Brutalistischer Sehnsuchtsort

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Text: Nina C. Müller

Ruinen haben gemeinhin besondere Anziehungskräfte. Als eher ungewöhnliche Sehnsuchtsorte, deren Schönheit nicht durch frisierte Perfektion entsteht, sondern durch das Echte, Authentische und nicht zuletzt ihre Abbildung von Zeit. Es sind architektonische Memento Mori, die – Stichwort „Ruinen-Porno" – offenbar sogar sexy sein können. Auch Leopold Banchini und Daniel Zamarbide erkannten den Charme des Ephemeren und verliehen dieser Kapelle in Lissabon eine zeitgenössische Seele – mit viel Freizügigkeit, nacktem Stein und intimen Refugien.

Wer den steilen Hang von Nossa Senhora do Monte erklommen und es bis auf das Dach der alten Kapelle geschafft hat, findet dort oben, weit über den Dächern von Portugals Hauptstadt unerwartete Abkühlung. Und das nicht nur im türkis-blauen Wasser des umlaufenden Pools, sondern auch unter den Ästen von drei Pinien, die aus der marmornen Dachterrasse emporwachsen. „Sie erinnern an die Bäume, die einst die Mönche vor der Kapelle pflanzten“, sagt Architekt Leopold Bianchini, der das von Graffiti, Bauschutt und wilder Fauna geprägte Grundstück zusammen mit seinem spanischen Kollegen Daniel Zamarbide neu belebte.

Aussenansicht und Lage. Fotos: Dylan Perrenoud
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Himmel und Erde
Die äußere Hülle mit ihrem regelmäßigen Rhythmus aus Fensteröffnungen ließen die Planer erhalten. Im Innenraum aber entfernten sie alle überflüssigen Strukturen, um so größere Volumina zu schaffen und Licht und Aussichten vollends auszunutzen. Dabei ermöglicht ein offener Wohnraum, der die Gebäudekerne mit Nasszellen, Küche und Privatbereichen umsäumt, vielseitige Nutzungsmöglichkeiten. Hier sahen Zamarbide und Banchini doppelte Raumhöhen vor. „Sie schaffen einen ungeteilten, fließenden Bereich, lassen die Räume atmen und ermöglichen Kommunikation zwischen den Etagen“, sagt Banchini.

Dazwischen entstanden bogenförmige und runde Ausschnitte innerhalb von Decken und Böden, die eine Vielzahl von Perspektiven eröffnen. Verbunden werden die Ebenen durch eine schlanke Wendeltreppe, die sich vom ebenerdigen Patio bis hoch zur Dachterrasse schraubt. Als temporäre Abtrennungen innerhalb des weitläufigen Kontinuums sahen die Planer Holzschiebetüren und Leinenvorhänge vor. Privatere Zonen entstehen durch freistehende Schlafkojen aus Marmor, die sich im unten gelegenen Raum als Kamin fortsetzen.

Wohnen auf Zeit 
Regale und Bäder setzten die Planer ebenfalls im lokal abgebauten Marmor um. Mit seinem hautfarbenen Ton und der organischen Struktur, die wie Adern durch Haut schimmern, bricht der Naturstein die Kühle der mineralischen Betonstruktur in Decken, Wänden und Böden auf und verbreitet innerhalb der brutalistischen Konstruktion eine warme Atmosphäre. Auch die filigranen, himmelblauen Elemente von Treppe und Geländern setzen kontrastreiche Akzente und schaffen einen spannungsreichen Farbkanon.

Sonst bleibt die Gestaltung auf das Wesentliche reduziert. Die wenigen Materialien wie Leinen, Holz und Metall sind einfach, beinahe klösterlich die formreduzierten, hölzernen Möbel. Und auch auf Verkleidungen jeglicher Art verzichteten die Planer gänzlich. So liegen Rohre, Heizungen und Elektronikeinbauten frei und verleihen der sensibel durchgeplanten Innenarchitektur des ehemaligen Gottesbaus den Touch eines Provisoriums. Ganz so als sei auch diese Nutzung zeitlich begrenzt.

Tatsächlich dient er inzwischen als Ferienhaus für eine kleine Familie. Ein echter Sehnsuchtsort also. Festzuhalten gilt, Leopold Banchini Architects und Daniel Zamarbide verwandelten Nossa Senhora do Monte in eine schlichte, pure Schönheit, die mit ihren kurvigen Betonböden und ihrem delikaten Marmorkubikel wie eine Mischung aus Halfpipe und südländischem Boudoir anmutet, doch je nach Lichteinfall noch immer ein wenig sakral wirkt – trotz des ruinösen Sexappeals.

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