Cliffhanger am Fluss: Wochenendhaus in Japan

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Text: Tim Berge, Foto: Akira Kita

Die mystische Aura der Kleinstadt Tenkawa beeindruckt. Landschaft und Architektur sind hier über die Jahrtausende eine einmalige Symbiose eingegangen. An einem steilen Flussufer wollten sich ein Arzt und seine Frau eine einfache Fischerhütte bauen lassen. Das Baugrundstück und die besondere Lage erforderten allerdings eine Änderung der Pläne.

Die Yoshino-yama genannte Bergwelt in der Präfektur Nara ist reich an Tempeln und Schreinen und für ihre alljährliche Kirschblüte berühmt. Hier scheint die Natur noch in ihrer ursprünglichen Form zu bestehen und so ordnen sich die Dörfer und Häuser dem landschaftlichen Kontext unter. Teilweise aus Respekt vor der Umwelt, teilweise auch aus konstruktiven Gründen. So auch beim Bau des Cliff Houses. Das Baugrundstück, auf dem sich ein Ärztepaar eine Hütte zum Fischen bauen wollte, besteht zum größten Teil aus einem steilen Hang, der 17 Meter hinunter zum Fluss führt. Allein ein sechs Meter breites, ebenes Terrain blieb dem Architekten Masato Sekiya, um eine stabile Grundlage für das Haus zu entwickeln. Das unmittelbare Ufergelände kam als Untergrund nicht in Frage, da der Flusspegel aufgrund von Hochwasser dramatisch ansteigen kann.

Pläne
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Statischer Balanceakt
Masato Sekiya entschied sich dafür, den Neubau des Wochenendhauses als stabile Betonkonstruktion zu errichten, die er zu einem Drittel in den Hang grub und mittels massiver Stützen mit dem Baugrund verband. Zusätzlich sorgt ein Betongewicht am hinteren Ende des Hauses für statische Balance. Ein weiterer Vorteil des Absenkens vom Wohnbereich ist die freibleibende Sicht auf den Fluss und den gegenüberliegenden Wald vom Straßenniveau aus: Vorbeifahrende Autos und Passanten sehen von dem gerade einmal 70 Quadratmeter großen Neubau nicht mehr als das flache Dach, das wie ein steinerner Steg über Hang und Wasser auskragt. Und für die Bauherren entstanden so ein Parkplatz für ihre Autos und eine begrünte Terrasse.

Wohnliche Höhle
Von der Straße aus führt eine schmale Treppe hinab zum seitlich gelegenen Eingang des Hauses. Der Bau ist in zwei längliche Wohnstreifen aufgeteilt: Ein schmaler Bereich an der Seite nimmt sämtliche Nebenfunktionen wie Bad, Küche und Gästeschlafzimmer auf. Der weitaus breitere Hauptraum, der sich aus Schlaf- und Wohnzimmer sowie einer Loggia zusammensetzt, lässt sich durch Schiebewände unterteilen – oder als ein Ganzes zusammenfügen. Mit Ausnahme des Bodens bleibt im Inneren die raue Oberfläche des Betons bestehen und erzeugt eine höhlenartige Aura. Fußboden, Trennwände und Einbauten sind aus Holz gefertigt und geben dem Wohnraum ein wenig Wärme. Der Fokus des Cliff House liegt aber auf dem spektakulären Ausblick und dem Zusammenspiel mit der Natur, die genauso rau und unbehandelt wirkt wie die Architektur Sekiyas. Das wird spätestens bei einem Bad in der Wanne klar, die unmittelbar an der Gebäudekante steht – 17 Meter oberhalb des wilden Flusses.

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