Charme des Alten: Neubau von Austin Maynard

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Text: Esther Blau
Foto: Stephanie Rooney, Peter Bennetts

Wie es der Zufall so will: Just während Umbauplanungen am eigenen Reihenwohnhaus wird das Nachbargebäude zum Verkauf angeboten. Dieses Glück bot sich einer fünfköpfigen Familie in North Fitzroy, einem historischen Viertel in Melbourne. Beide Grundstücke sind lang und ungewöhnlich schmal. Ursprünglich waren sie auf ihrer gesamten Länge hin bebaut, woraus sich enge verwinkelte Innenräume ergaben. Die Familie kaufte das Nachbargrundstück und beauftrage das ansässige Büro Austin Maynard Architects, auf der insgesamt 464 Quadratmeter großen Fläche einen Neubau zu planen, der den ursprünglichen Charakter des Verwinkelten beibehält, jedoch Licht und Sonne in die Innenräume bringt.

Wie die vorherige Bebauung schließt auch der Neubau an beiden Grundstücksenden zu den angrenzenden Straßen hin ab. An der Haupt- und Eingangsseite blieben die viktorianischen Fassaden beider Reihenhäuser erhalten. Im vorderen, renovierten Teil des ehemaligen Hauses der Familie ist eine Gästewohnung untergebracht. Hinter der restaurierten Fassade des Nachbarhauses entstand ein kleines Gebäude für ein Büro. Zwischen ihnen, leicht zurückgesetzt fügte das Büro Austin Maynard Architects einen separaten Eingangsbereich aus Glas ein, der zum dahinterliegenden Garten und neuen Wohnhaus führt.

Eine Berglandschaftssilhouette als Fassade
Durch den gläsernen Eingangsbereich sind das neue Wohngebäude und der Hofgarten zu erreichen. Küche, Ess-, Wohn- und Spielbereich, die fünf Schlafzimmer und Nebenräume entfalten sich auf zwei Etagen über die Länge bis einschließlich zum Ende des Grundstücks. Die verspielte Dachform ermöglicht einerseits ein maximiertes Innenvolumen. Andererseits vermindert sie dort Blickkontakt zu den Nachbarn, wo sehr nah ans Grundstück gebaut wurde. Nach außen hin formt dsd Dach die Silhouette einer Berglandschaft, die den Innenhof umschließt.

Flexible Innenräume mit Klettererschließung
Die Fassade zum Garten hin lässt Licht und Sonne in den Wohnbereich hinein, den die Architekten mit räumlichen Überraschungen versahen. Im Erdgeschoss gehen Wohnen, Küche mit verborgener Speisekammer und Essbereich ineinander über und öffnen sich mit großen Glasschiebetüren zum Patio. Hinter dem Esszimmer, an einer versteckten Waschküche vorbei befindet sich die zweistöckige Kinderzone. Sie besteht aus einem gemeinsamen Lern- und Leseraum und einem Spielzimmer, das einen direkten Zugang zum Garten besitzt. Über eine Wendeltreppe sind die drei Kinderschlafzimmer und ein Bad zu erreichen. Mit Schiebetüren ausgestattet, ermöglichen sie es den Geschwistern privat zu sein oder sich über den Flur miteinander zu unterhalten – sowohl zwischen den Schlafzimmern als auch von oben nach unten. Das Elternschlafzimmer mit Ankleide und Bad liegt ebenfalls im Obergeschoss in der Mitte des Hauses, direkt über der Küche. Eine aus einer Stahlkonstruktion bestehende Brücke verbindet die Schlafzimmer der Kinder mit dem der Eltern. Diese eigene Erschließung der oberen Etage ist über Treppen oder Kletterstufen mit dem Erdgeschoss verbunden.

Elegant alternde und Umwelt gerechte Materialien
Die hellen Innenräume sind mit Holzmöbeln und warmen Materialien in vielerlei Farbtönen ausgestattet. Die Böden im Erdgeschoss bestehen aus kühlendem poliertem Beton oder Holz, auf denen Wollteppiche einzelne Wohnbereiche und Sitzgruppen voneinander separieren. Im Eingangsbereich ist der Ziegel sichtbar belassen, aus dem das Mauerwerk der Wände beschaffen ist. Das Dach ist mit Schiefer gedeckt, der heute in Melbourne kaum noch verwendet wird. Über seine ästhetischen Eigenschaften hinaus, hat er eine lange Lebensdauer und ermöglicht eine natürliche Begrünung, was ihn elegant altern lässt. Verwendete Materialien und die Raumaufteilung mit ihren Winkeln, versteckten Ecken und Nischen, aber genauso die Durchlässigkeit über beide Etagen bieten sowohl Überraschungen als auch Entdeckungen und lassen den Charme des Alten im neuen Wohngebäude wiederaufleben.

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