Brutalistische Verwandlung

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Text: Norman Kietzmann
Foto: The Standard

Der frühere Camden Town Hall Annexe gegenüber der King’s Cross Station, ein 1974 erbauter Betonbau mit modularer Fertigteilfassade, ist nun in das Standard Hotel London mit 266 Zimmern und Suiten umgebaut worden. Dem Siebzigerjahre-Charme ist das Interieur durchaus treu geblieben – aufgefrischt mit wohnlichen Nuancen und einem subtilen Disco-Hauch.

Die Gegend rund um die Londoner Bahnhöfe St. Pancras und King’s Cross wandelt sich rasant. 27 Hektar misst das Areal im Norden der beiden Stationen, wo frühere Industriebauten transformiert und drum herum ein neues Stadtviertel hochgezogen wurde. Das Central Saint Martins College, das Londoner Google-Hauptquartier oder die Tageszeitung The Guardian haben sich dort niedergelassen, wo vor zehn Jahren noch in den Nachtstunden erhöhte Gefahrenstufe galt. Auch die Verwaltung des Londoner Stadtteils Camden ist 2014 dorthin umgezogen und hat dafür ihre alten Arbeitsräume auf der Südseite des St. Pancras-Bahnhofs aufgeben: Der markante Siebzigerjahre-Bau mit hellgrauer Betonfassade wurde nun in die Londoner Dependance der Standard-Hotelgruppe umgewandelt, die damit ihr erstes Haus außerhalb der USA eröffnet hat. Die 1998 vom Hotelier André Balazs gegründete Luxus-Kette ist derzeit auf rasantem Wachstumskurs und plant die Eröffnung von mehr als zehn weiteren Häusern, darunter in Mailand, Paris, Lissabon und Mexiko City.

Reuse statt Recycle 
An dem Projekt waren mehrere Gestalter-Teams beteiligt. Den Umbau des 13.900-Quadratmeter-Baus haben Orms Architects aus London verantwortet. Sie haben die markante Betonfassade mit ihren abgerundeten Fensteröffnungen beibehalten und gereinigt. Anstelle der ursprünglich getönten Scheiben kommt nun transparentes Klarglas zum Einsatz. Die abgerundeten Fenster an den Gebäudeecken sind zusätzlich schallisoliert, um den Verkehrslärm der direkt am Hotel vorbeiführen Euston Road fernzuhalten. 

Während des Umbaus ist ein dreigeschossiges Volumen mit weiteren 3.100 Quadratmetern Nutzfläche auf das Dach gesetzt worden. Um dessen Gewicht abzufedern, sind zusätzliche Stahlträger in den Gebäudekern verankert worden. Die Architekten haben sie wie Nadeln durch die Kassettendecken der einzelnen Etagen hindurchgestochen, sodass sie von der Sockelplatte des Altbaus bis zu den Trennwänden in den Badezimmern des Dachaufbaus hinaufführen. Mit einer Fassade aus bedampften Stahlpaneelen wird ein klarer Bruch zwischen alter und neuer Bausubstanz vollzogen.

Ein knallroter Kabine führt vom Erdgeschoss direkt zur Dachterrasse. 

Knallroter Aufzug
„Unser Vorschlag, das bestehende, brutalistische Gebäude wiederzuverwenden, anzupassen und zu erweitern, wurde von der Denkmalschutzbehörde English Heritage unterstützt. Sie räumten ein, dass die Höhe der Erweiterung wesentlich ist, um das Gebäude an seinen neuen Zweck anzupassen“, erklärt Simon Whittaker, Partner von Orms Architects. Für die Erschließung des Dachaufbaus wurde ein Außenlift an der Nordfassade direkt gegenüber der neugotischen St. Pancras Station platziert. Eine knallrote Kabine führt vom Erdgeschoss direkt zur Dachterrasse in der zehnten Etage, wo im Oktober das Restaurant Decimo mit 360-Grad-Panoramablick eröffnen wird. Die Küche wird unter der Leitung von Sternekoch Peter Sanchez-Inglesias stehen, der eine zeitgenössische Interpretation spanischer und mexikanischer Gerichte an offener Feuerstelle verspricht.

