapp einer Millionen Einwohnern die drittgrößte des Landes.

Leichtfüßiger Tänzer
An einer Kreuzung im belebten Universitätsviertel hat der Architekt Pablo Gagliardo ein kleines Stück Brutalismus neu aufleben lassen. Das Gebäude ist dabei kein schwerfälliger Klotz, sondern vielmehr ein leichtfüßiger Tänzer: Vor- und zurückspringende Balkone machen die Silhouette unscharf und lassen den Turm von jeder Seite anders aussehen – fast, als würde er mit reichlich Verve um die eigene Achse rotieren.

Großzügige Fensterfronten setzen einen Kontrapunkt zu den massiven, betongegossenen Brüstungen der Balkone, wodurch ein Wechselspiel aus offenen und geschlossenen Volumina entsteht, das vom Tageslicht durchdrungen wird. Helligkeit ist ein verlässliches Mittel, mit dem Pablo Gagliardo die vermeintliche Hässlichkeit des Materials ins Gegenteil umkehrt. Wenn Lichtstrahlen über die Betonoberflächen wandern, akzentuieren sie die Abdrücke der Schalungsbretter und verwandeln sie in ein rhythmisch changierendes Relief.

Wechselspiel aus offenen und geschlossenen Volumina.

Puffer zwischen innen und außen 
Dass Wohntürme aus Beton ganz gewiss keine dunklen Kästen sein müssen, unterstreicht bereits das Foyer. Auf doppelter Etagenhöhe öffnet sich die Eingangshalle zur Stadt. Bodentiefe Fenster verstärken die durchlässige Wirkung und holen viel Tageslicht ins Innere hinein. In den Boden eingelassene Pflanzschalen definieren eine Pufferzone zwischen innen und außen, zwischen öffentlich und privat – und sorgen für eine einladende und alles andere als sich abschottende Geste.

Noch etwas ist ungewöhnlich an diesem Ort: Von einem filigranen Metallgerüst hängen unterschiedlich lange Haken herab, an denen die Fahrräder der Hausbewohner am Vorderrad aufgehängt werden. Diese Art der Unterbringung verändert die Perspektive gleich doppelt: Was in vielen Hauseingängen als störend empfunden wird, erfüllt hier eine identitätsstiftende Aufgabe. Die Zweiräder werden nicht versteckt, sondern vielmehr wie Schaustücke in Szene gesetzt.

Pläne
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Innere Spirale
Ein rundes Treppenhaus bewirkt, dass bei den Grundrissen keine Langeweile zu befürchten ist. Wie eine Spirale schraubt es sich nach oben. Die gebogenen Außenwände dieses Betonzylinders zeichnen sich schließlich in den Apartments ab. Auch hier tanzt der Turm bewusst aus der Reihe, indem die Raumfluchten mit unerwarteten Kurven aktiviert werden.

Die Kontinuität zwischen innen und außen setzt sich innerhalb der Wohnungen fort. Jede einzelne verfügt über eine großzügige Balkonterrasse, die mithilfe von gläsernen Schiebewänden mit dem Innenraum verbunden werden kann. Das Beste erwartet die Hausbewohner allerdings auf dem Dach: Dort lädt eine zweietagige Terrasse mit einem Außenpool zum Verweilen ein – mit unschlagbarem Panoramablick über die Dächer der Stadt. Schroff und düster sieht eindeutig anders aus.

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