Brutalistische Bauklötze

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Text: Nina C. Müller

Wer eine Bleibe in einem attraktiven Stadtteil gefunden hat, der gibt sie in Zeiten hart umkämpfter Wohnungsmärkte ungern wieder her. Umso mehr, wenn sie in einem historisch, architektonisch und kulturell einzigartigem Viertel liegt. Was jedoch, wenn die geliebte Wohnung dem Familienzuwachs nicht mehr standhält? Für zwei Apartments im Londoner Barbican Centre entwarf Architekt Ben Allen multifunktionale Objekte zwischen Mobiliar und Architektur, bei denen nicht nur die Kleinen Bauklötze staunen.

Das Barbican Centre war damals wie heute ein Projekt architektonischer Superlative. Mitte bis Ende der Fünfzigerjahre vom Architekturbüro Chamberlin, Powell & Bon entworfen, ist es heute das größte Konferenz- und Kulturzentrum Londons. Seine brutalistischen Gebäude, Plätze und Parks bieten eine einzigartige Kulisse für Kunst, Kinos, Konferenzsäle, Schulen und 2.000 Wohnungen. Zwei von ihnen sollte Ben Allen an die zeitgemäßen Bedürfnisse von Familien anpassen. Das brutalistische Erbe behielt er im Blick.

Freiraum für Freigeister

Wie gestaltet man ein Zimmer für zwei Kinder, in dem sie während ihrer Besuche an den Wochenenden schlafen, spielen, lesen, arbeiten und entspannen können? Inspiriert von Antonello da Messinas berühmtem Gemälde „Der heilige Hieronymus im Gehäuse“, entwickelten Allen und sein Team einen individuellen Einbau, der gleich mehrere Funktionen erfüllt. Geschickt vereinten sie Betten, Tische, Regale, Sitzgelegenheiten, Stauräume und Treppenstufen in einem einzigen Objekt. Möglich wird die platzsparende Kombination durch zum Teil doppelte Funktionen einzelner Teile: So dienen etwa Tisch und Regal gleichsam als Stufen. Die Treppe beherbergt ein Regal und der ausgeklappte Schreibtisch wird zu einem kleinen Fenster. Hochgeklappt verschwindet er platzsparend in der Wand. Auch der zweite Schreibtisch und die vorgelagerte Treppe sind mobil und ermöglichen sogar auf minimaler Fläche Raum zum Spielen und Toben.

So lassen sich die einzelnen Teile fast wie Bauklötze hin- und herschieben und erlauben durch ihre multifunktionalen Eigenschaften eine Vielzahl von Aktivitäten und Gestaltungsvariationen. Zudem verleihen sie Struktur. Durch die fast deckenhohen Trennwände wird der Einbau – wie bei Hieronymus’ Gehäuse – fast zu einem separaten Raum im Raum. Vor allem durch die bogenförmigen Durchgänge entstehen spannende Blickbeziehungen und zahlreiche unterschiedliche Perspektiven. Das mache ihn eigentlich weniger zu einem Möbelstück, als vielmehr zu einem kleinen Stück Architektur, sagt Allen. Auf diese Weise wird einerseits Dialog und Interaktion zwischen den beiden Geschwistern gefördert, andererseits aber auch individueller Rückzug ermöglicht.

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Im Großen wie im Kleinen
„Oft sind die Eltern genauso begeistert von diesen Räumen wie ihre Kinder“, stellt Allen fest. Und so verfolgte er die Idee der Mini-Architektur auch für den Ausbau einer anderen kleinen Wohnung, ebenfalls im Barbican Centre, diesmal allerdings nicht nur für die kindlichen Bedürfnisse. Auch hier sollte Raum für den Familienzuwachs geschaffen werden. Allerdings gab es kein separates Kinderzimmer, wodurch der vorhandene Essbereich in ein zweites Schlafzimmer umgewandelt werden sollte. „Dafür fügten wir ein einzelnes, visuell einheitliches architektonisches Element ein, das als Wand, Tür, Wohnzimmerschrank, Klappschreibtisch, Bürostauraum, Bett, Kinderschreibtisch und Sitzbereich dient“, erläutert der Architekt.

Ein dazugehöriger Spiegel rundet das Gesamtkonzept ab. Nahe des Fensters angebracht, reflektiere er die angrenzende Architektur, meint Allen. Ihre runden und bogenförmigen Elemente, die man in Fensterprofilen, Dächern oder Wasserspeiern findet, entdeckt man auch in Allens Gestaltung immer wieder – in beiden Apartments und zum Teil bis ins kleinste Detail. Sogar die Schrankgriffe sind kleine Zitate der Inseln im Park. Außerdem wählte er für beide Projekte robustes Birkensperrholz. Während Allen es für die Geschwister in einem hellen Ton beizte, verlieh er dem Mobiliar für die ganze Familie neben Weiß auch kräftiges Rot, Grün und Blau.

Mit diesen beiden Ausführungen zeigt der Londoner Architekt, wie unterschiedlich ein und dasselbe Konzept wirken kann. Außerdem führt er vor Augen, wie auch kleinste Flächen optimal genutzt werden und mit minimalen Veränderungen in Farbe oder Anordnung zu immer neuen Formationen und Nutzungsmöglichkeiten führen können. „Wir hoffen die Normen infrage zu stellen, was diese Objekte tun sollten, wie sie funktionieren oder verwendet werden könnten“, sagt er. „Durch ihre Anpassungsfähigkeit möchten wir eine durchdachte Nutzung des Raums sowohl für Kinder als auch für Erwachsene ermöglichen“.

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