Film und Interieur 
Die Einrichtung haben die Innenarchitekten David Archer und Julie Humphryes mit dem Interieurdesigner Shawn Hausman umgesetzt, der bereits die früheren Häuser der Standard-Hotelgruppe eingerichtet hat. Hausman, der 1956 in Hollywood geboren wurde, kennt sich mit Verwandlungen aus. Seine Karriere hat er im Film begonnen und dort unter anderem an der Ausstattung des Travolta-Disco-Klassiker Saturday Night Fever mitgewirkt. In New York hat er 1983 zusammen mit drei Schulfreunden den berühmt-berüchtigten Nachtclub Area eröffnet, der alle acht Wochen von einem 30-köpfigen Team zu einem neuen Thema umgebaut wurde. Nachtclub-Elemente finden immer wieder den Weg in seine Arbeit – doch bei weitem nicht nur.

Fliesen-Arbeit Perfect Time von Lubna Chowdhary hinter dem Tresen an der Rezeption. 

Gebrannte Kreismuster
Da an die Stelle des früheren Haupteingangs der neue Außenlift platziert wurde, erfolgt die Erschließung von der Westseite aus. Zwei blaue Drehtüren führen ins Innere hinein, wo sich linker Hand die Rezeption anschließt. Die auffälligen Fliesen hinter dem Tresen sind eine Auftragsarbeit der Londoner Künstlerin Lubna Chowdhary mit den Namen Perfect Time. Das auf Kreisen und Halbkreisen basierende Werk schwelgt munter in den Siebzigerjahren und nimmt einen farbigen Dreiklang vorweg, der auch die Inneneinrichtung der 266 Zimmer und Suiten bestimmt. 

Schon beim Öffnen der Türen ziehen die Bett-Überdecken mit ihren großformatigen Farbfeldern die Blicke auf sich. Der mittlere Blauton wird von den Teppichen aufgegriffen, das Dunkelblau von den Vorhängen, das blaustichige Rot von den Fronten der Einbaumöbel. Dazu gesellt sich ein Bordeaux-Ton, der von den Stoffbezügen der Sofas, den Lederbezügen der Freischwinger-Sessel (bei ihnen wurde auf die Vorder- statt auf die Hinterbeine verzichtet) oder den Nachttischen weitergeführt wird. Im Inneren der Kleiderschränke finden die Gäste übrigens für das Hotel angefertigte Bademäntel des derzeit schwer angesagten Londoner Modedesigners Graig Green, der seinen Abschluss nur wenige Gehminuten entfernt im Central Saint Martins College erhielt.

Passepartout für die Decke
Einen Gegenpol zur Farbe bilden die Raumgrenzen. Die Wände sind ebenso in strahlendem Weiß gehalten, wie auch die glatt verputzten Innenseiten der Betonfassadenelemente. Den Übergang zur Decke markieren glatte, weiße Paneele, die rund einen halben Meter breit sind und wie ein Passepartout mit abgerundeten Ecken entlang der Wände und der Fassadenfront verlaufen. In der Mitte des Raumes geben sie darüber liegende Kassettendeckenkonstruktion aus den Siebzigerjahren frei, die ebenfalls aus vorgefertigten Betonsegmenten zusammengesetzt wurde und eine betont raue Oberflächenstruktur zeigt. Auch sie ist durchgehend in Weiß gehalten, um der Möblierung den Vortritt zu lassen.

Den kommunikativen Mittelpunkt des Hotels bildet das Erdgeschoss mit Bibliothek, Leselounge, Musikstudio sowie dem ganztägig geöffneten Restaurant Isla und dem Bar-Restaurant Double Standard. Letzteres wartet mit einem mosaikverkleideten Tresen, roten Ledersitznischen und mit blauem Samt bezogenen Freischwingern auf, deren verchromte Stahlrohrkonstruktionen mit nur einem Fuß auskommen. Modernismus, Pop und Sinnlichkeit liegen eng beieinander an diesem Ort, der vielleicht Standard heißt, doch sich ganz gewiss nicht danach anfühlt. 

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