Chilenisches Stapelspiel

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Text: Tim Berge
Foto: Nico Saieh

Von der Straße aus ist es kaum zu erkennen: Wie ein Ableger der Fahrbahn, die sich entlang der Küste schlängelt, wirken Dach und Einfahrt der Casa MO. Der Bau selber versteckt sich vor dem menschlichen Auge. In dem Gebäude des Architekten Gonzalo Mardones ordnet sich alles dem Ausblick unter. Die beeindruckende Kistenarchitektur erschließt sich dem Besucher erst im Inneren. 

Zapallar ist einer der teuersten Flecken Chiles: Wer hier ein Haus besitzt, gehört höchstwahrscheinlich zur Elite des Landes. Die Stadt schlängelt sich an der Pazifikküste entlang und bietet den Bewohnern nicht nur eine Vielzahl an spektakulären Ausblicken, sondern auch wunderschöne Sandstrände mit glasklarem Wasser: der perfekte Ort für ein außergewöhnliches Feriendomizil

Ohne Orientierung
Die Casa MO ist eingegraben: Von der Straße aus betritt oder fährt man hinab auf das Dach des Gebäudes und erschließt den Bau von oben nach unten über Treppen und Rampen. Das Haus besteht aus drei übereinander gestapelten Etagen, die wie Bauklötze verdreht und versetzt zueinander angeordnet sind. Das oberste Geschoss ragt weit über die unteren Ebenen hinaus: Hier befinden sich das Wohnzimmer und eine vorgelagerte Terrasse, von der aus die Bewohner Richtung Pazifik und Horizont schauen. Je weiter es in die Tiefe geht, desto privater werden die Räumlichkeiten: Wie bei einem Bergstollen kann die Orientierung kurzzeitig verloren gehen, bis ein weiterer Ausblick auf die Natur das Koordinatensystem wieder zurechtrückt. 

Gelenktes Licht
Das Spiel mit der Stapelung zeichnet sich auch im Innenraum deutlich ab: Atrien und Galerien erzeugen Schnittstellen und verbinden die versetzten Ebenen. Zusätzlich lenken sie das Tageslicht, das neben den wenigen Fenstern auch durch Deckenöffnungen in die Räume fällt, in die Zimmer ohne Außenbezug. Während sich ein Großteil des Gebäudes in den Hang gräbt, besitzt jede Etage eine Terrasse, die sich zum Ozean hin öffnet. Durch Dachüberhänge aus betonierten Balkendecken werden die Außenbereiche vor starker Sonne und Westwinden geschützt – und verschmelzen dank ihrer Materialität mit der Architektur.

Chemische Geheimwaffe
Der introvertierte Eindruck wird auch durch die monochrome Farb- und Materialwirkung der Fassade und der Innenräume verstärkt: Alles erstrahlt in stumpfem Weiß, einzig die Fenster und Geländer wurden aus Zedernholz gefertigt. Eine besondere Rolle beim Bauprozess spielte der Einsatz von Titandioxid, das dem Beton und den Farbanstrichen im Innenraum beigemischt wurde. Der Stoff besitzt verschiedene Qualitäten, die sich positiv auf die Wohnatmosphäre auswirken. Sein Brechungsindex ist größer als bei den meisten organischen Stoffen und sorgt dadurch für eine optimale Lichtstreuung. So wird das einfallende Tageslicht aufgewertet. Gleichzeitig bindet das Oxid, ähnlich wie bei Bäumen, toxische Gase, die durch Autos entstehen.

Seiner kubischen Formensprache und dem Fokus auf das Wesentliche bleibt sich der junge, chilenische Architekt Gonzalo Mardones bis ins Detail treu. Mit seiner felsenhaften Gestalt und dem Wechselspiel aus offenen und geschlossenen Volumina erinnert das Haus ein wenig an die Architektur Tadao Andos und Peter Zumthors: eine perfekte Mischung aus Skulptur und Spiel mit den natürlichen Gegebenheiten.

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